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Füle: Türkei darf nicht an der Ernsthaftigkeit der EU zweifeln

Veröffentlicht 14. Juli 2010 - Aktualisiert 16. Juli 2010
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EU-Erweiterungskommissat Štefan Füle versicherte der Türkei am 12. Juli, dass die EU fest engagiert sei, das muslimische Land zu einem vollständigen Mitglied zu machen. Es werde an Wegen gearbeitet, den Vorgang zu beschleunigen.

„Es sollte eine kein Raum für Zweifel an unserem Engagement bestehen“, sagte Füle bei einer gemeinsamen Pressekonferenz mit türkischen Ministern in Istanbul. „Wir haben ein klares Mandat von den Mitgliedsstaaten.“

Die Türkei ärgert sich über den langsamen Fortschritt der formellen Verhandlungen, die vor fünf Jahren begonnen haben.

„Wir werden uns Wege ansehen, wie man den Beitrittsvorgang beschleunigen kann […] Niemand ist mit dem derzeitigen Tempo zufrieden.

Die EU-Außenpolitikchefin Catherine Ashton und Füle trafen den türkischen Außenminister Ahmet Davutoğlu und den Minister für Europäische Angelegenheiten Egemen Bağış für eine erste Runde an Besprechungen im Rahmen eines neuen politischen Dialogprozesses, der die beiden Seiten einander näher bringen soll.

Die Türkei verdächtigt einige EU-Staaten der Säumigkeit, da sie sie für widerwillig hält, eine muslimische Nation aufzunehmen, deren Mitgliedschaft für die EU den Verlust einer Pufferzone zwischen sich und dem Nahen Osten bedeuten würde.

Von 35 Kapiteln, also Bereichen, in denen vor EU-Beitritt verhandelt werden muss, hat die Türkei eins beendet und 13 weitere eröffnet, was 21 übrig lässt (siehe EurActiv LinksDossier zu EU-Türkei-Beziehungen).

Alle außer dreien sind blockiert, vorwiegend aufgrund eines Patts über die geteilte Insel Zypern, ein EU-Mitglied, dessen Regierung den Fortschritt der Türkei wegen Ankaras Unterstützung für die türkischen Zyprioten boykottiert, welche sich von ihren griechischen Nachbarn abgespalten haben.

Die Türkei unterstützt Wiedervereinigungsversuche und will, dass die EU ihr Embargo des türkischen Nordens des Landes aufhebt, wohingegen die EU erwartet, dass die Türkei ihre Häfen und Flughäfen dem zypriotischen Verkehr öffnet.

Füle gab dem von der Regierung vorgeschlagenen Paket an Verfassungsänderungen seine Unterstützung, das am 12. September einem Referendum unterworfen wird.

Er sagte, das Paket erfülle die Erwartungen der EU in verschiedenen Bereichen, und beschrieb es als positiven Schritt im Rahmen der türkischen Kandidatur.

Die meisten Änderungsvorschläge sind ohne Kontroverse, doch die Pläne der Regierung, die Ernennungsprozedur für hohe Richter zu ändern, haben eine Debatte ausgelöst, ob dies nicht dem Prinzip der Gewaltenteilung widerspreche.

Kritiker der AK-Partei des Premierministers Tayyip Erdoğan sagten, es handele sich um einen Versuch, die Justiz zu kontrollieren, die als stärkstes Bollwerk des Säkularismus in der Türkei gilt.

Die Kritiker der AKP verdächtigen die Partei heimlicher Pläne, den Säkularismus schwächen zu wollen, der durch den Gründer der modernen türkischen Republik, Mustapha Kemal Atatürk, geschaffen wurde.

Die Partei negiert solche Pläne und sieht sich selbst als muslimische Version der sozial konservativen Christdemokraten in Europa.

(EurActiv mit Reuters.)

Stellungnahmen: 

Der Vorsitzende der Wirtschaftlichen Entwicklungsstuftung, Prof.Dr. Halûk Kabaalioğlu, bewertete den Besuch der Türkei durch Catherine Ashton, die Hohe Repräsentantin der EU für Auswärtiges und Sicherheitspolitik, und Štefan Füle, den Kommissar für Erweiterung und Nachbarschaftspolitik.

Kabaalioğlu sagte, dieser Besuch sei besonders wichtig, da er unmittelbar nach der Umsetzung des Lissabonvertrags stattfand, welcher die legale Grundlage der EU reformierte, sowie nach dem Entstehen großer regionaler Fragen wie der Flottillen-Krise mit Israel.

Er sagte außerdem: „Das Hauptziel des Treffens ist es, das Engagement der EU gegenüber der Türkei zu bestätigen […] In diesem Zusammenhang würde ich gerne daran erinnern, dass der EU-Beitritt eine politische Priorität der Türkei ist, die sie seit 1959 beibehält. Zyklische Veränderungen können eine so tief verankerte Politik nicht ändern, die sich auch auf den Weg bezieht, den das Land genommen hat.“

Kabaalioğlu erwähnte auch, dass die Türkei eine große Rolle in der Zukunft der EU spielen werde, was viele Staatsmänner und Entscheidungsträger, wie Ruprecht Polenz, der Vorsitzende des Außenausschusses im Bundestag, Michel Rocard, ehemaliger französischer Premierminister und Jean-Luc Dehaene, ehemaliger belgischer Premier, bereits anerkannt haben.

Schlussendlich betonte der Vorsitzende die Wichtigkeit der EU für die Türkei bezüglich der Zielsetzungen des Landes zu Demokratie, wirtschaftlichem und sozialem Wohlergehen und dem Streben nach dem gleichen Niveau anderer zeitgenössischer Zivilisationen.

Er fügte hinzu, dass das Engagement zu EU-Reformen beibehalten werden solle und dass die türkische Regierung hier, indem sie einem Weg folgt, der sich auf die Rechtsstaatlichkeit und die Demokratie stützt, dieselbe Dynamik zeigen solle, wie sie sie in der Außenpolitik an den Tag legt, insbesondere zum Nahen Osten.

Ümit Boyner, Präsidentin von TÜSİAD, dem türkischen Industrie- und Handelsverbands, sprach auf dem European Business Summit in Brüssel von der Bedeutsamkeit der EU-Türkei-Beziehungen  für die EU.

„Die Schritte, die die Türkei genommen hat, sind seit dem Beginn des Beitrittsvorgangs sehr dynamisch gewesen. Leider sehen wir jedoch eine Art Verlangsamung, da wo es der Zivilgesellschaft zufallen würde, dem Vorgang wieder Schwung zu geben.“

„Es besteht in der Türkei ein steigendes Bewusstsein der Notwendigkeit der vollständigen Demokratisierung. Die Debatte bezieht nun die gesamte Gesellschaft mit ein und dies wird dazu beitragen, dem Prozess neue Energie zu geben.“

Bewusstsein als wichtiges Element der Druckausübung für weitere Reformen im Land erkennend, erwähnte Boyner die Bereiche, in denen sie in der Zukunft Änderungen erwartet. „Erstrangige Demokratie und eine pluralistische Gesellschaft sind essentiell für nachhaltiges Wachstum und Wettbewerbsfähigkeit. Wir können nichts anderes anstreben.

Deswegen müssen wir unser Wahlsystem und unser Parteiensystem überdenken, um Verantwortung und Rechenschaft auf den richtigen Ebenen sicherzustellen. Wir müssen auch definitiv unsere Verfassung ändern, um die Kopenhagenkriterien zu erfüllen.“

Sie betonte, dass die Türkei und die EU nach der Finanzkrise dieselben Sorgen teilten. Sie wurde gefragt, zu welchen Bereichen der „EU 2020“ Strategie die Türkei am meisten beitragen könne.

„Wir wollen die Wettbewerbsfähigkeit auch zu unserer höchsten Priorität machen und uns auf die Demokratisierung und die Mikro- und Makroreformen konzentrieren, die benötigt werden. Es ist sehr wichtig, ein Gebiet der 2020 Strategie zu wählen, aber ich denke, die demographischen Faktoren der Türkei, die die Arbeitslosigkeit betreffen, sind eine sehr wichtige Frage. Innovation wird auch ein Teil der Lösung sein.

Alle Fragen der Bildung und der sozialen Anpassungen sind voneinander abhängig. Wir müssen an allen Faktoren arbeiten, die unsere Wettbewerbsfähigkeit auf nachhaltige Weise in der neuen Welt unterstützen.“

Hintergrund : 

Die Mitgliedschaftsgespräche wurden symbolisch im Oktober 2005 eröffnet, aber auf dem Weg der Türkei in die EU muss die Türkei noch eine Reihe von Hindernissen überwinden, insbesondere bezüglich der Handelsbeziehungen mit Zypern, der Meinungsfreiheit und der Rechte der kurdischen Minderheit.

Überall in der EU wird die mögliche Mitgliedschaft der Türkei diskutiert. In diesen Diskussionen geht es um eine Vielzahl von Fragen, zu denen demographische,  geographische und politische Aspekte gehören.

Eines der am häufigsten benutzten Argumente ist die Tatsache, dass die Türkei das bevölkerungsstärkste Mitgliedsland sein würde. Die Bevölkerung der Türkei beläuft sich derzeit auf 74 Millionen Menschen und Demographen sehen einen Anstieg auf 80-85 Millionen Menschen in den nächsten 20 Jahren voraus. In Deutschland hingegen, dem größten derzeitigen Mitgliedsland, leben 83 Millionen Menschen. Es wird jedoch davon ausgegangen, dass seine Bevölkerung bis 2020 auf 80 Millionen schrumpft.

Das vielleicht heikelste Thema sind die kulturellen und religiösen Unterschiede. Die EU betrachtet sich als ein kulturelles und religiöses Mosaik, das Vielfalt respektiert und wertschätzt. Aus diesem Grund sind Befürworter einer EU-Mitgliedschaft der Türkei der Ansicht, dass kulturelle und religiöse Unterschiede irrelevant sein sollten, solange die Türkei und die EU-Mitgliedsstaaten an dieser gemeinsamen Vision festhalten.

Der französische Präsident Nicolas Sarkozy lehnt eine türkische EU-Mitgliedschaft strikt ab und behauptet, dass „Europa über seine Grenzen gelogen hat. Die Türkei liegt in Kleinasien und nicht in Europa.“ Sarkozy ist der Meinung, dass die EU die Beitrittsgespräche mit der Türkei aussetzen sollte und stattdessen eine „privilegierte Partnerschaft“ anstreben sollte.

Die EU solle ihre Bandbreite an außenpolitischer Kooperation mit der Türkei jetzt nicht verschmälern, da das Land den Willen gezeigt habe, eine Außenpolitik zu verfolgen, die nicht unbedingt immer mit der der EU übereinstimmt, sagte der Kommissar für Erweiterung und Nachbarschaftspolitik Štefan Füle vor kurzem in einem Interview mit EurActiv (EurActiv 01.07.10).

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