„Einmal auf der Mauer tanzen!“ Und „Einmal mit dem Trabi auf dem Ku’damm parken!“ Die Menschen waren verrückt in dieser unvergesslichen Berliner Nacht vor 20 Jahren.
„Ick spinne: Auf der Mauer sitzen und Sekt trinken!!!" Vor kurzem erst wurde der 54-jährigen Ostberlinerin der Antrag abgelehnt, ihre Tochter in Westberlin zum 20. Geburtstag besuchen zu dürfen. Erst wenn die Tochter 50 sei, dürfe sie rüber. „Und jetzt steht uns nach 28 Jahren Mauer die Welt offen!“
Der 36-jährige Michael Wolfram und der 40-jährige Michael Seeger, beide aus dem Westteil, sind vermutlich die ersten Menschen, die samt ihren Fahrrädern über die Berliner Mauer klettern – und das vor den Augen Hunderter Polizisten. Seeger, der Elektroakustiker, war noch nie im Ostteil.
Von beiden Seiten wird die Mauer am Brandenburger Tor überklettert. Erst gegen drei Uhr nachts haben die Volkspolizisten – auch unter Einsatz von Wasserwerfern - erreicht, dass vom Osten niemand mehr in den Westen klettert. Umgekehrt lassen sie die Menschen die ganze Nacht ungehindert rüberkommen.
Ein 43-jähriger Automechaniker hat mit seinem Hund die Mauer überwunden: „Ein Hin und Her auf der Mauer, keiner weiß, wer ein Ostler und ein Westler ist. Dass ich die Mauer stürmen kann, hatte ich mir in der Frühe nie träumen lassen!“ Die Mauer sei jetzt fällig, „die Platten kann man für den sozialen Wohnbau verwenden.“ Unbedingt mit einem Ostberliner Taxi will er wieder nach Hause in den Westteil.
Zwei Hauptwachtmeister lassen sich ins Gespräch verwickeln. Beide wurden kurz vor Dienstschluss um zwei Uhr nachts in Alarmbereitschaft versetzt und am Brandenburger Tor postiert. Der 25-Jährige, Vater von zwei Kindern: „Wenn man hierher unvorbereitet in Alarmbereitschaft muss, da geht einem schon einiges schwer im Kopf herum. Meine Frau wird sich jetzt auch was denken.“ Aber die Polizei schreitet hier nicht ein. „Wir vermeiden jede Konfrontation“, sagt er, in einer der fünf Reihen stehend und trotzdem die Leute durchlassend.
Neben dem Brandenburger Tor schallt ein Polizeimegaphon in den Himmel, alle paar Wörter absetzend: „Im Interesse von Ruhe, Ordnung und Sicherheit an dieser Staatsgrenze – verlassen Sie den Pariser Platz! Bewohner von Berlin West: Ich fordere Sie auf, verlassen Sie die Mauer!" Pfiffe und Gejohle sind die Antwort Tausender Menschen. Keiner schert sich um die wiederholten Befehle aus den Lautsprechern.
Auch der junge Polizei-Hauptwachtmeister will bald einen Kurzausflug auf die andere Seite machen: „Das gilt doch für alle Bürger der DDR, und in erster Linie sind wir selbst doch auch Bürger!“
Sein 29-jähriger Kollege sagt: „Viele ältere Volkspolizisten wissen jetzt nicht, was sie denken sollen. Ich mach kein Hehl daraus: Direkt an der Mauer stehen Kampfgruppen. Da sind welche dabei, die schon am 13. August 1961 hier Dienst hatten, als der Bau der Mauer begann. Die werden sich irgendwie schwer tun.“ Das mit den älteren Polizisten hat der 22-jährige Tobias Perlick gerade selbst erlebt. Er und sein Nachbar passierten – ohne jede Kontrolle – mit dem Fahrrad den Übergang Bornholmer Straße. Die alten Vopos schauten mit versteinerten Gesichtern zu. „Das hat man gespürt, die wollten dem ganzen am liebsten ein Ende machen.“ In Westberlin erwartet die DDR-Bürger ein toller Empfang - Applaus, Jubel, Bier und Sekt. Sie fallen in Gruppen in die Kneipen ein, werden eingeladen
Ein junger DDR-Bürger sagt auf dem Heimweg: „Ich hab Koch gelernt, und die haben mir drüben gleich einen Job angeboten. Das ist ja wohl das Kurioseste! McDonald’s auf dem Kurfürstendamm öffnet in dieser Nacht noch einmal sein Lokal. Ein Ostberliner kann nicht fassen, dass ihn ein Taxifahrer mit DDR-Mark statt D-Mark zum Kurs von 1:1 chauffiert hat. Eine Frau aus dem Westen will "bloß in meine alte Heimat kieken - aber ich kann nicht, ich bin so fertig."
Seit 28 Jahren meistgehasst, wird die Berliner Mauer plötzlich zum begehrten Sammelobjekt. Wo die neuen Grenzübergänge herausgebrochen werden, sammeln die Zuschauer Ziegelstücke und halten sie den Vopos zum Signieren hin. Ein Arbeiter: „So sauber war eine Baustelle noch nie.“ Auf der kapitalistischen Seite der Mauer werden die Trümmer um ein paar Mark verscherbelt.
Einer der Bauarbeiter erzählt schwer ergriffen, wie er 1961 genau hier beim Bau der Mauer mitarbeiten musste, wie er exakt an dieser Stelle seinen besten Kumpel verloren hat, der nach Überwinden der Mauer direkt auf die spitzen Eisenstifte gesprungen und verblutet ist, und wie er nun an derselben Stelle die Mauer einreißen darf.
Ewald König, Chefredakteur von EurActiv.de, war zu Zeiten der Wende Deutschland-Korrespondent der österreichischen Zeitung DIE PRESSE. Für die Leser von EurActiv schildert er in einer Serie, was er vor zwanzig Jahren erlebt hat.
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