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Wałęsa: Fall der Berliner Mauer rettete Solidarność [DE]

Veröffentlicht 09. November 2009 - Aktualisiert 29. Januar 2010
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Poland
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In den 1980ern waren polnische Intellektuelle die ersten, die verstanden, dass eine deutsche Wiedervereinigung die Befreiung ihres Landes vom Ostblock auslösen könne. Diese Episode wurde von der US-Journalistin Elizabeth Pond berichtet, die kürzlich Lech Wałęsa und Janusz Reiter, die Führer der polnischen Solidarność, nach ihren Erinnerungen für EurActiv Deutschland befragte.

Es ist derselbe Lech Wałęsa, der in seinem Ruhestandsbüro im wieder aufgebauten Grünen Tor der Danziger Stadtmauer sitzt mit Blick auf den Hafen, in dem der Zweite Weltkrieg seinen Anfang nahm.

Sein weißes Haar ist nicht so zerzaust, wie es sein braunes vor drei Jahrzehnten war, als er über die Mauer der Lenin-Werft der Stadt kletterte, um sich dem Streik gegen uneinsichtige polnische Kommunistenführer anzuschließen. Sein Schnurrbart ist weniger füllig. Sein kariertes Arbeiterhemd ist einem extrem respektablen weißen Hemd mit Krawatte einschließlich Krawattennadel gewichen.

Aber er hat dasselbe schelmische Augenzwinkern. Er trägt noch immer die Anstecknadel von Unserer Lieben Frau von Tschenstochau am Revers. Und dieser Elektriker, der gegen jede Wahrscheinlichkeit den Untergang der Sowjetunion durch die Organisation der freien Gewerkschaft Solidarność in den 1980ern einleitete, liebt immer noch „Ich hab’s Ihnen doch gesagt“-Anekdoten über den Fall der Berliner Mauer, der den Untergang beendete.

Das einzige vielleicht Verwunderliche ist die Herzlichkeit für die Deutschen, die dieser Pole ausdrückt.

Am 8. November 1989, erzählt Wałęsa, besuchte ihn der westdeutsche Außenminister Hans-Dietrich Genscher. „Ich sagte ihm ‚Die Berliner Mauer wird bald fallen, sind Sie dafür bereit?’“

„Genscher antwortete: ‚Mein lieber Freund, wir wären nur zu glücklich, solche Probleme zu haben. Aber Kakteen werden auf unseren Gräbern wachsen, bevor so etwas geschieht!’ Zu dieser Zeit war Genscher, wie wir alle wissen, einer der gewieftesten Politiker überhaupt. Er zählte alle Panzer, Soldaten und Militärs [zum Schutz der 28 Jahre alten Mauer] auf. Und trotzdem wagte so ein politischer Amateur wie ich mich ohne diese schicken Analysen vor, nur auf meine eigenen Instinkte gestützt. Und es geschah direkt am darauf folgenden Tag, genau so, wie ich sagte.“ Genscher und Kohl „mussten ihren Polenbesuch abbrechen, weil die Mauer bereits gefallen war.“ 

„Vor zwei Monaten traf ich Genscher wieder. Er erinnerte mich an diese Begebenheit. Er sagte mir: ‚Ich fürchte mich mit Ihnen zu sprechen, da alles genauso geschieht, wie Sie es vorhersagen. Alles wurde wahr.’“ Wałęsa fährt fort: „Wenn es mit dem Fall der Mauer und der polnischen Revolution vorbei gewesen wäre, hätten wir es begreifen können. Aber nicht nur das! Die ganze Sowjetunion brach zusammen! Und andere [mitteleuropäische] Länder konnten sich befreien! Europa und die Welt waren auf einen so großen Wandel so schnell nicht vorbereitet [....] Eine neue Epoche begann.“

Der Fall der Berliner Mauer hat Solidarność „gerettet", versichert er lapidar. Dementsprechend stehen heute in Erinnerung daran zwei Stücke Mauer – ein Stück aus Stein von der Werft und ein Stück aus Zement aus der Mitte von Berlin –  außerhalb der alten Werft Wałęsas.

In der Tat stellt die neu entdeckte deutsch-polnische Freundschaft nach Jahrhunderten der Feindschaft – Polen wurde von Preußen, Russland und Österreich für 123 Jahre vor dem Ersten Weltkrieg zerstückelt und erlitt im Zweiten Weltkrieg die meisten Toten pro Kopf – einen passenden Mikrokosmos der (Wieder-)Vereinigung von Mittel- und Westeuropa nach einem halben Jahrhundert der Trennung durch den Kalten Krieg dar.

Janusz Reiter – Solidarność-Publizist im Untergrund in Zeiten des Kriegsrechts in den 1980er Jahren, später Polens Botschafter in Deutschland und den Vereinigten Staaten – greift die Geschichte auf.

In einem Telefon-Interview erklärt er, wie Wałęsa und andere Polen ihre bemerkenswerte Entwicklung mehrere Jahre vor dem Fall der Berliner Mauer machten, den Westdeutschen zu vertrauen und Synergien durch ihre gegenseitigen Bestrebungen zu erwarten.

Die Aktivisten der Solidarność waren immer noch im Sowjetblock, hatten immer noch sowjetische Truppen in ihrem Land und waren unter dem polnischen Kriegsrecht immer noch verboten. Europa schien immer noch im Kalten Krieg eingefroren zu sein. Selbst scharfsinnige Deutsche wie Genscher dachten, die Berliner Mauer würde während ihres Lebens Bestand haben. Und die Briten und Franzosen standen einer deutschen Wiedervereinigung weiterhin ablehnend gegenüber.

Nichtsdestotrotz entschied sich eine Kerngruppe polnischer Intellektueller im Geheimen dafür, die alte ‚deutsche Frage’ neu zu untersuchen. Diese Frage betraf die befürchtete Tendenz der bevölkerungsstarken und tatkräftigen Deutschen, wann immer sie im Aufwind waren, das europäische Gleichgewicht in den Krieg stürzen zu lassen, sei es im Jahr 1870, 1914 oder 1939.

„Wir hatten während der 1980er in Polen eine Debatte über die deutsche Frage”, erzählt Reiter. Und trotz lebendiger Erinnerungen an die harte Besatzung durch die Nazis während des Zweiten Weltkriegs ging dieser Kern von Denkern sogar weiter als die erstaunliche deutsch-französische und deutsch-niederländische Aussöhnung der Nachkriegszeit, der das Herz Europas die längste Friedensperiode seiner Geschichte verdankt.

„Das Ergebnis der Debatte war unsere Entscheidung, dass wir nicht dem traditionellen Denken verhaftet bleiben sollten, nach dem eine deutsche Wiedervereinigung ein Feind der polnischen Frage wäre. Im Gegenteil: Die deutsche Wiedervereinigung könnte eine Art Motor auch für die polnische Frage darstellen. Dies lag daran, dass Deutschland der einzige Staat in Westeuropa war, der ein nationales Interesse daran hatte, dass sich die Situation in Europa [während des Kalten Kriegs] verändert.“

„Einige Menschen in Deutschland waren sich unserer Debatte bewusst und machten uns besonders Mut.“ Volker Rühe, stellvertretender Vorsitzender der CDU/CSU-Fraktion, „kam auf die Formel, dass der polnisch-(west)deutsche Vertrag aus dem Jahr 1970 auch für ein vereinigtes Deutschland bindend wäre. Dies war ein Signal“, dass bei einer Wiedervereinigung der beiden deutschen Staaten ein vereinigtes Deutschland nicht versuchen würde, den Teil Westpolens zurückzufordern, den die sowjetischen Sieger des Zweiten Weltkriegs von Deutschland abgetrennt und Polen als Ersatz für Moskaus Griff nach Ostpolen zugestanden hatte.

Rühes Signal war entscheidend in seinem Versprechen, dass die deutschen Christdemokraten, die nie ihre Forderung aus der frühen Nachkriegszeit für eine Wiederherstellung der Vorkriegsgrenzen aufgegeben hatten – und auf die Stimmen von Millionen ihrer Landsleute, die 1945 aus Polen und anderen mitteleuropäischen Ländern vertrieben worden waren, angewiesen waren – Irredentismus fallen lassen würden, um die Wiedervereinigung zu ermöglichen. Mit dieser Zusicherung konnten die Polen ihre leise, aber entschiedene Trennung von sowjetischer Vorherrschaft im Osten verfeinern ohne Angst haben zu müssen, dass ihnen vielleicht wieder die Deutschen im Westen in den Rücken fallen würden.

„Die Dinge entwickelten sich anders als erwartet”, fährt Reiter fort. Tatsächlich begannen die Veränderungen „nicht in Deutschland, sondern in Polen. Auf einmal ging es nicht mehr darum, den deutschen Motor für die polnische Frage zu nutzen, sondern umgekehrt.“ Als Polen im September 1989 die erst nichtkommunistische Regierung während des 72-jährigen Bestehens des Sowjetblocks einsetzte, „war Polen das erste Land, das mit dem Ostblock brach – aber ohne die Sowjets und die anderen Hüter des Ostblocks zu provozieren“.

Die kühne Analyse der Intellektuellen zur deutschen Frage zahlte sich aus. Der Fall der Berliner Mauer konsolidierte nicht nur den Sieg der Solidarność für ganz Mitteleuropa, sondern Deutschland wurde auch zu Polens wichtigstem Fürsprecher in der Europäischen Union. Polen und die anderen mitteleuropäischen Staaten kamen unter den Sicherheitsmantel des NATO-Bündnisses und der Europäischen Union. Und Moskau zog seine halbe Million Truppen aus Ostdeutschland und Polen nach 44 Jahren dortiger Stationierung ab.

„Es gibt keine deutsche Frage mehr”, schließt Reiter. „Das ist die Antwort. Es ist vorbei.“

Autorin: Elizabeth Pond für EurActiv Deutschland, Danzig/Berlin

Elizabeth Pond ist eine bekannte amerikanische Journalistin in Europa sowie Schriftstellerin und Dozentin für internationale Beziehungen. Sie war Auslandskorrespondentin des Christian Science Monitor von 1967-1988. Sie ist Autorin von etwa zehn Büchern im Bereich der Außenpolitik und der internationalen Beziehungen, unter ihnen ‚The Rebirth of Europe’, ‚Europe in the 21st century', ‚Beyond the Wall – Germany's Road to Reunification', ‚Endgame in the Balkans: Regime Change, European-style'. 

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Hintergrund : 

Solidarność, die erste Gewerkschaft in einem Land des Warschauer Pakts, die nicht von den Kommunisten gesteuert wurde, kündigte den Zusammenbruch des Kommunismus in Europa an. Sie wurde während der Arbeiterunruhen in Polen in den 1980ern gegründet und wurde schnell zu einer politischen Kraft. 

Trotz Verfolgung und der Einführung des Kriegsrechts 1981 untergrub Solidarność die Vorherrschaft der Kommunistischen Partei und siegte 1989 in den Parlamentswahlen. Ihr Anführer Lech Wałęsa, ein Elektrotechniker auf den Danziger Werften, wurde 1990 erster postkommunistischer polnischer Präsident.

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