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Minderjährige Häftlinge: Türkei will traurige Bilanz verbessern

Veröffentlicht 22. Juli 2010
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 „Steine werfende Kindern“ werden demnächst kürzere Gefängnisstrafen erhalten, gemäß einem von der Regierung unterstützten Gesetzesvorschlag, der gestern (21. Juli) vom türkischen Parlament zum Teil angenommen wurde. Die Entscheidung wird als Versuch gesehen, Menschenrechtsorganisationen zu beschwichtigen, die die türkischen Antiterrorismusgesetze dafür kritisiert haben, dass sie die UN-Kinderrechtskonventionen verletzten.

Kinder, die sich wegen des Werfens von Steinen in einem Gerichtsverfahren befinden, werden nicht mehr der Mitgliedschaft einer terroristischen Organisation oder der Terrorismuspropaganda angeklagt, so die türkische Tageszeitung „Hürriyet“.

Über 2.000 Minderjährige, darunter die meisten kurdischstammig, befinden sich in den türkischen Gefängnissen und viele haben unter der Anti-Terror-Gesetzgebung harte Urteile bekommen.

Das türkische Parlament hat am Dienstag Abend getagt, um den ersten Teil des Gesetzentwurfes zur Bekämpfung des Terrorismus, im Volksmund  „Steine-Werfende-Kinder-Gesetz“ genannt, zu diskutieren. Die Versammlung dauerte bis in die frühen Morgenstunden am Mittwoch hinein.

Das Gesetz, das Teil der demokratischen Initiative der Partei für Gerechtigkeit und Aufschwung (AKP) zur Bekämpfung der Terrorismusprobleme, die im Südosten des Landes grassieren, ist, führt eine wichtige Gesetzgebung über die Strafverfolgung von Minderjährigen ein und wird von der pro-kurdischen Partei des Friedens und der Demokratie, der BDP, unterstützt.

Der Gesetzentwurf wird auch von der Republikanischen Volkspartei, der CHP, teilweise unterstützt, aber nicht von der Partei der Nationalistischen Bewegung (MHP, einer rechtsextremen Partei), wie „Hürriyet“ weiter berichtet.

Trotz Momente bedeutender Spannung und Streits nahm der Gesetzgeber die wichtigsten Elemente des AKP-Vorschlages an, welcher verhindern soll, dass Minderjährige der Mitgliedschaft einer terroristischen Organisation oder der Terrorismuspropaganda angeklagt werden.

Fälle, in denen Angeklagte, die sich trotz Warnungen geweigert haben, illegale Treffen oder Protestmärsche aufzulösen, vor Gericht stehen, werden jetzt von der ersten Instanz gehört. Die Gefängnisstrafen für diejenigen, die solcher Anklagepunkte schuldig gemacht worden sind, werden von anderthalb Jahren auf sechs Monate reduziert.

Diejenigen, die mit Schusswaffen, Sprengstoffen, Messern, Steinen und Holz-, Plastik- oder Metallstäben an Protesten teilnehmen, werden jetzt sechs Monate bis drei Jahre anstatt der ehemaligen Strafe von zwei bis fünf Jahren absolvieren.

Die Anwendung von Spreng- und entzündlichen Stoffen und Schusswaffen wird nichtsdestotrotz zu minimum einem Jahr Gefängnis führen.

Der Justiz Minister Sadullah Ergin erklärte, dass die „terroristische Organisation [Arbeiterpartei Kurdistans oder PKK] keine Gesetzgebung zu den Steine-Werfenden-Kindern will“.

Etwa 196 unter 2.460 Minderjährigen befinden sich im Gefängnis, nachdem sie der Verbrechen im Bezug auf Terrorismus angeklagt wurden, so Ergin. Er fügte aber hinzu, diese Nummer könne irreführend sein, da es keine Statistiken über laufende Rechtsfälle gebe.

Ein Rehabilitierungsprojekt für diese Minderjährigen sei schon vorbereitet worden, so der Minister, und er werde es im Oktober 2010 ankündigen.

Ali Raza Öztürk von der CHP erklärte, dass die Initiative der herrschenden Partei nicht weit genug gehe.

Wenn man die Teilnahme an einem Treffen oder Protest als gleichwertig mit der Mitgliedschaft in einer terroristischen Organisation betrachtet, so zeuge es davon, dass man nicht den Willen habe, das Problem zu lösen, so Öztürk.

Hintergrund : 

Die Kurden sind „eine Nation ohne Land“. Laut des CIA-Factbooks sind 18 Prozent der 77-Millionen-großen türkischen Bevölkerung kurdisch. Ebenso 15-20 Prozent  der 30-Millionen-großen irakischen und 7 Prozent  der 66-Millionen-großen iranischen Bevölkerung seien kurdisch. Bis zu zwei Millionen Kurden lebten in Syrien.

Das kurdische Problem der Türkei, das den separatistischen Konflikt im überwiegend kurdischen südöstlichen Teil des Landes verstärkt hat, stellt seit langem ein Hindernis für Ankaras Beziehungen zur EU dar.

Hunderte von Kindern, darunter einige laut kurdischen Anwälten erst 11 Jahre alt, sind von den im ruhelosen Südosten kurdische Rebellen bekämpfenden türkischen Behörden vor Gericht gebracht worden. Die türkischen Anti-Terror-Gesetze verletzten die UN-Kinderrechtskonventionen, so internationale Menschenrechtsgruppen

Aktivisten zufolge werden Kinder in Erwachsenengefängnisse geschickt, nachdem sie von Anti-Terrorismus-Gerichtshöfen, wo Akten geheim sind und Anwälte Zugang zu ihren Klienten nur schwierig bekommen, zu langen Haftstrafen verurteilt wurden.

Die Partei für Gerechtigkeit und Aufschwung (AKP) des türkischen Premiers, Recep Tayyip Erdoğan, hatte sich letztes Jahr auf ein Glücksspiel eingelassen, indem sie kurdische Rechte verbesserte. Sie hoffte, dass eine solche demokratische Öffnung helfen würde, den seit 26 Jahren währenden Konflikt zu beenden, der etwa 40.000 Menschenleben gekostet hat (EurActiv 31.08.09).

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