Yalçintas rief seine Regierung auf, den Reformprozess zu beschleunigen. Er sagte: „Die Reformen bedeuten nicht, dass wir sie durchführen, um europäischer zu werden. Wir führen sie zum Nutzen unseres eigenen Landes durch, nicht für andere.“
Er verglich die Verhandlungen mit dem griechischen Mythos eines jungen Mannes, der reiste, um die mythische Stadt Ithaka zu finden. Am Ende der jahrelangen Reise fand er heraus, dass es sich nicht um die Traumstadt handelte, die er erhofft hatte. Doch er realisierte, dass das, was er während der Reise erlebt hatte, wichtiger war. „Wir [die Türken] gehen nach Ithaka. Doch für uns ist Ithaka der Weg.“
Er sagte, die EU neige dazu, die Vorteile zu vergessen, die die Türkei der EU bringen könnte. Die Türkei ist die 17. größte Volkswirtschaft der Welt, ihr Jahresbruttoeinkommen pro Kopf beläuft sich auf etwa 10 000 US-Dollar und sie hat eine Bevölkerung von 70 Millionen Menschen.
Aus wirtschaftlicher Sicht sei die Türkei im Grunde bereits ein EU-Mitglied, betonte Yalçintas. Die Türkei ist nicht nur ein Mitglied der Europäischen Zollunion, sondern bestreitet auch bereits 55% ihres Außenhandels mit der EU und erhält die meisten der 20 Milliarden US-Dollar an ausländischen Direktinvestitionen (ADI) aus EU-Ländern.
Zudem ist die Türkei wichtig für die Energieversorgung – zu einer Zeit, in der die EU darum bemüht ist, ihre Versorgungsquellen zu vervielfältigen, so der Geschäftsmann. „Wenn man Energie sicher und effizient transportieren will, muss man die Türkei mit einbeziehen.“ In dieser Hinsicht könnte der türkische Beitritt eine „große strategische Weiterentwicklung“ für die EU bedeuten.
Grundsätzlich sie es Sache der EU, zu entscheiden, wie sie sich in Zukunft sehe, sagte Yalçintas. Wenn sie eine regionale, nach innen orientierte Macht bleiben wolle, müsse sie die Türkei außen vor lassen. „Doch wenn Europa eine Weltmacht werden will, muss sie die Türkei an Bord nehmen.“
Auf die Frage, ob die türkei-kritische französische EU-Ratspräsidentschaft einen negativ Einfluss auf die Beitrittsgespräche haben könnte, entgegnete Yalçintas: „Natürlich haben die Präsidentschaften gewisse Auswirkungen […]. Doch kann dies nicht die Richtung der EU oder der Türkei ändern. Präsidentschaften können dazu beitragen, dass Dinge sich schneller oder langsamer entwickeln und sie können kleinere Veränderungen herbeiführen. Die Richtung bleibt jedoch dieselbe.“
Zum französischen Vorschlag einer Union für das Mittelmeer, die offiziell am 13. Juli 2008 während eines Gipfels in Paris gegründet werden soll, sagte er, das wichtige sei, wie sie geformt werden würde. „Wenn man die Bedingungen derart festlegt, dass Drittstaaten oder EU-Beitrittskandidaten ausgeschlossen sind, dann wird es nicht funktionieren. Doch wenn die Bedingungen derart geschaffen werden, dass sie den Ländern ermöglichen, zusammenzuarbeiten und dass die nördliche und südliche Küste des Mittelmeers vereinigt werden können, dann ist das perfekt.“
Die Türkei stand diesem Projekt anfangs sehr kritisch gegenüber, da sie fürchtete, dass Frankreich versuchen würde, es der Türkei als eine Alternative zur EU-Mitgliedschaft zu verkaufen. Es scheint jedoch, als würden diese Bedenken von Frankreich und der Kommission zerstreut: Die türkische Presse berichtete am Mittwoch (9. Juli), dass der Premierminister des Landes, Recep Tayyip Erdogan, seine Absicht geäußert habe, am Gipfel in Paris teilzunehmen.
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