Das informelle Treffen zwischen dem Chef der EU-Exekutive und der Ministerpräsidentin der kleinen nordeuropäischen Insel fand hinter verschlossenen Türen statt. Im Gegensatz zur üblichen Praxis in Brüssel folgte auf das Treffen keine Pressekonferenz, was von Kommissionssprechern auch nicht weiter begründet wurde.
Im Gespräch mit EurActiv wies ein isländischer Analytiker auf die mangelnde internationale Erfahrung der neuen Ministerpräsidentin Jóhanna Sigurdardóttir hin. Im Laufe ihrer politischen Karriere habe sie immer den Schwerpunkt auf gesellschaftliche Fragen wie die Unterstützung von Armen und Behinderten gelegt.
Aufgrund ihrer Ausbildung und Erfahrungen sei sie daher ungeeignet, die Interessen Islands im Ausland zu vertreten.
Zudem ist das Überleben der Regierung Sigurdardóttirs nicht gesichert. Sie sitzt der ersten linksgerichteten Regierung seit Gründung der Republik Island am 17. Juni 1944 vor. Ihr Koalitionspartner, die Links-Grüne Bewegung, ist sowohl bezüglich der europäischen Integration als auch bezüglich der Icesave-Einigung gespalten und beeinträchtigt somit die Stabilität der Regierungsmehrheit.
Als klares Zeichen dafür ist der Rücktritt des Gesundheitsministers Ogmundur Jonasson von der Links-Grünen Bewegung am 30. September 2009 zu deuten. Der Rücktritt erfolgte, weil Jonasson eine Erstattung britischer und niederländischer Sparer ablehnte.
Die Besorgnis des ehemaligen Gesundheitsministers wird von vielen Isländern geteilt. Einer am 2. Februar veröffentlichten Gallup-Umfrage zufolge lehnen 67% der isländischen Wähler eine Erstattung ab. Dies entspricht einem Anstieg von fünf Prozentpunkten im Vergleich zur vorigen Umfrage.
Umfragen zeigen zudem, dass eine Mehrheit der Isländer bei einer Volksbefragung über die Erstattung ausländischer Sparer mit Nein stimmen würde (siehe "Hintergrund"). Ein solches Ergebnis hätte große politische und wirtschaftliche Konsequenzen. Auf politischer Ebene erwarten Analytiker, dass Großbritannien und die Niederlande in einem solchen Fall erneut ihre Unterstützung eines isländischen EU-Beitritts von der Erstattung der verlorenen Gelder abhängig machen würden.
Auf wirtschaftlicher Ebene könnte das nordische Land zudem größere Schwierigkeiten haben, die zweite Tranche eines IWF-Kredits im Wert von 1,8 Milliarden Euro abzurufen.
Island kann jedoch auf die Unterstützung Norwegens zählen. Wie Isria meldet, hat der norwegische Finanzminister Sigbjørn Johnsen erklärt, sein Land werde seinen Verpflichtungen Island gegenüber durch die bereitgestellten Darlehen nachkommen.
Konkret sagte Johnsen, dass die Icesave-Einigungen zwischen Island, den Niederlanden und Großbritannien keine Bedingung für die weitere Auszahlung des norwegischen Kredits darstellten.
Zu den Szenarien nach einem möglichen Nein beim Referendum im März kommentierte ein isländischer Experte: "Entweder wird eine neue Einigung über die Icesave-Frage erreicht oder Island stehen neue politische Turbulenzen bevor."




