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Türkische Parteien: Kraftprobe vor dem Referendum

Veröffentlicht 08. Juli 2010
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Die türkische Regierung vermied gestern (7. Juli) Frühwahlen, als Richter ihre vorgeschlagenen Verfassungsänderungen zuließen. Jedoch wird zu den Änderungen in einem Referendum abgestimmt werden müssen und die größte Oppositionspartei setzt sich bereits dagegen ein. EurActiv Türkei hat zu diesem Artikel beigetragen.

Die Türkei steuert auf ein Referendum im September zu, nachdem das Verfassungsgericht am Mittwoch angekündigt hat, dass es einen Antrag der größten Oppositionspartei CHP zurückgewiesen hatte, das Reformpaket außer Kraft zu setzen.

Es habe nur kleinere Änderungen zu dem Vorschlag der amtierenden AK-Partei gegeben, so die Berichte.

Der Premierminister Recep Tayyip Erdoğan hätte wahrscheinlich Frühwahlen ausgerufen, hätte das Verfassungsgericht große Veränderungen an den vorgeschlagenen Reformen vorgenommen.

Derweil sagte der Oppositionsführer Kemal Kılıçdaroğlu, seine Partei werde gegen das Paket zur Verfassungsreform werben, bevor das Referendum am 12. September stattfinden soll.

„Die Politisierung der Justiz wird eine Teilung der Gesellschaft verursachen“, so Kılıçdaroğlu laut der Tageszeitung Zaman.

Kılıçdaroğlu, ein ehemaliger Beamter, der der “Ghandi der Türkei” genannt wird, wurde kürzlich zum Führer der Republikanischen Volkspartei (CHP) gewählt, der ältesten Partei des Landes, die mit der Sozialistischen Internationalen verbunden ist, dem weltweiten Verband von sozialdemokratischen, sozialistischen und Arbeiterparteien.

Analysten sagten, eine weniger statische CHP, die ihren sozialdemokratischen Namen wiederherstellt und den Nationalismus von Kılıçdaroğlus Vorgänger Deniz Bayka vermeidet, würde eine bessere Chance bei den Parlamentswahlen im nächsten Jahr haben.

Kılıçdaroğlu sagte, die Verfassungsänderungen würden den Staatsanwalt dem Justizministerium unterordnen, weshalb seine Partei gegen die Reformen sei.

Der CHP-Vorsitzende sagte, er sei sich der Probleme der aktuellen Verfassung bewusst. Er stimmte zu, dass die Türkei eine modernere und robustere Verfassung brauche, und versprach eine neue Verfassung in einem neuen CHP-dominierten Parlament auszuarbeiten.

Kader Sevinç, die in Brüssel ansässige CHP-Repräsentantin bei der EU, sagte EurActiv, ihre Partei sei kritisch gegenüber einigen Artikeln im Reformpaket für die Verfassung, welche ihrer Meinung nach den Weg für autoritäre Regierungskontrolle über die Justiz ebenen würden.

„Das Urteil des Verfassungsgerichts, das einige Artikel außer Kraft gesetzt hat, ist ermutigend, aber nicht ausreichend für eine stärkere und europäische türkische Demokratie.“

„Trotzdem enthält das Paket noch immer Artikel, die die Autorität des Justizministeriums auf Kosten der Prinzipien der Rechtsstaatlichkeit und der Bürgerrechte erhöhen; wie das Recht der Bürger, vor Gericht die Unabhängigkeit der Staatsanwaltschaft in Frage zu stellen. Das Paket enthält undemokratische Ziele der amtierenden AKP. Die CHP verspricht, eine neue Art von Verfassung zu fördern, in der es um das beste Modell für eine europäische Demokratie geht.“

Sevinç fügte hinzu, dass es auch einen sehr klaren Bruch der Venedigkommission des Europarats gebe, die besagte, dass „Wähler nicht gebeten werden dürfen, gleichzeitig zu mehreren Fragen abzustimmen, die keine spezielle Verbindung haben“, da es möglich ist, dass sie für die eine aber gegen die andere stimmen wollen.

Die Venedigkommission betonte wiederholt, dass eine ordnungsgemäße, offene, informierte und pünktliche Miteinbindung aller politischen Kräfte und der Zivilgesellschaft in den Reformvorgang nötig sei, um weiten Konsens zu erreichen, selbst wenn dies zwangsläufig Zeit und Mühe kostet.

„Wir laden die Europäische Kommission und das Europäische Parlament dazu ein, die Glaubwürdigkeit der EU-Prinzipien zu schützen und die AKP-Regierung ausdrücklich zu den Fragen von Unabhängigkeit und Neutralität der Justiz zu warnen.“

EU principles in explicitly warning the AKP government on the issue of independence and impartiality of the judiciary's power," Sevinç declared.

Stellungnahmen: 

Der amtierende Vorsitzende des Höchsten Rats der Richter und Staatsanwälte (HSYK) Kadir Özbeksagte, „mit dieser Verfassungsänderung haben wir auf keine Verletzung der Gewaltenteilung abgezielt. Das Justizministerium wird noch immer sehr effektive Verbindungen mit dem Rat haben. Und ich hoffe, dass unsere Bürger das sehen werden.“

„Dies ist ein Spiel, das vor Menschen gespielt wird. Es gab einige Bemerkungen, die die Justiz herabsetzen. Aber dies ist weder eine Reform noch eine Regulierung für die Abschaffung von Schwierigkeiten, unter denen Menschen leiden. Dies ist einfach eine Regulierung, die die Struktur der Einrichtung ändern soll.“

Emine Ülker Tarhan, Präsident des Verbandes der Richter und Staatsanwälte (YARSAV), sagte: „Die Exekutive wird die Mitglieder der Justiz auswählen. Aufgrund der Veränderung der Struktur des Höchsten Rats der Richter und Staatsanwälte wird der Justizminister die wichtigste Person sein. Dies ist inakzeptabel. Nur eine kleine Änderung ist an der Verfassung vorgenommen worden. Der Kampf ist nicht vorbei.“

Kemal Kılıçdaroğlu, Vorsitzender der Republikanischen Volkspartei (CHP), sagte: „Wir als Partei glauben, dass das Prinzip der Gewaltenteilung sehr wichtig für die Türkei ist. Wir werden das Urteil des Gerichts respektieren und vertrauen ihm. Doch das Gericht sollte umgekehrt die Tatsache betonen, dass die Entscheidung auf der Rechtsstaatlichkeit basiert. Wir sind nicht zufrieden mit der Entscheidung. Wir wissen, dass das Prinzip der Gewaltenteilung noch immer in Gefahr ist.“

Gesetzexperte Professor Rona Aybaysagte, dass es mit den ganzen Änderungen bestätigt worden sei, dass das Verfassungsgericht die Fähigkeit habe, wesentliche Untersuchungen zu einigen Punkten durchzunehmen, sowie verfahrensrechtliche Untersuchungen.

Der Konsultative Rat der Europäischen Richter (CCJE)warnte die AKP-Regierung: „Mitglieder des Rats der Justiz sollten keine aktiven Politiker sein, keine Abgeordneten und keine Mitglieder der Exekutive oder der Verwaltung. Das bedeutet, dass weder ein Staatsoberhaupt, wenn es Regierungsoberhaupt ist, noch irgendein Minister ein Mitglied des Rats der Justiz sein kann.“

Hintergrund : 

Am 7. Mai bewilligte das türkische Parlament einen Gesetzesantrag der amtierenden AK-Partei zur Verfassungsreform und räumte damit den Weg frei für einen Volkentscheid (EurActiv 07.05.10).

Der Gesetzesentwurf erwirkte nicht die Zwei-Drittel-Mehrheit, um umgehend zu einem Gesetz zu werden, doch erhielt 336 Stimmen in dem Parlament mit 550 Sitzen – genug um die Vorschläge als Referendum zur Wahl zu stellen.

Die Hauptoppositionspartei hat bekannt gegeben, dass sie das Verfassungsgericht anrufen wird, um das Referendum zu blockieren, von dem sie behauptet, dass es den Machtanspruch der AK-Partei zementieren würde.

Kritiker klagen die AK-Partei an, Reformen zu verwenden, um die Unabhängigkeit der Justiz zu unterminieren und Unterstützer in hohen gerichtlichen Posten zu installieren, was Teil einer langfristigen Strategie sein soll, den Säkularismus in der Türkei einzudämmen.

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