Während Reykjavik, London und Den Haag sich immer noch bezüglich einer Entschädigung für die Icesave-Schulden streiten, hat eine Denkfabrik eine alternative Lösung entwickelt, um den derzeitigen Stillstand zu überwinden.
Gijs Graafland, Analytiker bei der Planck Foundation, schlägt vor, einen Teil des unbegrenzten Erdwärme-Energiepotenzials der Insel gegen deren Auslandsschulden einzutauschen. Er nennt seine Initiative "Energie für Schulden".
Wie Graafland erklärt, geht es bei dieser Lösung um den Aufbau einer stabilen, nachhaltigen isländischen Wirtschaft, indem die aus Erdwärme gewonnene Energie genutzt wird, um die europäische Energievielfalt und Versorgungssicherheit zu steigern. "Dadurch könnte Island zum Hauptenergielieferanten Europas werden", schreibt er in einem Positionspapier der Planck Foundation.
Dem Experten zufolge könnte Island durch eine Verbindung nach Großbritannien mittels Hochspannungs-Gleichstrom-Übertragung (HGÜV) nicht nur ein wichtiger Energielieferant für Europa werden, sondern auch an das europäische Datennetz angeschlossen werden, weil HVDC ebenfalls Informationen übertragen kann.
Dies stelle für alle drei beteiligten Parteien eine Win-win-Situation dar. So würde Island umfangreiche ausländische Direktinvestitionen erhalten und mit der Reduzierung oder dem Erlass seiner Schulden rechnen können. Großbritannien und die Niederlande würden an Wettbewerbsfähigkeit gewinnen und ihr geliehenes Geld zurückerhalten.
Der wesentliche Widerstand gegen diesen Vorschlag wird jedoch wahrscheinlich von den Isländern selbst ausgehen.
"Der Vorschlag, dass Island Zugang zu seinen Energieressourcen gewährleisten soll, um einer Rückzahlung seiner Schulden zu entgehen, würde eine starke nationalistische Gegenreaktion über alle Parteigrenzen hinweg auslösen", sagte Baldur Arnarson, Journalist für die isländische Zeitung Morgunbladid, im Gespräch mit EurActiv.
Arnason zufolge geht es bei der wirklichen energiepolitischen Debatte der Insel stattdessen um die Frage, ob es möglich sei, den Verkaufspreis für Strom aus Wasserkraftwerken über den derzeit mit den großen Aluminiumhütten der Insel ausgehandelten Preis hinaus anzuheben.
Die Verhüttung von Aluminium hat eine hohe Bedeutung für die isländische Wirtschaft. Zwei Hütten sind bereits in Betrieb und drei weitere in Planung. Da diese Anlagen große Energiemengen benötigen, ist der billige isländische Strom für Investoren im Aluminiumsektor besonders reizvoll. Unternehmen wie Alcan und Alcoa haben bereits stark in Island investiert.
Doch der isländische Widerstand gegen diesen Industriezweig steigt, wie das verbesserte Abschneiden örtlicher grüner Parteien und der Erfolg des lokalen Bestsellers von Andri Snær Magnason ("Dreamland: A Self-Help Manual for a Frightened Nation") zeigen. Dies – und nicht der Tausch von Energie gegen Schulden – stellt Arnarson zufolge den wahren Streitpunkt dar, der die isländischen Gemüter erhitzt.
"Energie für Schulden" stehe für Isländer daher nicht auf der Tagesordnung. Stattdessen wies Arnarson auf eine besonders dringliche Debatte über erneuerbare Energien hin, vor allem in Anbetracht des bevorstehenden Emissionshandelssystems in Europa.




