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Kann Unternehmertum erlernt werden?

Veröffentlicht 27. Mai 2010 - Aktualisiert 23. Dezember 2011
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Jungen Menschen einen unternehmerischen Geist einzuimpfen, ist eine populäre Idee in politischen EU-Kreisen geworden, doch einige Unternehmer sagen, dass die Initiative von alleine kommen muss und nicht erlernt werden kann.

Unternehmer und Politiker wogen bei einer Debatte, die am 25. Mai von der Generation Europa Stiftung und der Europäischen Konföderation zu Anlass der KMU-Woche organisiert wird, die Vorteile ab, Unternehmertum in Stundenpläne zu integrieren.

Zusätzlich befragte EurActiv Mitglieder der offiziellen LinkedIn-Gruppe zur Europäischen KMU-Woche zu ihren Ansichten und sammelte Meinungen durch ein Posting auf der BlogActiv Plattform.

Es gibt eine klare philosophische Spaltung zwischen denjenigen, die Unternehmertum als einen angeborenen Ehrgeiz sehen, mit dem nicht jeder gesegnet wurde, und jenen, die glauben, Schulreformen könnten einen Wandel der Einstellungen hervorbringen.

Ähnlich glauben einige Geschäftsleute, dass die Regierung sich aus ihren Angelegenheiten heraushalten solle, während andere um staatliches Einschreiten zur Förderung von kleinen Firmen und zum Schutz von neu gegründeten Unternehmen vor der Krise bitten.

Echo der Kreativitätsdebatte

Die Frage, ob ein spezifisches Fach wie „Unternehmertum“ eingeführt werden kann, erinnert an die Debatte darüber, wie man Kreativität unterrichtet, welche Teile des Europäischen Jahrs der Kreativität und Innovation 2009 beherrschte.

Die Idee, Unternehmertum, Kreativität oder Initiative Unterrichtszeit zuzuteilen, wurde als Möglichkeit genannt. Eine weitere Alternative ist ein fundamentales Überdenken aller Fächer, um sie relevanter zu machen und Kindern beizubringen, aus bewährten Denkmustern auszubrechen.

Die Rolle der Lehrer

Eine der grundlegenderen Herausforderungen dabei, Menschen zu helfen, ihre kreative Seite zu entdecken, ist die Frage, ob Lehrer gewillt und in der Lage sind, sich zu beteiligen. Unternehmer haben schnell betont, dass Lehrer Beamte sind, die eine sichere Beschäftigung gewählt haben, anstatt sich dem risikoreichen Unterfangen der Unternehmensgründung zu widmen.

Es gibt ein Maß an Konsens, dass die Rolle der Lehrer sich zum „Trainer“ entwickeln solle oder zum „Vermittler“ für die Experimente junger Menschen mit dem Unternehmertum.

Zusätzlich herrscht breite Übereinstimmung, dass Schulen und Universitäten Vorbilder einladen sollten, die die Vorteile und Gefahren der Selbständigkeit erklären könnten. Auf diese Weise würde Schülern geholfen, das Unternehmertum als eine Karriereoption zu betrachten.

Hindernisse bleiben bestehen

Jedoch bleiben einige große Hürden bestehen, wie die begrenzte Zuständigkeit der EU im Bereich Bildung. Brüssel kann höchstens dabei helfen, bewährte Methoden auszutauschen, doch verbleibt es bei den nationalen Regierungen zu kontrollieren, was Kinder lernen und wie.

Letztlich findet die Debatte über den Gebrauch der Ausbildung zur Schaffung eines unternehmerischen Europas nicht in einem Vakuum statt. Parallel dazu unterhalten sich Experten darüber, wie das Schulsystem genutzt werden kann, um die Wertschätzung von Wissenschaften, Mathe, der EU, Kunst und Design, Finanzkenntnissen, Sprachen und vielen anderen mit einander konkurrierenden Interessen zu steigern.

Bildungsminister werden schnell feststellen, dass sie Stundenpläne für Schüler aller Fähigkeiten und Interessen durchsetzen müssen.

Stellungnahmen: 

Simone Baldassari, zuständig für Unternehmertum-Ausbildung in der Unternehmer-GD der Europäischen Kommission, sagte, Europa brauche einen Wandel der Einstellung zur Ermutigung der Menschen, Unternehmertum als eine Karriereoption in Betracht zu ziehen.

„Wir sind uns einig, dass es bei Unternehmertum um mehr geht als um Firmenneugründung. Wir müssen die Art, wie wir Grundschüler lehren, komplett verändern.“

Dennoch sagte er, dass dies nicht unbedingt bedeute, ein Unterrichtsfach namens „Unternehmertum“ einzuführen. „Wir könnten eine neue Denkart in allen Fächern einführen.“ Er fügte hinzu, dass Lehrer sich in Trainer oder Vermittler entwickeln sollten.

Baldassari schlug vor, dass einige Schulen oder Universitäten eine Erlaubnis erhalten sollten, ein spezielles Unternehmeretikett zu nutzen, wenn sie beweisen können, eine Erfolgsbilanz in Sachen Unternehmertum zu haben.

Jeroen Meens, Besitzer von Cynex, einer Firma in der Finanzdienstleistung und Unternehmensberatung, sagte, dass Schulsystem belohne Menschen, die daran interessiert sind, ihre eigene Initiative zu nutzen, nicht immer. Er sagte, er sei als Jugendlicher sechs Monate nicht zur Schule gegangen und habe die Zeit genutzt, um Geschäftskontakte zu knüpfen.

Die Erfahrung habe ihm geholfen, den Wert des Lernens zu erkennen, als er in die Schule zurückkehrte, da es einige Fächer relevanter erscheinen ließ als zuvor.

„In der Schule erhält man Unterricht und dann schreibt man einen Test. Im Leben schreibt man einen Test und kriegt dann Unterricht.“ Er fügte hinzu, dass Menschen außerhalb des Bildungssystems, wie Unternehmer, eine Schlüsselrolle bei der Reform des Systems spielen.

Lorenzo Mule Stagno, eine maltesischer Übersetzer und ehemaliger Lehrer, sagte, die Menschen müssten lernen, dass Geld zu verdienen eine gute Sache sei. Er sagte, dass Reichtum eine der Motivationen für Unternehmer sei und dass dies nicht unter den Tisch fallen dürfe.

Stagno, ein früherer Ausbilder, sagte, Lehrer seien unter großem Druck und hätten nicht immer die Zeit, um ihren Schülern zu ermöglichen, die Initiative zu ergreifen oder kreativ zu sein. Er war auch den Lehrern gegenüber kritisch, die Schüler bitten, ein kreatives Essay zu schreiben und dann an der schlechten Orthographie etwas auszusetzen haben.

Madi Sharmavom Europäischen Wirtschafts- und Sozialausschuss sagte, Bildung müsse für junge Menschen relevanter werden. Eine ganze Generation von Menschen beende die Schulbildung ohne die Qualifikationen, die für die Arbeitswelt von Bedeutung sind.

Sharma sagte auch, dass Lehrpläne von Beamten geschrieben werden, die normalerweise keine unternehmerische Erfahrung haben. Sie sagte, dass Indien, Brasilien, China und andere Europa voraus seien, wenn es darum geht, junge potentielle Unternehmer anzuzapfen und dass der Westen hinter die Schwellenländer zurückfallen werde, wenn er seine Vorgehensweise nicht ändert.

Catie Thorburn, Präsidentin der Generation Europe Stiftung, sagte, es sei möglich, Unternehmertum zu unterrichten. Der Unternehmergeist könne stimuliert werden und Menschen könnten dadurch mehr Macht gewinnen. Lehrer könnten ein zentraler Bestandteil dieses Vorgangs werden, wenn man ihnen die Mittel und die Unterstützung gibt, um eine aktive Rolle zu spielen.

Ana Bovan, Präsidentin des Zentraleuropäischen Entwicklungsforums, sagte, die Medien hätten eine zentrale Rolle dabei zu spielen, mit der Öffentlichkeit über das Unternehmertum zu kommunizieren. „Social-Networking-Medien haben für Jugendliche besondere Bedeutung. Sie sind andauernd online, statt die Zeitung zu lesen oder fernzusehen. Wir müssen auch untersuchen, wie wir Kinder durch das Internet beeinflussen können.“

In seiner Antwort auf ein Posting bei Blogactiv sagte Piotr Pogorzelski vom Eureka-Netzwerk, die Frage sei, ob man etwas theoretisch unterrichten könne, „das auf sehr praktische Art angewandt wird“.

„Das französische Wort ‚entreprendre’ enthält die Idee der ‚Vorgehensweise’, ‚etwas angehen’ oder ‚eine Aufgabe beginnen’. Viele Initiativen wurden im letzten Jahr begonnen, um Themen mit Bezug auf das Unternehmertum zu unterrichten, besonders in der Sphäre von europäischen Beteiligten. Viele dieser Initiativen beinhalten zu einem gewissen Zeitpunkt praktische Handlung.“

In seiner Antwort auf eine Frage von EurActiv-Mitarbeitern an die offizielle KMU-Wochen-Gruppe auf LinkedIn, sagte Fernando Garcia Finat vom Smecytes-Projekt, dass Unternehmertum erlernt werden könne, und rief zu besserer Finanzierung für Unternehmen auf, die digitale Inhalte produzieren.

Marco Benazzivon Zero Mobile in Rom sagte, es stecke ein Unternehmer in uns allen.

„Man kann eine Firma oder eine Karriere mit den gleichen Mitteln und der gleichen Methode aufbauen, wenn man Erfolg haben möchte. Der Unterricht ist möglich und sollte Pflichtfach sein, sodass Menschen besser verstehen und wählen können. Professionelle Lehrer können das Fach gemeinsam mit Unternehmern und Unternehmensleitern unterrichten und Methoden und Praxis mit echten oder simulierten Fällen vergleichen. Es wird eine sehr schnelle und konkrete Art des Lernens sein.“

Erik Lauwers, ein Trainer in der Zusammenarbeit, glaubt, dass Unternehmertum eine Reihe von Verhaltensmustern sei und dass man diese erlernen könne.

„Komplexes Verhalten erfordert Geschick und Kompetenz. Diese können erlernt werden. Der Glaube und das Wertesystem, die den ‚unternehmerischen Reflex’ unterstützen, können erlernt und weniger unterrichtet werden. Ich bin der Meinung, dass unternehmerischer Glauben und seine Werte durch Training und Ausbildung (wie in der Erziehung) eher als durch Unterricht entwickelt werden können,“ sagte er in der LinkedIn-Diskussion. Lauwers sagte, dass Kompetenzen zu lehren eine Zeitverschwendung sei, es sei denn, man beachtet auch, das Wertesystem und den Glauben, der die Person dazu bringt, so handeln zu wollen.

„Man würde nicht versuchen, sein Kind in einer Sportart zu trainieren, die ihm nicht zusagt und die es nicht lohnend findet. Obwohl man Glauben dadurch ändern kann, indem man bestimmte Verhaltensweisen antrainiert, ist es effizienter, erst an den Werten und dem Glaubenssystem zu arbeiten.“ Es sei wichtig, zu identifizieren, was Unternehmertum bedeutet und welche Werte ihm unterliegen.

„Zusätzlich zum Wissenstransfer müssen wir auch Werte und Glauben transferieren – trainiere die Menschen. ‚Bringe ihnen bei’, dass Wissen nur in einer TV-Quiz-Show von Bedeutung ist, wenn man es nicht nutzt, um etwas Größeres zu schaffen.“

Aled Finniear, Generaldirektor von Park Place Research, sagte, vieles könne erlernt werden, doch die Umsetzung erfordere die Konvergenz vieler anderer Faktoren. Wie wir mit Risiken umgehen sei ein weiteres Schlüsselelement.

„Lebensumstände, Zugang zur Finanzierung, Wissen, Netzwerke, Unterstützung, Ehrgeiz, Visionen, Training und Gelegenheit sind wichtige Elemente. Risiko ist ein Schlüsselelement und jeder hat unterschiedliche Auffassungen vom Risiko. Risikobereitschaft oder –aversion ist ein Faktor, der sich während des Lebens verändert, von den Umständen abhängig, und ein Risiko für den einen ist für den anderen eine Gelegenheit.“

Finniear sagte, es sei möglich, ein Unternehmer zu sein, ohne Risiken einzugehen, doch die meisten erfolgreichen Unternehmer hätten ihre Position erreicht, weil sie Risiken eingegangen waren, obwohl dies manchmal zum Scheitern führen könne.

„Es ist wichtig, jemanden nicht zu sehr zu ermutigen, der letzten Endes scheitern kann, und für die meisten muss dies eine persönliche Entscheidung sein, in dem Wissen um und mit der Akzeptanz und der Verantwortung für die potentiellen Risiken.“

Nächste Schritte: 
  • 25. Mai-1. Juni: Europäische KMU-Woche
Hintergrund : 

Europa wird häufig als weniger unternehmerisch als die USA gesehen, wo es allgemein angenommen wird, dass Menschen bereit sind, mehr Risiken einzugehen.

Unternehmer können nationale und europäische Gelder anzapfen, um ihre Unternehmen zu starten (EurActiv 25.02.10), obwohl einige es vorziehen würden, wenn Regierungen sie einfach alleine schalten und walten lassen würden (EurActiv 27.08.10).

Diese Woche ist die zweite KMU-Woche, in der der Fokus stark auf Unternehmertum liegt, einer Frage, die auf der politischen Tagesordnung nach oben geklettert ist, unterstützt durch die Nominierung des ersten EU-Kommissars für Industrie und Unternehmertum, Antonio Tajani.

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