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Türkei: Französische Abgeordnete wollen EU-Fördergeldern ein Ende setzen

Veröffentlicht 18. Oktober 2010 - Aktualisiert 28. Oktober 2010
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Etwa fünfzig Mitte-Rechts-Abgeordnete haben einen Änderungsantrag des französischen Haushaltsgesetzes eingereicht, um den Beitrag des Landes zum Teil des EU-Budgets für die Vorbeitrittshilfe an die Türkei auszusetzen. EurActiv Frankreich berichtet.  

Frankreich müsse für die EU-Beitrittsvorbereitungen der Türkei nicht mehr zahlen, so der vorgeschlagene Änderungsantrag, den zwei Abgeordnete der regierenden UMP-Partei des französischen Präsidenten, Nicolas Sarkozy, eingereicht haben.

Der Text, der von den Abgeordneten Richard Mllié und Claude Bodin eingeführt wurde, wird von 45 ihrer Kollegen, vor allem aus der UMP und der „Nouveau Centre“ [der Neuen Mitte], einem Gebilde der politischen Mitte, das mit Sarkozys regierenden Partei verbunden ist, unterstützt.

Der Antrag sei eine Sache der Kohärenz mit der Europapolitik des französischen Präsidenten, der zu zahlreichen Anlässen gesagt habe, dass die Türkei nicht dazu berufen sei, ein Mitgliedsstaat der Europäischen Union zu werden, steht es im Antrag.

Alle Meinungsumfragen in Frankreich deuteten darauf hin, dass die französischen Bürger eine „privilegierte Partnerschaft“ mit der Türkei befürworteten, doch dass sie gegen den EU-Beitritt des Landes seien, schreibt der Text weiter. Der Präsident der Europäischen Kommission, José Manuel Barroso, wird sogar zitiert, dass es „auf Grund kultureller Differenzen ernste Fragen“ gebe, was den EU-Beitritt der Türkei angehe.

Trotzdem sagen Mallié und Bodin, dass Frankreich 2011 fast 129 Millionen Euro für die Hilfe an den EU-Beitritt der Türkei vorgesehen habe, und bemerkten, dass sich der Betrag für 2007-2013 auf 887 Millionen Euro belaufe.

Der Europäische Rechnungshof habe die Türkei wegen des Verbrauches der Gelder vor Gericht geladen, da nur 30 Prozent der Ziele der Vorbeitrittsagenda erreicht worden seien, fügen sie hinzu.

Angesichts der finanziellen Lage Frankreichs sei es wichtig, diesem politisch-haushaltsmäßigen Paradoxon ein Ende zu setzen, argumentieren die beiden Abgeordneten. Sie fordern eine Haushaltskürzung von 109.167 Millionen Euro, die den französischen Beitrag zum Vorbeitrittsbudget der EU für die Türkei, oder 16,7 Prozent der Gesamtförderungen der EU für den Beitrittskandidaten, darstellen.

Kommission: EU-Budget kann nicht abgeändert werden

Auf die Frage, einen Kommentar zu liefern, sagte Patrizio Fiorilli, Pressesprecher des EU-Haushaltskommissars, Janusz Lewandowski, dass ein Mitgliedsstaat nicht die Möglichkeit habe, für eine bestimmte Politik weniger zu zahlen.

Einheitlichkeit und Universalität seien die Leitprinzipien des EU-Haushalts, erklärte er, und fügte hinzu, dass die EU-Länder zum EU-Budget insgesamt, und nicht zu jedem Programm im Einzelnen, beitragen würden. Er fügte hinzu, dass der Finanzrahmen für die erweiterte Union (2007-2013) jedenfalls schon angenommen worden sei.

Fiorilli erklärte, dass das Budget für das Jahr 2011 nicht abgeändert werden könne und dass die Vorbeitrittsphase der Türkei mit der einstimmigen Unterstützung aller Mitgliedsstaaten 2005 angefangen habe.

Frédéric Allemand, Professor für Gemeinschaftsrecht an der „Sciences Po“-Universität in Paris, sagte, Frankreich habe die rechtliche Verpflichtung, die geschuldeten Beiträge zu zahlen. Frankreich könne ein rechtliches Verfahren bevorstehen, sollte es dies nicht einhalten.

Allemand beschrieb die Bewegung der Abgeordneten als „rein politisch“, und sagte, sie ziele auf eine Medienwirkung ab.

Ein ähnlicher Antrag im vorherigen Jahr war auf Ersuchen des französischen Staatssekretärs für europäische Angelegenheiten, Pierre Lellouche, zurückgezogen worden.

Stellungnahmen: 

Der Versuch der französischen Abgeordneten sei „uneuropäisch und unrational“, sagte Dr. Bahadir Kaleagasi vom türkischen Unternehmerverband TUSIAD. Er erklärte EurActiv, dass der Antrag kein anderes Ziel habe, als die Sorgen der französischen Bürger über die derzeitigen wirtschaftlichen und sozialen Probleme zu manipulieren.

Diese französischen Abgeordneten würden Ausländerfeindlichkeit verbreiten und das internationale Bild Frankreichs, das eines Landes der demokratischen Werte und des rationalen Denkens, in Misskredit bringen, sagte Kaleagasi.

Die EU-Förderungen für den Beitritt der Türkei würden keine beträchtlichen Summen betragen. Die Türkei brauche sie nicht aus finanziellen Gründen, sagte er, und fügte hinzu, dass sie für die EU und Frankreich wirtschaftliche und strategische Interessen verursachten.

Alleine das Kapitel über die Umweltgesetze der EU schaffe für französische Unternehmen in der Türkei einen Markt von über 50 Milliarden Euro, betonte Kaleagasi. Außerdem sei die Türkei die wichtigste schnell wachsende Wirtschaft in Europa. In der Tat schaffe die Türkei Arbeitsstellen in Ländern wie Frankreich und Deutschland. Dies sei auf das beträchtliche Handelsbilanzdefizit der Türkei der EU gegenüber, und insbesondere zu Gunsten Frankreichs und Deutschlands, zurückzuführen.

Die Netto-Gewinnabführung der französischen Unternehmen, die in der Türkei tätig seien, sei auch ein bedeutender Mehrwert für die französische Wirtschaft. In diesem Kontext spielten die EU-Gelder, die an die Türkei verteilt würden, nur eine Rolle der Förderung von einigen Projekten, die die Türkei in einen besseren Partner für die EU verwandeln. Daher würden diese Gelder unter anderem auch die französischen wirtschaftlichen Interessen fördern.

Indem sie sich so unrational behielten, würden diese französischen Abgeordneten die wirtschaftlichen Interessen der französischen Bürger und die gemeinsamen europäischen Interessen in der internationalen Ordnung beeinträchtigen. Was die Türkei betreffe, seien sie zuversichtlich, dass der generelle politische Standpunkt Frankreichs derartigen Versuchen keine Bedeutung beimessen und in Übereinstimmung mit den europäischen Werten und Interessen agieren würde.

Professor Dr. Hakan Yılmazvon der Fakultät für Wirtschaft und Verwaltungswissenschaft an der Bogazici-Universität in Istanbul sagte, dass, während der Versuch der französischen Abgeordneten „politisch gesehen etwas bedeutend“ sei, er in der Tat verurteilt sei, ein „völlig unwirksamer“ Versuch zu bleiben.

Während dieser Versuch den in der Türkei schon hohen Euroskeptizismus fördern könnte, seien die Türken solche „Stöße“ des französischen Präsidenten so gewohnt, dass die wahrscheinlichste Reaktion „wohl ein gleichgültiges Achselzucken“ sein könnte, sagte er.

Der Versuch sei dazu verurteilt, unwirksam zu bleiben, weil es nicht an einer Gruppe von Abgeordneten im französischen Parlament zu entscheiden liege, wie die EU ihre Förderungen verteile. Das französische Mitte-Rechts-Lager spiele ein sehr gefährliches Kräftemessen mit der steigenden französischen extremen Rechten, unter dem Motto „wer von uns ist am meisten gegen die Muslime, die Einwanderer und die Türken“, fügte er hinzu. Er warnte, dass der Gewinner solcher Spiele fast immer die extreme Rechte gewesen sei.

Nächste Schritte: 
  • 25. Okt.: Der Antrag wird im Rahmen der Diskussionen über den französischen Beitrag zum EU-Budget der Nationalversammlung dargelegt werden
Hintergrund : 

Die Mitgliedschaftsgespräche mit der Türkei wurden von der EU im Oktober 2005 eröffnet, aber auf dem Weg in die EU muss Ankara noch eine Reihe von Hindernissen überwinden, insbesondere bezüglich der Beziehungen mit Zypern, der Meinungsfreiheit und der Rechte der kurdischen Minderheit.

Der Reformdrang hat auch in der Türkei selbst nachgelassen. Dies ist eine Reaktion auf die zunehmend kritische Haltung von wesentlichen Akteuren wie Frankreich und Deutschland, die der „Europatauglichkeit“ der Türkei und ihrer Fähigkeit zur Erfüllung der Beitrittskriterien skeptisch gegenüberstehen.

Letztes Jahr haben Frankreich und Deutschland eine „privilegierte Partnerschaft“ gefordert, die die vollständige EU-Mitgliedschaft der Türkei ersetzen sollte, aber nachdem Ankara diese Position „eine Beleidigung“ genannt hatte, wird der Begriff nicht mehr erwähnt.

Hohe Vertreter der Türkei argumentieren, dass die Türkei der EU viel anzubieten habe und die EU tatsächlich von einigen ihren Lasten befreien würde, anstatt dass sie weitere mitbringen würde. Unter den Vorteilen, die die Türkei nach Westeuropa mitbringen könnte, erwähnen sie den demographischen Faktor aber auch die Wirtschaft.

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