Die bestehende Energiepolitik Europas ist "suboptimal", so Delors in einem Policy Paper der Denkfabrik Notre Europe, die vom bedeutenden ehemaligen Kommissionschef selbst gegründet wurde.
In seinem Vorwort beklagt sich Delors, dass es der Europäischen Union nicht gelungen ist, eine gemeinsame Energiepolitik zu entwickeln – trotz der stark ausgeweiteten regulierenden Tätigkeiten zur Schaffung eines gesamteuropäischen Energiemarkts und Bekämpfung des Klimawandels.
"Die nationalen Lösungen der Mitgliedstaaten […] haben sich als unzulänglich erwiesen und haben das Risiko divergierender und sogar entgegenstehender Antworten auf gemeinsame Herausforderungen erhöht", schreibt Delors.
Ohne Russland namentlich zu erwähnen, sagt Delors weiter, dass die EU gegenüber externen Partnern eine einzige Schnittstelle präsentieren müsse, damit kein "Drittland" Energielieferungen gezielt kürzen könne.
Nach der kürzlich erfolgten, schwierigen Prozedur zur Überarbeitung der Verträge seien vielleicht nicht alle EU-Staaten schon bereit, auf diesem Weg voranzuschreiten. Sollte dies der Fall sein, müssten aber diejenigen Staaten, die sich ohne Verzögerungen vorwärts bewegen wollten, dies auch tun können.
Ein differenzierter Ansatz dieser Art sei nicht ohne Präzedenzfall. So sei dieser Ansatz in der Vergangenheit dazu genutzt worden, das europäische Projekt mit großen Vorwärtsschritten voranzutreiben, etwa beim Schengen-Raum und der gemeinsamen Währung.
Delors, oft als einer der "Väter Europas" bezeichnet, war während seiner Amtszeit als Kommissionspräsident (1985-1994) einer der Architekten des Euros. Das Schengen-Abkommen wurde 1985 außerhalb der Europäischen Gemeinschaft von zehn der damals zwölf EG-Mitglieder unterzeichnet. Der Vertrag von Amsterdam von 1997 integrierte Schengen dann in das etablierte EU-Recht.
"Bemühungen zum Aufbau einer kohärenten und wirksamen gemeinsamen Politik müssen jetzt beginnen", erklärt Delors. Er schlägt vor, dass dies innerhalb des Rahmens der verstärkten Zusammenarbeit nach Artikel 20 des Vertrags über die Europäische Union geschehen könnte.
Delors benennt folgende Prioritäten für Länder, die mit der Integration fortfahren möchten:
- die Entwicklung ehrgeiziger Wirtschaftsinstrumente zur Finanzierung gemeinsamer Forschungs- und Entwicklungsprojekte über alternative Energien;
- eine vertiefte und strukturierte Zusammenarbeit in europaweiten Energienetzen und
- den Aufbau von Einkaufsverbunden, um die Beschaffung von Erdöl und -gas von ausländischen Produzenten zu erleichtern und dadurch die EU-Außenpolitik in diesem Bereich zu stärken.
Obwohl diese Schritte technisch und begrenzt erscheinen mögen, würden sie zu entscheidenden Veränderungen führen und damit den Weg für mehr Zusammenarbeit und Solidarität im Energiebereich bereiten, so Delors.



