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Bulgarien: Arm nicht nur nach EU-Standards

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Veröffentlicht 04. Mai 2010, aktualisiert 14. Dezember 2012

Nach drei Jahren als EU-Mitgliedsstaat ist Bulgarien nach wie vor eines der ärmsten Länder nicht nur in der EU, sondern auch im Balkan insgesamt. Dnevnik, EurActivs Partner in Bulgarien, berichtet.

Laut dem Wiener Institut für Internationale Studien betrug 2009 das Durchschnittsgehalt in dem Land 302 Euro pro Monat. Diesem Gradmesser zufolge ist Bulgarien besser dran als Albanien aber hängt weit hinter Rumänien zurück, dem anderen Land, das 2007 in die EU eingetreten ist.

Diese Problematik wird weiter erschwert durch Daten des Bundes für Unabhängige Syndikate in Bulgarien (KNSB), demzufolge jede fünfte Familie unterhalb der Armutsgrenze von 95 Euro pro Person pro Monat lebt.

Dies wurde auch durch das bulgarische Sozialministerium bestätigt, das angab, dass 2008 ein Fünftel der Population in Armut lebte. Die Statistik zeigt, dass für die ganze EU die Zahl bei 17 Prozent liegt.

In der Zwischenzeit haben Wirtschaftsexperten der KNSB, einer Gewerkschaft, berechnet, dass im März 2010 eine Familie mit zwei Erwachsenen und zwei Kindern 980 Euro brauchte, um alle Ausgaben zu decken, was 2,1 Prozent mehr entspricht als in derselben Periode im vergangenen Jahr. Der Gewerkschaft zufolge bringen nur elf Prozent der bulgarischen Haushalte auf diese Summe oder Darüber.

Laut dem Bulgarischen Institut für Statistik werden Bulgaren ärmer und reduzieren ihren Verbrauch. Im Dezember 2009 verdiente jeder Haushalt nur 425 Euro pro Monat, im Durchschnitt 60 Euro weniger als im Jahr zuvor.

Obwohl in den vergangenen Jahren Bulgaren mehr für Essen ausgegeben haben, zeigen offizielle Statistiken, dass ihre Ausgaben dieses Jahr gesunken sind. Die Menschen kaufen weniger Produkte oder billigere Produkte von niedriger Qualität, so die Experten. Ausgaben für Kleidung, Schuhe, Wohnungsrenovierung, Unterhaltung und Transport sinken auch weiter. Gleichzeitig sind die Ausgaben für Zigaretten, Alkohol und Gesundheitsprobleme leicht angestiegen.

Beschäftigung schafft „bedürftige Erwerbstätige“

Es besteht ein weiterer alarmierender Trend: um die 636.000 Menschen, oder ein Drittel der Angestellten in Bulgarien, gehören der Kategorie der bedürftigen Erwerbstätigen an, da das Durchschnittsgehalt in ihrem Sektor deutlich geringer ist als im nationalen Durchschnitt. Dies ist der Fall vor allen Dingen in der Bekleidungs-, Holz-, Restaurant-, Bau-, Wartungs- und Pflanzungsindustrie. Ende des Jahres 2009 standen die Gehälter in der Bildungs- und Gesundheitsbranche bei etwa 350 Euro, wohingegen die höchsten Durchschnittsgehälter bei den Finanzdienstleistungen und im Energiesektor gefunden werden.

Die Hauptgründe für die zunehmende Verarmung der Bulgaren über das letzte Jahr sind Zahlungsverzug, das Einfrieren und auch die Kürzung von Gehältern in vielen Organisationen sowohl im öffentlichen und privaten Sektor, sowie ein starker Anstieg der Arbeitslosigkeit. In den letzten 18 Monaten ist die Arbeitslosenrate in der aktiven Bevölkerung Bulgariens auf über zehn Prozent gestiegen.

Ein gekürztes Budget zur Subventionierung von Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen wird durch ein neues System gutgemacht, dem Programm zur „Entwicklung des Humankapitals“, wie der Minister für Soziales, Totio Mladenov es versprochen hat. Die letzte Maßnahme unter diesem Programm begann im März. Durch dieses Programm werden 65.000 Arbeitslose Kurse beginnen und 52.000 werden wahrscheinlich dank der von ihnen erworbenen Qualifikationen Arbeit finden.

Als ein Resultat der finanziellen Probleme der vergangenen Monate hat die Regierung eine ihrer Unterstützungsmaßnahmen für Senioren verschieben müssen. Rentner gelten als die meist gefährdete Gesellschaftsschicht, da ihr Einkommen am niedrigsten ist. Vom 1. Juli an sollten Menschen über 75, die bis zu 150 Euro pro Monat verdienen, zusätzliche Rentenzuschüsse beantragen können. Jedoch hat die Regierung kürzlich beschlossen, mit dem Plan nicht voranzuschreiten und das Geld für andere soziale Unterstützungsmaßnahmen zu nutzen.

„Ich glaube, dies ist der am besten geeignete Moment, ein finanziell tragbares Rentensystem einzuführen, da die Krise die Aufmerksamkeit auf Strukturdefekte und unvollendete Reformen in Bulgarien und in Europa lenkt“, sagte Florian Fichtl, ein Vertreter der Weltbank für Bulgarien, im Gespräch mit Dnevnik.

2025 würden beinahe ein Fünftel der Bulgaren älter als 65 Jahre alt sein, was den größten Anteil in den neuen EU-Mitgliedsstaaten darstelle, so Fichtl.

Heute leben 17-20 Prozent der Rentner unterhalb der Armutsgrenze, erklärte Jordan Hristoskov, stellvertretender Direktor der Hochschule für Versicherung und Finanzen und ehemaliger Leiter des Bulgarischen Nationalen Versicherungsinstituts, während einer Forumsdebatte zur Rentenreform..

Hristoskov zufolge sollte die niedrigste Rente in Bulgarien nicht unterhalb der Armutsgrenze liegen, da in dem Falle der Staat offiziell die Armut verursache.

Hintergrund : 

Der Kampf gegen die Armut ist eine der fünf Prioritäten des vorläufigen zehnjährigen Wirtschaftsplan, den die Kommission im März vorgelegt hat, EU 2020 genannt (EurActiv 03.03.10). 

Die Strategie definiert fünf Hauptziele auf EU-Ebene, die die Mitgliedsstaaten in nationale Ziele umsetzen sollen, die ihre unterschiedlichen Ausgangspunkte widerspiegeln:

  • Die Anhebung der Zahl der Arbeitenden in der zwischen 20 und 64 Jahre alten Bevölkerung von den zur Zeit 69 auf 75 Prozent
  • Die Anhebung der Investitionen in Forschung und Entwicklung auf drei Prozent des EU-BIP
  • Die Erfüllung der EU 20/20/20 Zielsetzungen zur Reduktion von Treibhausgasemissionen und zu Erneuerbaren Energien
  • Die Reduktion der frühen Schulabgänger von derzeit 15 Prozent auf weniger als zehn Prozent und das Erreichen des Zieles, dass 40 Prozent der Jugendlichen einen Studienabschluss haben
  • Die Reduktion der Zahl von Europäern, die unterhalb der Armutsgrenze leben um 25 Prozent, wodurch 20 Millionen der derzeit 80 Millionen Armen aus der Armut geholfen wird

In einer Reihe von Artikeln wird EurActiv die derzeitigen Zustände in einzelnen Mitgliedsstaaten zu den verschiedenen Zielen präsentieren. Die ersten Artikel zielen auf die Armutsbekämpfung, ein Ziel, das in einigen Kreisen als kontrovers gilt (EurActiv 01.03.10; EurActiv 25.03.10). 


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