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Türkei: Opposition verstärkt Referendumskampagne

Veröffentlicht 02. September 2010 - Aktualisiert 03. September 2010
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Die größte türkische Oppositionspartei, die CHP, hat die Details ihrer Ablehnung der Verfassungsänderungen, die die regierende AK-Partei vorgeschlagen hat, dargestellt. Ob sie angenommen werden, soll ein Volksentscheid am 12. September entscheiden.

Der CHP-Vorsitzende, Kemal Kılıçdaroğlu, erneuerte seinen Aufruf an alle „Demokraten“ in der Türkei, gegen die Verfassungsänderungen zu stimmen, in seinem achtseitigen Brief, der gestern (1. September) an die Brüsseler Presse zirkuliert wurde.

Der Brief gab vollständige Details für die Gründe, die hinter dem Widerstand seitens der CHP gegenüber den Verfassungsänderungen stehen. Bislang waren diese nur im Allgemeinen dargelegt worden und hatten sich auf eine Politisierung der Justiz bezogen, welche die amtierende Partei des Premiers, Recep Tayyip Erdoğan, bevorteilen würde.

Wenn das Paket der AKP in Kraft trete, werde sich die Türkei schnell in ein autoritäres Regime verwandeln, das von einer einzigen Partei dominiert werde, warnt er.

In seinem Brief sagt Kılıçdaroğlu, die Justizbehörde der Türkei, der Hohe Rat der Richter und Staatsanwälte (High Board for Judges and Public Prosecutors, HBJP), sollte mit den höchsten und fortschrittlichsten europäischen Werten und Standards übereinstimmen. Deswegen besteht die CHP darauf, dass der Minister der Justiz nicht Präsident des HBJP sein sollte und nicht die Macht haben sollte, die Justiz zu kontrollieren.

Trotz der Verfassungsänderungen der AKP wäre der Justizminister weiterhin Präsident des Rats.

Die größte Oppositionspartei sagt des weiteren, dass der Staatssekretär des Justizministeriums nicht Mitglied des Rats sein sollte, wie es die AKP in ihren Vorschlägen unterbreitet, und nicht die Macht haben sollte, die Funktionsweise oder die Neutralität des Rats zu blockieren.

Der Präsident des Rats sollte von den Mitgliedern des Rats gewählt werden, so die CHP. Die Macht, ein Verhör gegen Richter und Staatsanwälte zu veranlassen, sollte nicht dem Justizminister zufallen sondern dem HBJP.

Der AKP zufolge sei die Kompetenz, den Rat zu regieren und seine Mitglieder zu vertreten, dem Justizminister gegeben. Die Macht, den Generalsekretär des Rats zu ernennen, werde auch dem Justizminister gegeben. In seinem Brief warnte Kılıçdaroğlu vor wachsendem „Autoritarismus” unter der AKP-Regierung, vor ansteigenden willkürlichen Telefonabhörversuchen seitens der Behörden, Untersuchungen, die darauf abzielen, Gegner zum schweigen zu bringen und Druck auf die Medien auszuüben, und der resultierenden „Gesellschaft der Angst“ in der Türkei.

Kılıçdaroğlu, der vor kurzem zum CHP-Vorsitzenden gewählt wurde, soll seinen ersten internationalen Besuch in Brüssel nach dem Referendum abstatten. Die CHP ist der Sozialistischen Internationalen angeschlossen.

Stellungnahmen: 

Auf die Bitte von EurActiv, das türkische Referendum zu kommentieren, sagte Angela Filote, Sprecherin der Kommission für den Erweiterungskommissar, Štefan Füle, das letzte Wort gehöre den türkischen Wählern.

Die Kommission habe es nicht vor, in die Kampagne einzugreifen. Man werde offensichtlich das Resultat des Volksentscheids respektieren und weiterhin mit allen Akteuren in der Türkei gemeinsam auf die notwendigen Reformen hin arbeiten.

Filote erklärte, als die Kommission das vorläufige Reformpaket erhalten habe, beschrieb sie es als einen Schritt in die richtige Richtung. Es wende sich an seit langem gehegte Prioritäten, die die EU über die Jahre in ihren Erfahrungsberichten und Beitrittspartnerschaften identifiziert habe. Sie listete einige positive Elemente der vorgeschlagenen Änderungen auf:

  • Bezüglich der Militärjustiz begrenzt die Reform die Kompetenz der Militärgerichte auf Verbrechen von Militärpersonal in Bezug auf militärischen Dienst und Pflichten und erlaubt es Zivilgerichten, Militärpersonal in allen anderen Belangen zu verurteilen
  • Es ermöglicht die Verurteilung des oder der Armeeleitenden und seiner oder ihrer Berater durch den obersten Gerichtshof
  • Die Zusammenstellung des HBJP wird erweitert und soll die Justiz als ganzes repräsentieren
  • Die Reformen ermöglichen auch positive Diskriminierungsmaßnahmen für Frauen und Kinder
  • Das Paket erweitert auch die Rechte der Beamten auf Tarifverhandlungen und –abkommen, doch nicht auf das Wahlrecht
  • Das Paket gibt eine gesetzliche Basis für die Einrichtung der Institution eines Ombudsmannes

Filote sagte die Kommission bereue den Mangel an Dialog und Kompromiss in der Vorbereitungsphase des Reformpakets und der Referendumskampagne selbst.

Sie glaubten, dass ein breiterer Dialog den Grundstein für einen größeren Konsens unter den türkischen Staatsbürgern und der Zivilgesellschaft hätte legen können.

Wenn die Reformen angenommen werden, werde die Umsetzung wichtig sein und die Kommission eng prüfen, wie dies geschieht, so die Sprecherin.

Der türkische Premierminister, Recep Tayyip Erdoğan,hat seinen Aufruf an die Republikanische Volkspartei (CHP) appelliert, seine Bemühungen zu unterstützen, das kontroverse Kopftuchverbot der Türkei aufzuheben, sobald das Referendum stattgefunden hat. Dies prüfe die Einstellung der CHP bezüglich islamischer Kleidung, schreibt die Tageszeitung „Zaman“.

Das Thema Kopftuch in der Türkei ist ein seit langem andauerndes. Es wurde zurück auf die Tagesordnung gebracht, als Kılıçdaroğlu letzte Woche versprach, die Frage zu lösen, wenn seine Partei an die Macht käme.

Er versprach, dass die CHP es Frauen erlauben werde, das Kopftuch zu tragen. Der Premierminister werde es sehen: Er habe es nicht geschafft, doch die CHP werde es bewerkstelligen, so der Parteivorsitzende.

Jedoch hat Erdoğan Zweifel an der Ehrlichkeit seines Konkurrenten in der Kopftuchfrage ausgedrückt, wie „Zaman” in Erinnerung rief.

  • 12. Sept.: Referendum zu Verfassungsänderungen
  • 22. Juli 2011: Parlamentswahlen
Nächste Schritte: 
  • 12. Sept.: Referendum zu Verfassungsänderungen
  • 22. Juli 2011: Parlamentswahlen
Hintergrund : 

Die amtierende Partei des türkischen Premiers, Recep Tayyip Erdoğan, hat vorgezogene Wahlen am 7. Juli vermieden, als Richter den von ihm vorgeschlagenen Verfassungsreformen zustimmten. Allerdings müssen die Änderungen noch durch einen Volksentscheid, der am 12. September abgehalten werden soll, gebilligt werden. Die größte Oppositionspartei, die CHP, bekämpft diese Änderungen (EurActiv 08.07.10).

Der Oppositionsleader, Kemal Kılıçdaroğlu, erklärte, dass aus den Verfassungsänderungen eine Politisierung der Justiz und eine Teilung der Gesellschaft folgen würden. Die CHP betrachtet die vorgeschlagenen Reformen auch als Mittel für die AKP, ihre Beamten vor Korruptionsverfahren zu schützen und vor den Parlamentswahlen im nächsten Jahr die Position der amtierenden Partei zu stärken.

Kılıçdaroğlu erklärte, er sei sich der Mängel der derzeitigen Verfassung bewusst. Er war einverstanden, dass die Türkei eine zeitgemäßere und solidere Verfassung brauche, und versprach, einen neuen Entwurf vorzubereiten, wenn die CHP im Parlament die Kontrolle gewinnt.

Wie die türkische Presse in Erinnerung bringt, hat Erdoğan seine Referendumsrhetorik in erster Linie auf die Möglichkeit aufgebaut, mit den Tätern des Militärputsches von 1980 abzurechnen, und die Türken damit ermutigt, mit „Ja“ zu stimmen, so dass die Verschwörer des Putsches vor Gericht gebracht werden können.

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