EurActiv Logo
EU-Nachrichten & Politikdebatten
- durch Sprachenvielfalt -
Click here for EU news »
EurActiv.com Réseau

ALLE SEKTIONEN BROWSEN

Sehr geehrte Leserinnen und Leser!

Auf Grund des großen Erfolgs von EurActiv Deutschland findet die komplette deutschsprachige EU-Berichterstattung des EurActiv-Netzwerkes nun über Euractiv.de statt.

Die deutschsprachige Fassung von EurActiv.com wird nicht mehr aktualisiert, alle bisherigen übersetzten Texte bleiben aber im Archiv für Sie verfügbar.

Wir freuen uns, Sie künftig auf EurActiv.de begrüßen zu dürfen!

EU-Beitritt: Serbien will neuen ‚Geschwindigkeitsrekord’ aufstellen [DE]

Druckversion
Send by email
Veröffentlicht 04. Januar 2010, aktualisiert 29. Januar 2010
Tags
Serbia

Belgrad hat letzten Monat seinen Antrag mit dem Ziel eingereicht, „alle Rekorde für den schnellsten EU-Beitritt zu brechen“, doch Diplomaten warnten, es gebe bei der Unions-Mitgliedschaft keine Abkürzungen.

Der serbische Präsident Boris Tadic überreichte dem schwedischen Ministerpräsidenten Frederik Reinfeldt am 22. Dezember in Stockholm das Beitrittsgesuch seines Landes, ein fünfseitiges Dokument.

Tadic, dessen Wahlsieg letzten Mai als wichtiger Schritt für die europäische Integration des Landes gesehen wurde, nannte das Jahr 2014 als Belgrader Zieldatum für den Beitritt.

Olli Rehn, EU-Erweiterungskommissar, sowie der schwedische Außenminister Carl Bildt waren bei der Zeremonie in Stockholm ebenfalls anwesend, die den Abschluss der sechsmonatigen schwedischen Präsidentschaft der Europäischen Union darstellte.

Serbien wurde wiederholt dazu geraten, sein Beitrittsgesuch nicht zu überstürzen, da der derzeitige Rahmen für die Beziehungen zwischen der EU und Serbien – das Stabilisierungs- und Assoziierungsabkommen (SAA) – noch nicht in Kraft getreten ist (EurActiv vom 10. Februar 2009).

Dementsprechend zurückhaltend war auch die Reaktion der EU auf das Ereignis.

Die schwedische Europaministerin Cecilia Malmström schrieb in ihrem Blog, dass das serbische EU-Beitrittsgesuch einen „Wendepunkt“ für Serbien und die Europäische Union darstelle. Alle ehemaligen jugoslawischen Republiken seien als EU-Mitglieder willkommen, wenn sie die notwendigen Kriterien erfüllten. Diesbezüglich gebe es zwischen den EU-Staaten einen starken Konsens.

Der serbische Außenminister Vuk Jeremic sagte, Serbien habe die Fähigkeit und den Willen, alle Rekorde für den schnellsten EU-Beitritt zu brechen. Serbien werde viele Länder überholen, die derzeit weiter auf dem Weg zur EU-Mitgliedschaft seien. In einem auf der Website der serbischen Regierung veröffentlichten Interview gab er jedoch keine klare Antwort darauf, ob Serbien bis Ende 2010 den Kandidatenstatus erhalten könne.

Der Kandidatenstatus wird verliehen, sobald alle EU-Staaten das Beitrittsgesuch akzeptieren und die Kommission damit beauftragen, dem beitrittswilligen Staat einen langen Fragebogen zu übergeben. Auf Basis der Antworten können sie dann den Beginn von Beitrittsverhandlungen beschließen. 

Bisher sind Kroatien und Mazedonien die einzigen Länder des westlichen Balkans, die den Status eines ‚Kandidatenlandes’ erhalten haben – obwohl die Beitrittsgespräche mit Letzterem wegen einer bilateralen Streitigkeit mit Griechenland bisher nicht eröffnet wurden.

EU-Diplomaten sagten EurActiv, dass Serbien als EU-Mitglied „innerhalb des Jahrzehnts [von 2010-2020]” gehandelt werde, aber niemand wagte eine Prognose über bestimmte Daten.

‚Erster Schritt eines langen Prozesses’

Georgi Dimitrov, der bulgarische Botschafter in Belgrad, sagte dieser Website gegenüber, dass die Einreichung des Beitrittsgesuchs lediglich der erste Schritt eines langen Prozesses darstelle.

„Aus eigener Erfahrung wissen wir, dass zwischen dem Zeitpunkt des Beitrittsgesuchs und der tatsächlichen Mitgliedschaft viele Jahre vergehen werden – 12 Jahre im Falle Bulgariens”, sagte er. Verhandlungsjahre seien für das beitrittswillige Land tatsächlich „Reformjahre”, fügte

Dimitrov hinzu. Genau genommen befinde sich das Kandidatenland nicht in einem Dialog des gegenseitigen Gebens und Nehmens mit Brüssel. Stattdessen müsse das Land die gesamte EU-Gesetzgebung annehmen und unter EU-Aufsicht eine tiefgreifende Umwandlung durchleben.

Der Diplomat fügte hinzu, sein Land sei bereit, seine kürzlich gewonnenen EU-Erfahrungen mit Serbien – „einschließlich der negativen Erfahrungen“ – zu teilen, damit Belgrad eine Wiederholung der bulgarischen Fehler vermeiden könne.

Kosovo-Problem noch immer von großer Bedeutung

Was die spezifischen Einzelheiten des Belgrader Beitrittsgesuchs angeht, so gab der Botschafter zu, dass Serbien vor besonderen Herausforderungen stehe, insbesondere bezüglich der Notwendigkeit einer „vollständigen Zusammenarbeit” mit dem Internationalen Strafgerichtshof für das ehemalige Jugoslawien (ICTY) sowie bezüglich des Kosovo-Problems. Serbien erkennt derzeit die einseitige Unabhängigkeitserklärung seiner ehemaligen Provinz nicht an.

„Serbien behauptet, dass der europäische Integrationsprozess und das Kosovo-Problem unabhängig voneinander seien. Aber es gibt selbstverständlich indirekte Wechselwirkungen. Viel würde vom Grad der Aufmerksamkeit abhängen, den die internationale Gemeinschaft diesen Fragen widmen wird“, sagte Dimitrov.

Dimitrov gab zu, dass es bei der Beteiligung des Kosovo bei regionaler Zusammenarbeit Probleme gegeben habe, da Serbien darauf bestehe, dass seine ehemalige Provinz nur unter der UN-Bezeichnung „Kosovo unter der Resolution 1244/99 des Sicherheitsrats der Vereinten Nationen“ repräsentiert werde.

Auf die Frage, ob die gegenseitigen Anschuldigungen zwischen Kroatien und Serbien bezüglich eines Völkermords während der Kriege von 1991-1995, die dem Internationalen Gerichtshof in Den Haag vorliegen, die Beitrittsgesuche Belgrads – und Zagrebs – nicht verkompliziere, erinnerte der Diplomat daran, dass gute nachbarschaftliche Beziehungen eines der wichtigsten politischen Beitrittskriterien darstellten.

„Ohne geklärte Beziehungen zu seinen Nachbarn, ohne die Entwicklung regionaler Zusammenarbeit wäre ein Fortschritt der EU-Integration nur schwerlich zu erwarten. Alle beteiligten Länder sollten die Konsequenzen einer solchen Haltung sehr sorgfältig überdenken“, sagte Dimitrov.

Stellungnahmen: 

Der US-Botschafter im Kosovo Christopher Dell sagte am 22. Dezember, dass durch konstruktive Gespräche zwischen Pristina und Belgrad beide Seiten profitieren können, die Region näher an die Europäische Union zu bringen.

Dell sagte dem Radiosender KiM, dass für einen Weg in die europäische Integration Gespräche zwischen den beiden Hauptstädten notwendig seien – Belgrad und Pristina sowie Brüssel, der Hauptstadt Europas. Dell sagte, dass dort eine Entscheidung fallen werde und dass dort die Menschen säßen, mit denen das Kosovo und Serbien sprechen müssten.

Dell sagte, er glaube, dass es gleichzeitig für beide Länder sehr wichtig sei, praktische Lösungen zu erreichen, welche die Zusammenarbeit in einem größeren europäischen Kontext erleichtern würden.

Praktische Dinge wie Grenz- oder Zollfragen würden keine Wiederaufnahme von Status-Verhandlungen erfordern und könnten sich als sehr konstruktiv erweisen, um das Kosovo und Serbien näher an eine EU-Mitgliedschaft heranzuführen, erklärte Dell.

Belgrads Bestrebungen für eine EU-Integration werden seit vielen Jahren durch das ungelöste Kosovo-Problem behindert wie auch durch wirtschaftliche und soziale Probleme, schreibt die Belgrader Tageszeitung Politika am 5. Januar. Unter Berufung auf etliche Politikanalysten schreibt Politika in einem Meinungsartikel, dass vorgezogene Wahlen für das Jahr 2010 nicht zu erwarten seien, da die serbischen Oppositionsparteien noch kein Thema für eine nachhaltige Wahlkampagne gefunden hätten.

Das Einreichen des Beitrittsgesuchs markiere für Serbien einen Punkt, an dem es kein Zurück mehr gebe, schreibt die Belgrader Tageszeitung Blic. Die Korruptionsbekämpfung werde für Brüssel ein wichtiger Punkt sein, schreibt der Kolumnist Nikola M. Javanovic, und sein Land werde aufgefordert, „sich an die Spielregeln zu halten“. Dies werde der holprigste Teil auf dem Weg zum EU-Beitritt sein, prognostiziert er.

Hintergrund : 

Anträge auf eine EU-Mitgliedschaft werden in der Regel in Abstimmung mit dem antragstellenden Land und der Europäischen Kommission eingereicht. Nachdem Serbien sein Gesuch am 22. Dezember 2009 eingereicht hat, ist das einzige Land des westlichen Balkans, das noch keine Mitgliedschaft beantragt hat, Bosnien und Herzegowina. Das Kosovo, das im Februar 2008 seine Unabhängigkeit erklärte, ist ein besonderer Fall, da es nicht von allen EU-Staaten anerkannt wird.

Die rechtliche Grundlage für die Beziehungen zwischen Serbien und der EU ist das Stabilisierungs- und Assoziierungsabkommen (SAA). Belgrad wurde das Abkommen im April 2008 angeboten, um die pro-europäischen Kräfte bei den entscheidenden Parlamentswahlen zu stärken (EurActiv vom 30. April 2008).

Serbien ratifiziere das SAA im September 2008 (EurActiv vom 9. September 2008). Allerdings ist die Vereinbarung noch nicht in Kraft getreten. Von Seiten der EU ist die Haltung der niederländischen Regierung derzeit das einzige verbleibende Hindernis für die Umsetzung des SAA. Einige EU-Staaten hatten auf eine Ratifizierung des SAA nach der Festnahme des Kriegsverbrechers Radovan Karadžić im Juli 2008 gedrängt (EurActiv vom 22. Juli 2008).

Jedoch bestehen die niederländischen Behörden darauf, dass sie ihr Veto nur zurückziehen, wenn die zwei anderen gesuchten Kriegsverbrecher Ratko Mladic und Goran Hadžić festgenommen und dem Internationalen Strafgerichtshof für das ehemalige Jugoslawien (ICTY) überstellt werden. Ebenfalls erwarten sie die Bestätigung seitens des Chefanklägers des Tribunals, Serge Brammertz, für Belgrads „volle Zusammenarbeit“ mit dem Gericht.

More in this section

Advertising

Videos

Video General News

Euractiv Sidebar Video Player for use in section aware blocks.

Video General Promoted 3

Euractiv Sidebar Video Player for use in section aware blocks.

Advertising

Advertising