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Initiative von EP-Abgeordneten zur Wasserstoffwirtschaft: Realitätsfern oder Weg nach vorn? [DE][en][fr

Erschienen: Mittwoch 14. September 2005   

Mehrere Europaabgeordnete forderten am 12. September den Abschied vom Ölzeitalter und den Einstieg in eine grüne Wasserstoffwirtschaft. Doch basiert diese Initiative auf wissenschaftlichen Erkenntnissen oder politischer Träumerei?

Hintergrund:

Die Weltwirtschaft basiert auf der Nutzung billiger fossiler Rohstoffe wie Erdöl, Erdgas und Kohle. Diese Rohstoffe werden jedoch über kurz oder lang erschöpft sein. Über den genauen Zeitpunkt herrscht unter Experten noch Uneinigkeit. Wasserstoff, eines der Elemente, welches auf der Erde am meisten vorkommt, wird von einigen Experten als idealer Ersatz für die fossilen Rohstoffe betrachtet. Eine Energieversorgung der Zukunft, die auf Wasserstoff und Elektrizität basieren würde, wäre um einiges sauberer und wäre weitaus weniger von bestimmten Regionen der Welt abhängig [beispielsweise hinsichtlich der Ölversorgung vom Nahen Osten].  

Doch bevor Wasserstoff den Energiebedarf der Welt befriedigen kann, bedarf es massiver Investitionen, vor allem im Bereich Forschung und Entwicklung (FuE).
Darüber hinaus hat auch Wasserstoff einige Mängel. Als Energieträger [ähnlich wie Strom] muss es erst aus anderen Energiequellen hergestellt werden. Derzeit wird Wasserstoff mithilfe von Naturgas erzeugt.

Physics Today liefert eine gute Einführung zu diesem Thema: The Hydrogen Economyexternal .

Weitere Nachrichten:

Abgeordnete fast aller Fraktionen im Europäischen Parlament haben eine Grüne Wasserstoffcharta vorgelegt, in der sie die EU dazu auffordern, alle Kräfte zu bündeln, um bis 2025 den Übergang „zu einer vollständig integrierten grünen Wasserstoffwirtschaft“ zu vollziehen. Die Abgeordneten sind hierzu unter anderem von dem US-Autor Jeremy Rifkin („Die Wasserstoffwirtschaft“) inspiriert worden. Unter Verweis auf die hohen Ölpreise und den Klimawandel fordern die Abgeordneten die Ausstellung europaweiter Wasserstoff-Wertpapiere (‚Eurobond’), damit die Milliarden von Euro, die für den Aufbau einer Infrastruktur für eine grüne Wasserstoffwirtschaft erforderlich sind, aufgetrieben werden können. 

Andere Initiativen auf EU-Ebene  

Die Wasserstoffinitiative der Abgeordneten ist nicht die erster auf europäischer Ebene. Im Jahr 2002 erklärte die Kommission unter Präsident Prodi die Wasserstoffwirtschaft zu einer ihrer Prioritäten (Rifkin war persönlicher Berater von Präsident Prodi). Auf der Grundlage des Berichts einer hochrangigen GruppePdf external , die sich aus Industrieexperten zusammensetzte, rief die Kommission im Januar 2004 eine Plattform für Wasserstoff- und Brennstoffzellentechnologie ins Leben. Im März 2005 präsentierte die Plattform ihre Forschungsagenda und Entwicklungsstrategie (siehe EurActiv, 17. März 2005).

Internationale Initiativen

In den USA hat die Bush-Administration für einen Zeitraum von fünf Jahren 1,8 Milliarden Dollar für eine Initiative zu Wasserstoffkraftstoff und ein ergänzendes Projekt, FreedomCAR, bereitgestellt. Die EU, die USA und andere Partner arbeiten gemeinsam an einer „internationalen Partnerschaft für die Wasserstoffwirtschaftexternal “. 

Herausforderungen  

Das größte Problem, das mit Wasserstoff verbunden ist, besteht darin, dass es keine Energiequelle, sondern ein Energieträger ist. Wasserstoff muss daher aus anderen Energiequellen erzeugt werden (beispielsweise durch Elektrolyse oder Methan-Dampf-Reformierung). Eine Wasserstoffwirtschaft wird daher nun so sauber sein, wie die hierzu verwendete Energiequelle (Kohle, Atomenergie, Erdgas oder erneuerbare Energien). Im Gegensatz zur Kommission, haben die EP-Abgeordneten klargestellt, dass sie eine Wasserstoffwirtschaft auf der Grundlage erneuerbarer Energien errichten wollen. 

Eine weitere Herausforderung ist die Wirtschaftlichkeit. Die Erzeugung von Wasserstoff ist noch immer sehr teuer. Laut des US Department of Energy müssten die Kosten für die Produktion von Wasserstoff um ein Vierfaches verringert werden, damit Wasserstoff aus Perspektive der Wirtschaftlichkeit überhaupt mit den heutigen fossilen Treibstoffen mithalten kann. Steigende Ölpreise könnte diese Situation allerdings ändern.    

Eine Wasserstoffwirtschaft würde eine vollständig neue Energieinfrastruktur notwendig machen. Dies dürfte nach Schätzungen hunderte von Milliarden von Euro kosten. 

Positionen:

Auf der Konferenz der EP-Abgeordneten brachte Jeremy Rifkin erneut einen großen Optimismus im Hinblick auf die Europäische Union zum Ausdruck. Der Amerikaner glaubt, dass der „amerikanische Traum“ durch den „europäischen Traum“ ersetzt werde und dass Europa „den Weg in das neue Energiezeitalter anführen wird“. Zur Frage, ob die Ölförderung nicht früher als erwartet ihren Höhepunkt überschreite (siehe auch diesbezügliche Theorienexternal ) und was dies für die Wasserstoffwirtschaft bedeuten würde, gibt Rifkin den folgenden Ratschlag: „Dann lasst uns hoffen und beten“. 

Sämtliche Abgeordnete betonten während der Konferenz angesichts der hohen Ölpreise, des Klimawandels und der Sicherheit der Energieversorgung die Notwendigkeit einer grundlegenden Neuausrichtung der EU-Energiepolitik. Jo Leinen (SPE, Deutschland) rief den Rat dazu auf, einen Sondergipfel zur Zukunft der EU-Energiepolitik anzuberaumen.

Indes sind nicht alle Energieexperten überzeugt von der Vision einer Wasserstoffwirtschaft. In einem Papier mit der Überschrift 'Does the hydrogen economy make sensePdf external ' stellt Ulf Bossel vom European Fuel Cell Forum den Glauben von Wasserstoffbefürwortern infrage. Ihre Ansichten berücksichtigten nicht das grundlegende Prinzip der Energiekonservierung, eines der fundamentalen Gesetze der Physik. Die Zukunft nachhaltiger Energie liege in der erneuerten Infrastruktur einer „Elektronenwirtschaft“ anstatt einer Wasserstoffwirtschaft. 

Nächste Schritte:

Der Vorschlag der Abgeordneten ist Ausdruck einer frommen Absicht, aber liefert nicht viel im Detail. Es ist unklar, wie das System eines „Eurobond“ funktionieren könnte. Ein Zukunftsfahrplan, der im Oktober oder November veröffentlicht werden soll, dürfte in dieser Hinsicht mehr Klarheit schaffen.

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