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Die tschechischen Ereignisse von 1989: unerwartet, aber unvermeidbar [DE]

Veröffentlicht 10. November 2009 - Aktualisiert 29. Januar 2010
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Der Fall der Berliner Mauer am 9. November 1989 hat die tschechische Dissidentenbewegung überrascht, schreibt EurActiv Tschechische Republik und zitiert Beobachter und Akteure dieser historischen Ereignisse.

Der Fall der Berliner Mauer beendete eine fesselnde Epoche in Prag, der Hauptstadt des Landes, das damals noch als Tschechoslowakei bekannt war.

Seit Anfang des Jahres 1989 bis zum Fall der Mauer im September gelang es etwa 15.000 Ostdeutschen, mit Hilfe der westdeutschen Botschaft in Prag in die Freiheit zu flüchten. 

Samtene Revolution

Am 30. September kehrte Hans-Dietrich Genscher, damaliger westdeutscher Außenminister, zur Feier dieser Ereignisse wieder zurück nach Prag. Vor zwanzig Jahren stand er auf dem Balkon der Botschaft und verkündete den Tausenden Ostdeutschen, die auf dem Boden vor der diplomatischen Vertretung campierten, die Neuigkeit. Er teilte ihnen die ausgehandelte Abmachung mit, dass sie in den Westen emigrieren könnten.

In der Tschechoslowakei begann die samtene Revolution nur acht Tage nach dem Fall der Mauer. Die Ereignisse in Deutschland erhielten keine sofortige Reaktion; dafür kamen sie zu plötzlich, so Analysten.

Jacques Rupnik, ein tschechisch-französischer Politologe und Kommentator, sagt, niemand habe den Fall der Berliner Mauer so schnell und ohne Widerstand der Sowjetunion erwartet. Jedoch hätten im Nachhinein viele erkannt, dass die Ereignisse unvermeidlich gewesen wären, sagt er.

„Die tschechische Dissidentenbewegung wartete auf den 10. Dezember, den Tag der Menschenrechte, um den Prozess in Gang zu setzten. Aber die Studentendemonstration, die am 17. November stattfand, überholte die Ereignisse, sagt der tschechische Soziologe Jiřina Šiklová.

Gegenüberstellung des tschechischen und deutschen Wandels

Vergleicht man den Wandel in Ostdeutschland mit dem in der Tschechischen Republik, die sich 1993 friedlich aus der Tschechoslowakei löste, erscheinen einige Überraschungen. Mit Westdeutschland vereinigt, wurde die DDR Teil der EWG und der NATO, ohne die für neue Beitrittsländer üblichen Wartefristen. Aber dies war auch mit großen Erwartungen verbunden, die in anderen Ländern nicht immer erfüllt wurden.

Umfragen des Forsa-Instituts zufolge glaubten 1989 71% der Ostdeutschen, dass sich ihr Lebensstandard verbessern würde, wohingegen heute lediglich 46% anerkennen, dass dies eingetroffen sei. Gemäß jüngsten Studien ist der Lebensstandard in Ostdeutschland mit dem in Tschechien zu vergleichen. Dies scheint verwunderlich, da Westdeutschland Hunderte Milliarden D-Mark in Ostdeutschland investiert hat.

„Die Euphorie ist vorbei“, sagt Forsa-Vorsitzender Mark Güllner, und die Vorurteile zwischen Ost- und Westdeutschen verstärkten sich. „Die immense Finanzunterstützung half den Ostdeutschen, ihre zerschlagene Wirtschaft zu sanieren, aber der offene Markt und harte Wettbewerb waren eine Schocktherapie für lokale Unternehmen“, erklärte er. Zusätzlich war die frühere DDR durch steigende Arbeitslosigkeit beeinträchtigt.

Heutzutage können trotz der Tatsache, dass Deutschland die stärkste Wirtschaft in der Europäischen Union ist, immer noch große Unterschiede zwischen Regionen in Ost und West festgestellt werden. Aber Klaus Wowereit, amtierender Bürgermeister von Berlin, ist optimistisch. „Beide Teile Berlins sind wirklich vereint. Berlin wurde eine gemeinsame Stadt für Bürger aus sowohl West- als auch Ostberlin. Natürlich existieren immer noch einige Unterschiede. Und ich muss sagen, dass sich Berlin den letzten 20 Jahren zu einer internationalen Metropole entwickelt hat. Berlin ist heute eine offene und liberale Stadt, ein Ort, wo es sich leben lässt.“

Der Weg zur ‚Standarddemokratie’

Auf die Frage nach einer Bewertung des Einflusses von Mauerfall und samtener Revolution in der Tschechischen Republik sagt Václav Hořejší, Professor an der Prager Karlsuniversität: „Die Mehrheit der tschechischen Bürger ist sich darüber einig, dass die Entwicklungen nach November 1989 ein viel effizienteres Wirtschaftssystem und mehr Freiheit mit sich brachten. Dies wurde in vielen tschechischen Städten deutlich sichtbar. Zudem kann sich die Mehrheit der Tschechen heute mehr Sachen, mehr Produkte von ihrem Gehalt leisten als vor 20 Jahren.“

Meinungsumfragen bestätigen in der Tat diese Aussage. Eine vor kurzem veröffentlichte Studie des tschechischen Meinungsforschungsinstituts vom 3. November 2009 zeigt, dass 69% der Tschechen glauben, die Revolution sei „es wert gewesen“. Ungefähr 45% der tschechischen Staatsbürger teilen die Meinung, dass jetzige Lebensumstände besser als vor 1989 sind, und nur 14% sind der gegenteiligen Ansicht. Jedoch gibt es auch eine relativ hohe Anzahl von Menschen (32%), die denken, die Situation heute sei weder besser noch schlechter. Dies verdeutlicht, dass viele Tschechen nicht davon überzeugt sind, dass sie durch die Veränderungen von 1989 heute besser dran sind.

Auf die Frage, wo sie nach dem Fall des Kommunismus konkrete Verbesserungen erlebt hatten, gaben die meisten Menschen den Zugang zu Informationen (80%), Reisemöglichkeiten (77%), persönliche Freiheiten (72%) und Meinungsfreiheit (65%) an. Auf der negativen Seite stehen viele Menschen der Gesamtentwicklung im sozialen Bereich kritisch gegenüber. So sagen 63% der Befragten, dass sich die soziale Sicherheit verschlechtert habe, und 53% sagen dasselbe zur Rentensicherheit.

Es gibt auch viele kritische Stimmen über die jetzige politische Kultur und die Art, wie die Institutionen der Tschechischen Republik funktionieren. Aber Václav Havel, ehemaliger tschechischer Präsident und führende Persönlichkeit der Revolution von 1989, warnt, dass Änderungen im Verhalten Zeit brauchen.

„Die politische Kultur als solche ist sehr wichtig und heutzutage können wir sehen, dass es lange dauern wird, bis wir damit zufrieden sein werden. Wir brauchen neue Generationen. Wir können auch sehen, dass der Weg von der formellen bis zur richtigen Demokratie sehr lang und kompliziert ist“, sagte Havel.

Aber trotz aller Schwierigkeiten auf dem Weg zum Standard einer westlichen Demokratie bleibt Havel, eine herausragende Persönlichkeit der tschechischen samtenen Revolution, davon überzeugt, dass die grundsätzlichen Werte der Generation von 1989 nicht in Vergessenheit geraten sind.

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Hintergrund : 

Der Fall der Berliner Mauer am 9. November 1989 veränderte nicht nur Deutschland, sondern die Welt, und bereitete den Ängsten über ein nukleares Holocaust zwischen der damaligen Sowjetunion und den USA ein Ende. 

Die Tschechoslowakei, wo ein Reformversuch des Kommunismus mit dem gewalttätigen Einmarsch des Warschauer Pakts im August 1968 endete, kehrte diesmal durch die friedliche „samtene Revolution“ nur wenige Tage nach den Ereignissen von Berlin zur Demokratie zurück.

Ähnliche Entwicklungen fanden anschließend auch anderswo in Osteuropa statt, sodass Historiker von einem „Dominoeffekt” sprechen. Aus einem historischen Blickwinkel leitete der Fall der Berliner Mauer sowohl die Wiedervereinigung Deutschlands ein Jahr später ein als auch die größte EU-Erweiterung der Geschichte, die 2004 und 2007 stattfand.

Zurzeit wächst Europa weiterhin zusammen, da der Erweiterungsprozess parallel zu den EU-Reformen andauert.

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