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Türkische Kampagne zum Volksentscheid wird unangenehm

Veröffentlicht 19. August 2010 - Aktualisiert 20. August 2010
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Der türkische Premierminister, Recep Tayyip Erdoğan, hat den größten Unternehmensverband der Türkei, TÜSİAD, gewarnt, dass ihm die „Ausschaltung“ drohe, wenn es versäumt, zum Volkentscheid des Landes bezüglich der Verfassungsänderung Stellung zu beziehen. Dieser wird am 12. September stattfinden. EurActiv Türkei trug zu diesem Artikel bei.

In einer Fernsehdebatte während der Kampagne am 17. August rief Erdoğan TÜSİAD, den Verband türkischer Industrieller und Geschäftsleute, auf, Stellung dazu zu beziehen, ob er für oder gegen die von der Regierung vorgeschlagenen Verfassungsänderungen sei.

TÜSIAD sollte seine Meinung erklären: wenn diese konträr sei, sollte er dies zugeben; sollte sie positiv sein, sollte er dem Ausdruck geben, da derjenige, der neutral bleibt, „eliminiert“ werden würde.

Auch andere Stellungnahmen der letzten Tage scheinen fragwürdig zu sein. Der türkische Verhandlungsführer mit der EU, Egemen Bağış, sagte Berichten zufolge, er werde die geistige Gesundheit und den Patriotismus eines jeden in Frage stellen, der im Referendum gegen die Verfassungsänderungen stimmt.

TÜSİAD wies jede Art von Druck und Bevormundung über den freien Willen von Individuen zurück. Erdoğans Einflussnahme auf die Geschäftswelt habe in einer modernen Demokratie keinen Platz.

Diese Warnung sei eine unglückliche Handlung gewesen und werde sicherlich nicht dazu dienen, die Rolle der Zivilgesellschaft in einer modernen Gesellschaft zustärken, so TÜSİAD in einer Stellungnahme.

In einem Gespräch mit EurActiv bezeichnete Bahadir Kaleagasi, internationaler Koordinator bei TÜSİAD, die deplatzierten Worte als „desaströs“.

Die Formulierung, dass TÜSİAD „ausgeschaltet” werden solle, gehe zu weit. Die Regierung habe die Macht, eine legitime Organisation zu bedrohen, da sie das Militär, die Sicherheitskräfte, das Finanzministerium und die Staatsanwaltschaft kontrolliere. Wenn sie aber all diese Kompetenzen auf diese Art nutze, handele es sich um einen Missbrauch ihrer verfassungsrechtlichen Macht, so Kaleagasi.

Kaleagasi sagte, er hoffe noch immer, dass Erdoğan diesen „Besorgnis erregenden Irrtum“ korrigiere. Was auch immer das Ergebnis des Volksentscheids sei, die Türkei brauche trotzdem eine moderne Verfassung.

Die gegenwärtige Verfassung, ob abgeändert oder nicht, werde nicht den Anforderungen der Wettbewerbsgesellschaft der Türkei im 21. Jahrhundert entsprechen.

Scheinbar hatte die AKP-Partei gewisse Grenzen überschritten, als sie Kemal Kılıçdaroğlu, Vorsitzenden der CHP, der größten Oppositionspartei, beschuldigte, keines „legitimen“ ethnischen Ursprungs zu sein. Dessen Mutter ist Armenierin und sein Vater Kurde. Sie behaupten, dies halte viele Türken, die diesen Bevölkerungsgruppen feindlich gegenüber stehen, davon ab, diese Partei zu unterstützen.

Reaktion des Präsidenten

Offenbar besorgt über die unangenehme Wendung, die die Debatte im Vorfeld des Volksentscheids genommen hat, habe der türkische Präsident, Abdullah Gül, politische Führer gewarnt, ihre guten Manieren während der Kampagne beizubehalten, wie die türkische Presse berichtete.

Er habe Schwierigkeiten, diese Politiker zusammenzubringen, sagte er am Mittwoch im Gespräch mit Journalisten, die ihn nach Aserbaidschan begleiteten.

Der Präsident kritisierte die Parteien dafür, Bürger zur Zustimmung oder Ablehnung zu drängen, ohne ihnen die Details der Verfassungsänderungen zu erklären.

Stellungnahmen: 

Der Verein von Richtern und Staatsanwalten YARSAV forderte Erdoğan auf, das Gesetz zu respektieren.

Sie würden den Premierminister offen dazu einladen, das Parlament zu einer Sitzung einzuberufen, um YARSAV zu schließen, wenn er die Macht dazu habe, erklärte Omer Faruk Eminağaoğlu, einer der Vereinsleiter.

Eyüp Can, von der „Referans-Tageszeitung, kommentierte die Auseinandersetzung zwischen TÜSIAD und Erdoğan über den Volksentscheid über das Paket zur Verfassungsänderung, indem er sagte, dass, wenn es sich auch nur um das Mindestniveau an demokratischer Kultur handele, niemand gezwungen werden könne, seine bzw. ihre Wahl zu offenbaren.

Allerdings bezieht sich Can auf ein altes Sprichwort: „wer unvoreingenommen ist, wird zur Seite geschoben werden“ und betont dabei, wie schwierig es sei, unparteiisch zu bleiben.

Güngör Uras von der „Milliyet“-Tageszeitung ist der Meinung, dass der Premierminister, Recep Tayyip Erdoğan, TÜSIAD vor dem Volksentscheid vom 12. September bedroht habe, da der Verband den Vereinigten Staaten und der Europäischen Union sehr offen gegenüber stehe.

Nächste Schritte: 
  • 12.Sept.: Türkisches Referendum zur Verfassungsänderung
Turkish PM Erdoğan: Misplaced comment or genuine threat?
Hintergrund : 

Die amtierende Partei des türkischen Premiers, Recep Tayyip Erdoğan, hat vorgezogene Wahlen am 7. Juli vermieden, als Richter den von ihm vorgeschlagenen Verfassungsreformen zustimmten. Allerdings müssen die Änderungen noch durch einen Volksentscheid, der am 12. September abgehalten werden soll, gebilligt werden. Die größte Oppositionspartei, die CHP, bekämpft diese Änderungen (EurActiv 08.07.10).

Der Oppositionsleader, Kemal Kılıçdaroğlu, erklärte, dass aus den Verfassungsänderungen eine Politisierung der Justiz und eine Teilung der Gesellschaft folgen würden. Die CHP betrachtet die vorgeschlagenen Reformen auch als Mittel für die AKP, ihre Beamten vor Korruptionsverfahren zu schützen und vor den Parlamentswahlen im nächsten Jahr die Position der amtierenden Partei zu stärken.

Kılıçdaroğlu erklärte weiter, er sei sich der Mängel der derzeitigen Verfassung bewusst. Er war einverstanden, dass die Türkei eine zeitgemäßere und solidere Verfassung brauche, und versprach, eine neue in einem von der CHP beherrschten neuen Parlament vorzubereiten.

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