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Energieszenario bis 2050: Shell für Festlegung der Kohlenstoffpreise [DE][en][fr

Erschienen: Dienstag 8. April 2008   

Vor dem Hintergrund der weltweit steigenden Ölnachfrage, des demographischen Drucks, der Beschränkungen in der Versorgung mit fossilen Brennstoffen und einer steigender Umweltverschmutzung hat sich Shell für eine neue ‚Interessenskoalition’ ausgesprochen, die weniger energieintensive Entwicklungen befürwortet.

Hintergrund:

Große Ölkonzerne nehmen normalerweise Abstand von Kommentaren über zukünftige Energievorräte. Einige beginnen nun jedoch anzudeuten, dass die Ölreserven schnell schrumpfen. In einer Kampagne von 2006 sagte Chevron: „It took us 125 years to use the first trillion barrels of oil. We'll use the next trillion in 30” (deutsch: Wir haben 125 Jahre gebraucht, um die erste Billion Barrel Öl zu fördern. Die nächste Billion werden wir in 30 Jahren verbrauchen.)

Ein Bericht der Internationalen Energieagentur (IEA) von 2007 warnte, dass die Welt in den kommenden fünf Jahren mit einer Ölversorgungskrise konfrontiert sein werde (EurActiv vom 10. Juli 2007). 

In seinem letzten Weltszenario von 2005 betonte Shell die notwendigen Methoden und Vorbereitungen, um sich den Herausforderungen einer erhöhten Nachfrage nach fossilen Brennstoffen und stärkeren staatlichen Kontrolle über Kohlenwasserstoffvorräte zu stellen.

„Wir stehen vor einer Ära der revolutionären Übergänge und beträchtlicher Turbulenzen“, hieß es im ‚Energieszenario bis 2050’ von Shell von 2008, das am 7. April 2008 in einer Konferenz von Friends of Europeexternal vorgestellt wurde.

Die Energienachfrage wird sich bis 2050 vermutlich verdoppeln, die Vorräte gehen jedoch zurück und die Belastung der Umwelt nimmt zu. Shell hat daher zwei alternative Szenarien vorgestellt, die eine globale Antwort auf diese drei ‚harten Wahrheiten’ beinhalten:

„Scramble“ versus „Blueprints”

Das erste und pessimistischere Szenario „Scramble“ (rücksichtsloser Wettlauf) ist vor dem Hintergrund des zunehmenden weltweiten Wettbewerbs um Energievorräte durch eine ‚Flucht hin zu Kohle’ und Verstaatlichung der Energierohstoffe gekennzeichnet.

In diesem Szenario, so Shell, sei die Politik auf der Nachfrageseite so lange nicht sinnvoll verfolgt, bis die Begrenzung der Vorräte akut sei. Ebenso werde die Umweltpolitik nicht ernsthaft verfolgt, bis drohende Klimakatastrophen die Politiker zu Reaktionen zwängen.

Ein alternatives und optimistischeres Szenario ist das Szenario „Blueprints“ (geplante Entwicklung), das von Shell befürwortet wird. Es wäre vorbeugender und würde eine stärkere weltweite Zusammenarbeit zwischen Regierungen und dem Privatsektor beinhalten. 

Ein Preisbildungsmechanismus für CO2 sowie ein funktionierender Weltkohlenstoffmarkt wären entscheidende Bestandteile des Blueprints-Szenarios, da dies eine nachhaltige Entwicklung in anderen Bereichen stimuliere, insbesondere erneuerbare Energien und Technologien zur Kohlenstoffabscheidung und -speicherung (CCS), die Shell als grundlegend für das Verfügbarmachen ‚sauberer’ Energie aus fossilen Brennstoffen erachtet.

Das richtige Klima

Die Entscheidung des Unternehmens, zum ersten Mal überhaupt ein Szenario einem anderen vorzuziehen, sei nicht „uneigennützig“, sagte Jeremy Bentham, Shells Vize-Präsident für Global Business Environment.

Shell sagt, man suche nach einem günstigen und stabilen Investitionsklima, trotz der Bedenken, dass unter dem Scramble-Szenario das gesamte Energiesystem zu Fall kommen werde, sagte Jeroen van der Veer, der Vorstandsvorsitzende des Unternehmens.

Nach dem Blueprints-Szenario würden die weltweiten CO2-Emissionen bis 2020 gesenkt werden und schließlich bis 2050 auf das Niveau von 2000 fallen, so Bentham. Er ist der Meinung, dieser zeitliche Rahmen sei realistisch, um weltweit eine Einigung über bedeutende Vorschriften zu erzielen, um somit die wichtigsten Energiesysteme miteinander in Einklang zu bringen.

Wenn das Blueprints-Szenario nicht realisiert würde, würden notwendige Investitionen im Energiesektor behindert werden, warnte Bentham.

Positionen:

Javier Solana, der Hohe Vertreter der EU für die Gemeinsame Außen- und Sicherheitspolitik, warnte während der Konferenz, dass die EU vor ernsten finanziellen Problemen stehe, was die Bereitstellung von Mitteln betreffe, die für die Entwicklungen sauberer Energieformen notwendig seien.

Die notwendigen Mittel stünden nicht zur Verfügung, so Solana.

Im Hinblick auf das Problem der steigenden Energienachfrage verwies Fatih Birol, Chef-Ökonom der Internationalen Energieagentur (IEA), auf eine „neue Geschichte“, in der steigende Energiepreise keinen nachteiligen Effekt mehr auf die Nachfrage hätten.

Frühere Störungen der Ölversorgung (besonders Anfang der 1970er und Ende der 1980er Jahre) waren durch Preisanstiege von 40 US-Dollar pro Barrel Rohöl geprägt und die weltweite Kraftstoffnachfrage sank um drei bis vier Prozent. Der gegenwärtige Ölpreisanstieg sei jedoch von einem vierprozentigen Anstieg der Nachfrage begleitet – eine unerwartete Situation, die das „Ende der Preiselastizität“ andeute, so Birol. Er stelle die Annahme der Kommission infrage, dass steigende Energiepreise die Politik zur Senkung der Energienachfrage unterstützten.

Der grüne Europaabgeordnete Claude Turmes sprach sich im Allgemeinen für Shells Blueprints-Szenario aus, stellte jedoch das Ausmaß infrage, in dem man auf CCS-Technologien als sauberere Alternativen für fossile Kraftstoffe vertrauen sollte.

CCS sei ein „Joker“ und man sollte nicht auf ihn angewiesen sein, sagte Turmes. Er verwies auf die hohen Kosten, die mit der Entwicklung dieser Technologie im Zusammenhang stünden.

Birol unterstützte die Skepsis Turmes gegenüber CCS und sagte, die Technologie werde in Entwicklungsländern wie Indien oder China dringender benötigt, wo man von Kohle abhängig sei, um den Großteil des Energiebedarfs zu decken.

Wenn China und Indien ihre derzeitige Energiepolitik fortsetzten, so Birol, würden ihre CO2-Emissionen die vieler Industrienationen klein erscheinen lassen. Dies würde die ehrgeizigste Politik zur Senkung der CO2-Emissionen der EU und der USA negieren und zu einem Anstieg der durchschnittlichen Temperaturen weltweit um bis zu sechs Grad Celsius führen.

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