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Türkische Opposition will „bessere Kommunikation” mit EU-Sozialisten

Veröffentlicht 26. Juli 2010 - Aktualisiert 28. Juli 2010
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Die größte türkische Oppositionspartei, die CHP, erklärte, sie sei über den „falschen Rat“, den sie aus den Reihen der Europäischen Sozialisten, denen sie angeschlossen sind,  erhalten habe, tief enttäuscht, wie EurActiv erfuhr.

Türkische Politiker von der Republikanischen Volkspartei (CHP) rügten die Europäischen Sozialisten am Wochenende dafür, sie unter Druck zu setzen, ein vorgeschlagenes Verfassungsreformpaket zu unterstützen.

Das Reformpaket, das von der amtierenden AK-Partei vorgeschlagen wurde, einer moderaten islamischen Partei, soll am 12. September einem äußerst wichtigen Referendum unterworfen werden. Die CHP, die älteste Partei des Landes, ist ein Mitglied der Sozialistischen Internationalen, des weltweiten Zusammenschlusses der sozialdemokratischen, sozialistischen und Arbeiterparteien.

Ein führender sozialistischer Gesetzgeber im Europäischen Parlament, der österreichische Europaabgeordnete Hannes Swoboda, rief die Partei vor kurzem auf, das Verfassungsreformpaket zu unterstützen. Er sagte, das Referendum werde testen, „ob die CHP als wahrhaft sozialdemokratische Partei gesehen werden möchte“.

Bei einer Konferenz in Antalya am 25. Juli wiederholten CHP-Vorsitzende ihren Widerstand zu den Reformen und sagten, die Änderungen seien nichts Weiteres als eine List der AKP, um die Kontrolle über die türkische Justiz zu erlangen.

Die CHP beschuldigt die AKP, die Verfassungsreformen zu nutzen, um die Unabhängigkeit der Justiz zu untergraben und ihre Unterstützer in hohen Posten zu installieren. Dies sei Teil einer langfristigen Strategie, die säkulare Tradition des Landes aufzuweichen.

CHP-Vorsitzende haben die Anstrengungen der Regierung verurteilt, die Reformen in einem einzigen Paket durchzudrücken, eine Verfahrensweise, die von der Venedigkommission des Europarats abgelehnt wird (EurActiv 07.05.10).

Kemal Kılıçdaroğlu, Vorsitzender der CHP, wurde von der türkischen Presse mit der Aussage zitiert, er werde als Resultat bessere Kommunikation mit europäischen Politikern anstreben. Sie würden Swoboda einen speziellen Brief zusenden und erklären, weshalb sie diese Änderungen aus der Perspektive von Gerechtigkeit und demokratischer Kultur ablehnten, so Kemal Kılıçdaroğlu.

EurActiv versuchte erfolglos, Hannes Swoboda zu erreichen.

Kemal Kılıçdaroğlu drängte die Europäische Kommission auf, ihren Sorgen bezüglich des Reformpakets zuzuhören, und sagte, türkische Oppositionsgruppen könnten aktiver sein, um ihren europäischen Amtskollegen ihren Standpunkt nahe zu bringen.

Kemal Kılıçdaroğlu betonte ebenfalls, dass das Reformpaket Bürgern einige ihrer Rechte wegnehmen würde, wenn es in dem Referendum angenommen wird. Zum Beispiel, wenn ein Staatsanwalt einen Haftbefehl für jemanden erlasse und diese Person ein Opfer sei. Der Staatsanwalt kündige der Öffentlichkeit die Telefonüberwachung ohne Gerichtsentscheid an. Die Person beschwere sich beim Justizministerium, und wenn diese vom Ministerium zugelassen werde, gehe zum Staatsrat. Normalerweise könnte dann eine Untersuchung stattfinden, sagte er.

Die neue Verfassung schaffe dieses Recht ab, indem sie besage, dass das Justizministerium keine Untersuchungen beginnen könne. Damit werde das Recht des Opfers abgeschafft, zum Staatsrat zu gehen, so der CHP-Vorsitzende der Tageszeitung „Hürriyet“ zufolge.

Derzeit habe der Premierminister Recep Tayyip Erdoğan die Medien und die CHP heftig kritisiert und sie „unehrlich“ und „betrügerisch“ in ihrem Ansatz zum bevorstehenden Volksentscheid genannt, schrieb die Tageszeitung „Zaman“.

Stellungnahmen: 

Botschafter Marc Pierini, der Delegierte der Kommission in Ankara, warnte, die Position der Kommission zu dem Verfassungsreformpaket dürfe nicht missverstanden werden.

Der Erweiterungskommissar Štefan Füle sagte, dies sei eine positive Initiative, doch bedeute dies nicht, dass die Kommission sämtliche Vorschläge des Reformpakets unterstütze. In jedem Fall benötige eine so wichtige Reform eine breite öffentliche Konsultation und landesweiten Kompromiss und es handle sich dabei nicht nur um eine Frage der Methode, wie Pierini in der türkischen Presse zitiert wurde.

Ortsvorsitzende der CHP, Bulent Dolunay und Alican Deveci, die an der Konferenz in Antalya am 23. Juli teilnahmen, bedauerten die Position, die Hannes Swoboda ausgedrückt hatte. Sie nannten diese eine weitere Episode in einer Reihe an PR-Katastrophen im Feld der Kommunikation zwischen EU-Repräsentanten und den Bürgern Europas.

In einem weiteren Kontext, sagten die Sprecher, habe es in den letzten Jahren eine zunehmende Reaktion der türkischen Öffentlichkeit gegenüber einigen EU-Politikern gegeben, die als zu involviert in türkeiinterne Debatten gesehen würden und denen man entgegenhalte, sie nähmen die Seite der AKP-Regierung ein und würfen allen anderen vor, sie seien „uneuropäisch“. Indem sie dies tun, verlören diese EU-Politiker das Vertrauen der türkischen Bürger aus der rechten und linken Mitte, die die konservative AKP-Regierung nicht unterstützten und doch proeuropäisch seien, sagte Alican Deveci.

Auf die Frage nach dem Brief der CHP, der als Reaktion auf Swobodas Stellungnahme gesandt wurde, sagte die CHP-Repräsentantin bei der EU in Brüssel, Kader Sevinç, auf dem Forum in Antalya, es handle sich um eine private Korrespondenz, die ohne die Zustimmung der Adressaten nicht veröffentlicht werden dürfe.

Der Brief vermittle die Botschaft des CHP-Präsidenten Kilicdaroglu und die Position der Partei zum Verfassungsreferendum in der Türkei, soSevinç. Die CHP sei die progressivste politische Kraft in der Türkei, die um eine wahrhaft europäische und demokratische Türkei kämpfe. Sie erwarteten, dass EU-Politiker ihrer Politik gegenüber sensibler seien.

Nächste Schritte: 
  • 12. Sept: Volksentscheid zur türkischen Verfassung
Hintergrund : 

Am 7. Mai bewilligte das türkische Parlament einen Gesetzesantrag der amtierenden AK-Partei zur Verfassungsreform und räumte damit den Weg frei für einen Volkentscheid (EurActiv 07.05.10).

Der Gesetzesentwurf erwirkte nicht die Zwei-Drittel-Mehrheit, um umgehend zu einem Gesetz zu werden, doch erhielt 336 Stimmen in dem Parlament mit 550 Sitzen – genug um die Vorschläge als Referendum zur Wahl zu stellen.

Die Hauptoppositionspartei hat bekannt gegeben, dass sie das Verfassungsgericht anrufen wird, um das Referendum zu blockieren, von dem sie behauptet, dass es den Machtanspruch der AK-Partei zementieren würde.

Kritiker klagen die AK-Partei an, Reformen zu verwenden, um die Unabhängigkeit der Justiz zu unterminieren und Unterstützer in hohen gerichtlichen Posten zu installieren, was Teil einer langfristigen Strategie sein soll, den Säkularismus in der Türkei einzudämmen.

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