„Ich war todmüde. Die vorherige Nacht habe ich an der tschechoslowakischen Grenze verbracht, an der ich spontan Recherche für ein Feature über ein neues Phänomen machen wollte. In Schirnding an der tschechoslowakisch-bayrischen Grenze gab es eine endlose Kolonne von Trabis und Wartburgs mit DDR-Flüchtlingen, die, alle zwischen 20 und 30 Jahren alt, im 24 Stunden-Rhythmus aus der DDR kommend über den kurzen Umweg über CSSR-Territorium in die BRD fuhren. Es war ihnen nicht erlaubt die deutsch-deutsche Grenze direkt zu überqueren.
Es herrschte eine gespenstische Stimmung an der Grenze. Es war das genaue Gegenteil zum Sommer davor. Damals waren die DDR-Ausreisenden bei Blitzlichtgewitter, Sekt und Politikerreden über Ungarn und Österreich nach Bayern gekommen.
Tausende von tuckernden Zweitaktern kamen Tag und Nacht, fast 50.000 Menschen in fünf Tagen. Schirnding war der Ort, an dem die DDR ausblutete. Besonders viel junges Blut verlor das Land.
Ich war auf dem Weg von Bonn, damals Hauptstadt Westdeutschlands, nach Berlin, als ich kurz entschlossen den Umweg über Schirnding wählte. Ich wollte mir einen sehr kurzen Überblick über die Situation verschaffen und etwas Recherche betreiben. Aber es dauerte länger als erwartet.
Es war mir einfach unmöglich den Ort zu verlassen, als ich die Geschichten der jungen Menschen hörte, die den kommunistischen Teil Deutschlands verließen, ihre Familien zurückließen ohne ihnen von ihren Plänen zu erzählen, direkt aus der Spätschicht in Arbeitskleidung abhauten oder sogar mit Zahnarzt-Nähten im Gaumen, die am selben Tag entfernt werden sollten.
So war ich war voll mit Zitaten und Geschichten dieser aufregenden Zeit, nachdem ich bereits zuvor viele andere Berichte über Flüchtlingslager in Deutschland geschrieben hatte. Diese Nacht habe ich nur eine Stunde in meinem Mietauto in den Wäldern des Fichtelgebirges geschlafen auf dem Weg von Schirnding nach Frankfurt. Es war eiskalt. Ich nahm den ersten Flieger nach Berlin.
Als ich endlich das Internationale Pressezentrum (IPZ) der DDR in der Mohrenstraße in Ostberlin erreichte, war ich todmüde. Ich habe mit ein paar Kollegen gesprochen, ein paar Termine erfahren, ein paar Gerüchte gehört. Das reicht, dachte ich, und wollte kurz vor 18 Uhr das IPZ verlassen. Ich war nicht wirklich davon überzeugt, jetzt auch noch eine Pressekonferenz mit Günter Schabowski über mich ergehen zu lassen, die für 18 Uhr angekündigt war. Er sollte über die Sitzung des SED-Zentralkomitees berichten. Ich dachte, das sei so langweilig, dass ich lieber ein Nickerchen machen wollte, um nach der kurzen Nacht noch etwas Schlaf zu bekommen.
Zu diesem Zeitpunkt habe ich mir nicht vorgestellt, dass die nächste Nacht schlaflos sein würde, wie auch die darauf folgende!
Noch unschlüssig auf der Treppe zwischen erstem Stock und Erdgeschoß verharrend, musste ich Platz machen. Günter Schabowski und seine Entourage kommen mir flott die Stufen entgegen - und rissen mich förmlich mit. Okay - wenn ich schon da bin... wer weiß, was ich verpassen könnte…
Ich kehrte also um, eilte zurück in den Saal, platzierte mich links vom Saaleingang und lehnte mich an die Wand. Einen besseren Platz hätte es ohnehin nicht mehr gegeben. Und: Von dort hätte ich sofort verschwinden können, wäre es allzu langweilig geworden.
Schabowski fing genau so an wie befürchtet. Im ZK gebe es großes Bedürfnis der Redner, sich zur Erneuerung der Parteipolitik und den Gründen hiefür zu äußern; deren Ton sei kritisch und selbstkritisch; sie versuchten, die eigene Verantwortung der Mitglieder des ZK und des Politbüros zu ergründen. Das ZK habe damit ein bedeutendes Zeichen gesetzt für seinen Anspruch auf die Führungsautorität der Partei. Das und Ähnliches und noch viel mehr sagte Schabowski. Was soll man denn darüber schreiben!?
Aber es gab einige interessante Fragen von DDR-Redakteuren. Es war das erste Mal, dass sie einige kritische Fragen stellten.
Was denn er selbst gegen den Personenkult getan habe, wurde Schabowski gefragt, nachdem Erich Honecker 43 Mal in einer einzigen Ausgabe des Neuen Deutschland (ND), der wichtigsten Zeitung, abgebildet war.
Auf die Bildveröffentlichungen, antwortet Schabowski, habe er nicht den geringsten Einfluss. Nach seiner eigenen Vergangenheit gefragt, ließ er aufhorchen: „Ich gebe uneingeschränkt zu, dass ich als Chefredakteur des ND sowohl Subjekt als auch Objekt der Politik war, die wir heute beklagen.“ Er sei sich der Belastung durch diese Phase der Arbeit bewusst. „Und heute sind wir alle klüger als damals.”
Die 53-minütige Pressekonferenz endete ohne Höhepunkt. Es war Riccardo Ehrman, Korrespondent der italienischen Nachrichtenagentur ANSA, vorne am Rand des Podiums hockend, der das Thema Reisegesetz ins Spiel brachte.
Um 18.53 Uhr fragte Ehrman in seinem typisch italienischen Akzent: „Sie haben von Fehlern gesprochen. Glauben Sie nicht, dass es war ein großer Fehler, diesen Reisegesetzentwurf, das Sie haben jetzt vorgestellt vor wenigen Tagen?“
Schabowski hatte bisher mit keinem Wort den Reisegesetzentwurf erwähnt. Er suchte nach einem Blatt Papier in seinen Taschen. Er schien unentschlossen und unsicher.
Er war unfähig den Satz korrekt zu beenden und begann etwas aus dem Entwurf der neuen Ausreiseregelung vorzulesen, ohne Erklärung, wie zuvor gefordert wurde.
Die Spannung im überfüllten Saal war spürbar. Als Schabowski die verblüffte Reaktion bemerkte, fügte er nach kurzer Pause der Ratlosigkeit hinzu: „Also ich weiß nicht, mir ist mitgeteilt worden, dass eine solche Mitteilung heute schon verbreitet wurde. Sie müsste eigentlich schon in Ihrem Besitz sein."
Kein einziger Journalist hatte vorher das Papier gesehen.
Er sprach weiter mit vielen Ähs und sagte: „Ich drücke mich nur so vorsichtig aus, weil ich in dieser Frage nicht ständig auf dem Laufenden bin, sondern kurz, bevor ich rübergegangen bin, die Information in die Hand gedrückt bekommen habe."
Wir hatten alle den Eindruck, dass Schabowski hätte vergessen können, das neue Reisegesetz zu erwähnen, bis ihn Ehrman danach fragte.
Aber die konkrete Nachfrage kam nicht von Riccardo Ehrman, sondern vom damaligen ‚Bild’-Korrespondenten Peter Brinkmann.
Brinkmann saß genau vor Schabowski in der ersten Reihe. Er fragte: „Wann tritt es in Kraft? Sofort?“
Das war der große und historische Moment als Schabowski antwortete: „Das tritt nach meiner Kenntnis - ist das sofort, unverzüglich.“
Die weitere Nachfrage Brinkmanns - „Gilt das auch für Berlin West?“
Schabowski verlas den Passus: „Die ständige Ausreise kann über alle Grenzübergangsstellen der DDR zur BRD beziehungsweise zu Berlin West erfolgen.“
Gleich darauf beendete Schabowski die Pressekonferenz, die seiner Kontrolle entglitten war. Die Konsequenzen seiner Ausführungen waren ihm selbst nicht voll bewusst. Er fuhr nach Hause nach Wandlitz, einem Vorort von Berlin, wo alle politischen Führungspersönlichkeiten der DDR in einem geschlossenen Gebiet lebten.
19 Jahre später bekam Ricardo Ehrman vom deutschen Bundespräsident Host Köhler einen Preis für die ausschlaggebende Frage, die die Mauer öffnete. Köhler wusste nicht, dass Ehrman viele Geschichten erzählte, die eine Mischung aus Wahrheit und Mythen waren. Denn die wirklich ausschlaggebende Frage kam nicht von Ehrman, sondern wurde vom deutschen Journalisten Peter Brinkmann gestellt.
Ich versuchte schnell meine Zeitung anzurufen, um meinen Artikel über die neuen Vorschriften anzukündigen. Aber wie üblich war es nicht möglich, eine Verbindung zu bekommen. Ich verließ das Pressezentrum und lief zum Checkpoint Charlie, was etwa zehn Minuten vom IPZ entfernt lag. Trotz der Grenzkontrollen war dies der effizienteste Weg, von Berlin West nach Wien anzurufen. Das allererste Restaurant war die griechische Taverne ‚Athena II’, wo die Kellnerin mir jederzeit erlaubte, das Telefon zu benutzen, weil sie meine Kommunikationsprobleme mit der Ostseite sehr gut kannten. Und sie gaben mir etwas Ouzo. Jedes Mal, wenn die Sekretärin meiner in der Zentrale meiner Zeitung griechische Musik im Hintergrund in ihren Kopfhörern hörte, wusste sie, dies würde der nächste Artikel über die DDR sein. Ich diktierte ihr meinen Artikel in wenigen Minuten.
Einige Stunden später war die Mauer offen. Der erste Grenzpunkt, der geöffnet wurde, war der in der Bornholmer Straße, abends um 23.29 Uhr. Es war die verrückteste und glücklichste Nacht in der deutschen Geschichte.“
Ewald Koenig, 2009.
Als jetziger Chefredakteur von EurActiv.de in Berlin ist Ewald Koenig Teil eines europäischen Nachrichten- und Politiknetzwerks, das ohne den deutschen Wiedervereinigungsprozess vor 20 Jahren unmöglich wäre.
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