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Europäisches Parlament sucht Klarheit über die Aufnahmefähigkeit der Union [DE]

Veröffentlicht 16. März 2006 - Aktualisiert 29. Januar 2010
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Die Mitglieder des Europäischen Parlaments sehen die Erweiterung als eines der stärksten politischen Instrumente der EU an. Ein neuer Bericht lenkt die Aufmerksamkeit allerdings auf die Aufnahmefähigkeit der EU und fordert einen multilateralen Ansatz als Sprungbrett zur vollen EU-Mitgliedschaft.  

In der Plenarsitzung am 15. März hat das Europäische Parlament den von Elmar Brok, Vorsitzender des Ausschusses für auswärtige Angelegenheiten, entworfenen Bericht über die zukünftige Erweiterungsstrategie der EU diskutiert.  Der  Initiativbericht wirft einen kritischen Blick auf die im November 2005 erklärte Erweiterungsstrategie der Kommission.  Am 16. März soll das Parlament über den Bericht abstimmen.

Der Bericht stellt folgende Forderungen:

  • eine umfangreiche europaweite Kommunikationsstrategie, um den „berechtigten Bedenken“ der Öffentlichkeit zu begegnen
  • einen Bericht der Kommission, um zu erklären, welche Prinzipien hinter der Aufnahmefähigkeit der EU stehen.  Dieser sollte beim Parlament bis zum 31. Dezember 2006 eingereicht werden
  • eine Erlaubnis für die Ausschüsse „auswärtige Angelegenheiten“ und „konstitutionelle Fragen“ zur Ausarbeitung eines eigenständigen Berichts über die Aufnahmefähigkeit der EU
  • eine Erinnerung an den Rat, dass jede weitere Erweiterung der EU konditional sein muss und von den finanziellen Ressourcen abhängig ist
  • mehr finanzielle Mittel für das Europäische Nachbarschafts- und Partnerschaftsinstrument und das Instrument für Heranführungshilfen (IPA)
  • Entwurf eines Rahmens für „eine enge multilaterale Beziehung mit der EU“, an welchem alle Staaten, welchen eine zukünftige Mitgliedschaft in Aussicht gestellt wurde, teilnehmen können

Bezüglich der Türkei nimmt der Bericht zur Kenntnis, dass die Reformen im Jahr 2005 langsamer umgesetzt wurden als zuvor. Er wiederholt die Erwartungen und Bedingungen  bezüglich Ankaras Bestrebungen um die EU-Mitgliedschaft.  Es heißt die Türkei sollte „so bald wie möglich einen Plan und einen Zeitplan sowie besondere Maßnahmen […] unterbreiten, um diese Fristen einzuhalten“.  Insbesondere in Verbindung mit der immer noch ausstehenden Umsetzung des Zusatzprotokolls zum Abkommen von Ankara erinnert der Bericht die Türkei daran, dass „die Anerkennung sämtlicher Mitgliedstaaten unverzichtbarer Bestandteil des Beitrittsprozesses ist“.

Der Bericht begrüßt den „guten Fortschritt“ Kroatiens und seine „volle Kooperation“ mit dem Internationalen Kriegsverbrechertribunal für das ehemalige Jugoslawien in Den Haag.  In dem Bericht heißt es, dass obwohl „Kroatien den politischen Kriterien [für die EU-Mitgliedschaft] gerecht wird“, stehe es „vor zahlreichen Herausforderungen im Bereich der Rechtsreform“, z.B. Justizreform, Korruptionsbekämpfung und Verbesserung der Lage der Roma. 

In seiner Bewertung der Situation des westlichen Balkans macht der Bericht auf die Arbeitslosenquote aufmerksam, welche in dieser Region „immer noch auf einer inakzeptablen Höhe liegt“.  Daher fordert der Bericht von der Kommission die Schaffung von Arbeitsplätzen unter ihre Prioritäten in der Gesamtpolitik für die Region aufzunehmen“.

Stellungnahmen: 

Erweiterungskommissar Olli Rehn sagte in seinem Beitrag zu der Debatte, dass die Kommission ihre Energie für eine friedliche Wiedervereinigung Südosteuropas verwenden würde.  Er fügte hinzu, dass die Kommission es vermeiden wolle, den Erweiterungsprozess zum Thema einer „theologischen Debatte“ über die endgültigen Grenzen Europas zu machen.  Während er einräumte, dass man beim Tempo der Erweiterungen die Aufnahmefähigkeit der EU in Betracht ziehen müsse, machte er aber dennoch deutlich, dass es schlichtweg verantwortungslos wäre diesen sinnvollen Prozess, der den Aufbau eines stabilen und effektiven Partners in einem der instabilsten Gebiete Europas unterstützt, zu unterbrechen.  Er sagte abschließend: „Europa zuliebe sollten wir nicht an seinen Grundfesten rütteln“.

Doris Pack, Mitglied Fraktion der Europäischen Volkspartei und europäischer Demokraten (EVP-ED), sagte: "Auf die Frage, wo die Grenzen der EU liegen, gibt bisher niemand eine Antwort. Für mich sind die Grenzen der EU mit der Aufnahme Bulgariens, Rumäniens und des Westbalkans erreicht. Deshalb muss es für alle übrigen Länder in der Tat ein wirkungsvolles Instrumentarium in der Nachbarschaftspolitik geben".

Nach Meinung der Grünen-Abgeordneten Angelika Beer und Joost Lagendijk vermittelt der Bericht von Elmar Brok, welcher die Aufnahmefähigkeit der EU in Frage stellt und andere Alternativen zur Vollmitgliedschaft vorschlägt, einen falschen Eindruck.  Dies gelte insbesondere für die instabilen Regionen, wo immer noch über den zukünftigen Status des Kosovo, Montenegros und Bosniens diskutiert werde.  Auf der anderen Seite unterstützte die Fraktion der Grünen/ Freien Europäischen Allianz das Engagement des Berichts und fordert alle Abgeordneten dazu auf, nicht den Konsens über die zukünftigen Erweiterungen zu untergraben.  

Der Vizepräsident der Sozialdemokratischen Fraktion im Europäischen Parlament (SPE), der Niederländer Jan Marius Wiersma, ist der Ansicht, dass multilaterale Strukturen für Länder mit einer Beitrittsperspektive offen stehen sollten – allerdings nur, wenn sie es selbst als eine Option und einen Zwischenschritt auf ihrem Weg zur Vollmitgliedschaft sehen würden.  Die Sozialdemokraten vertreten den Standpunkt, dass die EU auch weiterhin für neue Mitglieder offen sein sollte, der bestehende Vertrag von Nizza ist ihrer Ansicht nach aber nicht als Ausgangsbasis geeignet.

Die Sprecherin der Fraktion der Allianz der Liberalen und Demokraten für Europa (ALDE), Annemie Neyts sagte, dass sie die Aufnahmefähigkeit nicht als geographisches Problem sehe.  Wenn es tatsächlich ein Problem mit der Aufnahmefähigkeit der EU gäbe, dann sei der Grund hierfür die Struktur der Institutionen, welche dringend reformiert werden müssten.  Sie betonte, dass die EU ihre Mitgliedschaftsversprechungen einhalte müsse, insbesondere gegenüber dem westlichen Balkan.  Die Schwedin Cecilia Malmström ist der Meinung, dass wenn die Grenzen der EU zum gegenwärtigen Zeitpunkt festgelegt würden, die Verbreitung von Demokratie vorzeitig gestoppt würde.

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