ThemenRubriken
MiniRubriken
Der Streit über die Liberalisierung der Energiemärkte ist in die nächste Runde gegangen. Die Vorschläge der Kommission, den Binnenmarkt der EU für Gas und Strom zu vervollständigen, bringen Frankreich und Deutschland in eine Zwickmühle, da EDF und E.ON entweder der Abbau ihrer Übertragungsanlagen oder eine strenge Regulierungsaufsicht bevorsteht.
Das dritte Paket der Kommission zur Energieliberalisierung wurde in Brüssel mit Spannung erwartet, aber sein Inhalt war bereits im Vorfeld aufgrund früherer Debatten während der EU-Gipfel und während Ministertreffen sowie aufgrund verschiedener Presseberichte weithin bekannt (EurActiv vom 3. September 2007).
Seit einem Jahr lag der Schwerpunkt der Diskussionen über die Energieliberalisierung hauptsächlich auf der Frage des Eigentumsrechts an Gasleitungen und Stromnetzen. Die Kommission ist der Meinung, diese sollten vollständig von der Energieversorgung und der Energieherstellung getrennt sein.
Die Mitgliedstaaten, in denen große Energiekonzerne ansässig sind, vor allem Frankreich und Deutschland, haben die Logik der Kommission in Frage gestellt. Diese beinhaltet, dass weitere Liberalisierung auch die Entflechtung von Anlagen einschließt. Die Energieriesen sind jedoch der Meinung, dies untergrabe die Energiesicherheit und treibe für Verbraucher Preise in die Höhe.
Kern der Vorschläge, die der Kommissionspräsident José Manuel Barroso am 19. September 2007 vorgelegt hat, sind Maßnahmen, die darauf abzielen, die effektive Trennung des Betriebs von Strom- und Gasverteilungsnetzwerken von der Versorgung und von Erzeugungsaktivitäten sicherzustellen. Um dies zu erreichen, schlug die Kommission zwei Möglichkeiten vor:
1. Eigentumsrechtliche Entflechtung
Diese Möglichkeit, die von der Kommission bevorzugt wird, würde es den Unternehmen, die an der Übertragung von Strom und Gas beteiligt sind, verwehren, gleichzeitig an der Energieerzeugung oder –versorgung beteiligt zu sein.
Dies bedeutet, dass diese Unternehmen Teile ihrer Anlagen verkaufen müssten. Investoren könnten ihre Beteiligung an den entflechteten Konzernen durch ein System der Teilung des Anteils behalten, wobei ihnen zwei Aktien für eine, die sie bereits besitzen, geboten würden.
Dies bedeute nicht, so die Kommission, dass eine Person oder ein Unternehmen keine Anteile an sowohl einem Netzwerkbetreiber als auch einem Versorgungsunternehmen haben könne. Beispielsweise könne ein einzelner Investor noch immer eine Minderheitsbeteiligung an sowohl den Versorgungsunternehmungen als auch an Netzwerkbetreibern haben, erklärte die Kommission. Dies ist jedoch nur möglich, so lang diese Anteile eine Minderheitsbeteiligung ohne bestimmenden Einfluss seien.
2. Unabhängiger Systembetreiber (ISO; Independent System Operator)
Aufgrund der Gefahr eines Vetos von Frankreich, Deutschlands und sieben anderen Mitgliedstaaten, die im Juli 2007 einen Brief an die Kommission richteten, in dem sie ihre Ablehnung einer vollständigen Entflechtung äußerten, hat die Kommission eine mögliche „Ausnahmeregelung“ in Form eines „vollständig unabhängigen Systembetreibers“ (ISO) Vorgeschlagen.
Diese zweite Möglichkeit bedeutet, dass Unternehmen, die an der Energieerzeugung und –versorgung beteiligt sind, ihre Netzwerkanteile behalten könnten. Sie würden jedoch den Einfluss darauf verlieren, wie die Netzwerkanteile geleitet würden. Geschäfts- und Investitionsentscheidungen würden bei einem unabhängigen Unternehmen, das von den nationalen Regierungen bestimmt würde, liegen (ISO).
Die Kommission warnte jedoch, dass dies zu einer größeren Belastung durch Reglementierungen führe:
Die Bestimmung des unabhängigen Systembetreibers durch die nationalen Regierungen bedarf zuvor die Genehmigung der Kommission, um ein ausreichendes Maß an Unabhängigkeit sicherzustellen.
In Hinblick auf Eigentumsrecht zielt die Möglichkeit der ISO auch auf die Abwendung von Kritik ab, die diese Option wahrscheinlich von Seiten Frankreichs erfahren wird, da die Kommission versuchen wird, Energieeinrichtungen wie EDF zu privatisieren.
Ein Kommissionsbeamter erklärte, es sei Sache eines jeden Staates, zu entscheiden, ob das Übertragungsnetzwerk in privatem oder staatlichem Besitz komme. Sie müssten jedoch beweisen, dass sie vollkommen unabhängig vom Staat seien.
Mehr Einfluss für nationale Regulierungsbehörden und die neue EU-Agentur
Ein Mangel an Kohärenz in Hinblick auf Einfluss und Aufgabenbereiche der nationalen Energieregulierungsbehörden wurde als eines der größten Hindernisse für das reibungslose Funktionieren des EU-Energiemarktes bestimmt. Das dritte Paket zur Energieliberalisierung soll dieses Problem lösen:
Um die regulatorische Lücke zu schließen, die derzeit bei grenzüberschreitenden Bewegungen im Gas- und Stromsektor besteht, schlägt die Kommission die Schaffung einer europäischen Agentur für die Zusammenarbeit von Energieregulierungsbehörden vor. Die Agentur wird Entscheidungsgewalt haben, um von Fall zu Fall Entscheidungen, die von nationalen Regulierungsbehörden getroffen wurden, zu überarbeiten. Weiterhin wird sie mit der Aufgabe betraut sein, sicherzustellen, dass Netzwerkbetreiber ausreichend zusammenarbeiten.
Der Einflussbereich der Agentur wird sich auf grenzüberschreitende Fragen beschränken. Die Agentur sei weder ein Ersatz für nationale Regulierungsbehörden, noch eine europäische Regulierungsbehörde, sagte die Kommission.
Mehr Zusammenarbeit zwischen Übertragungsnetzbetreibern (ÜNB)
Die Zusammenarbeit zwischen nationalen Übertragungsnetzbetreibern (ÜNB) im Gas- und Stromsektor, die derzeit nur auf freiwilliger Basis stattfindet, wird im Rahmen der Kommissionspläne durch die Errichtung eines europäischen Netzwerkes für Übertragungsnetzbetreiber formalisiert werden. Dieses Netzwerk wird drei Hauptaufgaben haben:
Erhöhte Markttransparenz
Schließlich werden Marktteilnehmer einer genauen Überprüfung unterzogen werden, da sie ihre täglichen Tätigkeiten genau protokollieren müssen, um mögliche Untersuchungen zu Marktmissbrauch zu erleichtern.
Die Kommission sagte, derzeit könnten Regulierungsbehörden Anschuldigungen für Marktmissbrauch nicht in effektiver Form bewerten. Damit Regulatoren tätig werden könnten, müsse es ihnen möglich sein, das Verhalten der Marktteilnehmer in der Vergangenheit zu untersuchen. Es müsste ihnen weiterhin möglich sein, herauszufinden, ob deren operationale Entscheidungen auf einer soliden wirtschaftlichen Grundlage gründeten oder ob deren Entscheidungen darauf abzielten, Marktpreise zu manipulieren.
Stromerzeuger, Betreiber von Gasnetzwerken und Versorgungsunternehmen müssten daher alle Daten aufzeichnen, die mit operationalen Entscheidungen und mit Handel in Zusammenhang stünden, fügte die Kommission hinzu.
Als Kommissionspräsident José Manuel Barroso der Presse seine Vorschläge vorstellte, sagte er, dass eine weitere Liberalisierung aufgrund der folgenden fünf Aspekte notwendig sei:
Barroso erklärte, warum die Kommission auf eine vollständige eigentumsrechtliche Entflechtung bestehe: Wenn ein Unternehmen Strom und Gas verkaufe und gleichzeitig die Netze besitze, stelle dies einen großen Anreiz dar, sicherzustellen, dass konkurrierende Unternehmen keinen angemessenen Zugang zum Netz erhielten.
Es sei etwa wie ein Supermarkt, der eine eigene Marke habe, aber weder in den Regalen Platz für Produkte anderer Marken bereitstellen wolle, noch begänne neue Regale zu bauen oder neue Filialen zu eröffnen.
Auf die unabhängigen Systembetreiber Bezug nehmend sagte Barroso, dass diese Möglichkeit komplizierter sei, als die eigentumsrechtliche Entflechtung, und eine erhöhte regulatorische Last bedeute. Dies sei der Kompromiss, den diejenigen Mitgliedstaaten eingingen, die diese Möglichkeit wählten. Leicht an Deutschland Kritik übend sagte Barroso, es sei ironisch, dass einige Vertreter, welche die Option des unabhängigen Systembetreibers befürworteten, die gleichen seien, die in anderen Fragen einen Bürokratieabbau unterstützten und die Kommission für einen übermäßigen Verwaltungsaufwand kritisierten.
Der deutsche Wirtschaftsminister Michael Glos sagte zu den Kommissionsvorschlägen, er lehne das Paket entschieden ab. Er sagte, das Paket sei „insgesamt zu bürokratisch“. Glos fügte hinzu, die hohe Qualität und Sicherheit der deutschen Stromnetze solle nicht gefährdet werden.
Eine ähnliche Reaktion war aus Frankreich zu verlauten: Die Wirtschaftsministerin Christine Lagarde sagte, die lehne die eigentumsrechtliche Entflechtung ab. Vor der Nationalversammlung in Paris sagte sie, man werde alles Mögliche tun, um sich diesen Vorschlag zu widersetzen. Lagarde versprach weiterhin, dass der von Frankreich geschätzte regulierte Tarif, der von der Kommission scharf kritisiert werde, nicht verschwinden werde. Die Kommission neige sehr stark dazu, Tarife zu regulieren; europäische Richtlinien sähen zu diesem Thema jedoch nichts vor. Sie fügte hinzu, die Tarife würden 2010 nicht verschwinden.
Aufgrund der französischen und deutschen Ablehnung verspricht der Rechtsstreit lang zu werden, da der Entwurf zur Annahme an Parlament und Rat weitergereicht wird – ein Prozess, der in den seltensten Fällen weniger als zwei Jahre andauert. Weiterhin wird die französische Ratspräsidentschaft in der zweiten Jahreshälfte 2008 eine frühe Annahme der Vorschläge vor Ende der Amtszeit der derzeitigen Kommission im Jahr 2009 nicht erleichtern.