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Britische Konservative in der EVP-ED: Werden sie bleiben oder gehen? [DE]

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Veröffentlicht 12. Januar 2009, aktualisiert 29. Januar 2010

Eine der fesselndsten politischen Auseinandersetzungen in der EU entwickelt sich derzeit in Großbritannien, wo die konservative Partei mit einer internen Auseinandersetzung darüber konfrontiert ist, ob sich die Partei nach den Europawahlen im Juni von ihrer Fraktion im Europäischen Parlament, der EVP-ED, lösen sollte. 

Eine lieblose Ehe vor der Scheidung?

Die Beziehung der Tories zu Europa war schon immer kompliziert. Ständig gab es interne Auseinandersetzungen darüber, welche Positionen man gegenüber und in der EU vertreten solle. 

Insbesondere die EVP-Angehörigkeit der Partei stellte für die Parteiführung ein ständiges Problem dar. Die EVP-Fraktion wird von der christlichen Rechten dominiert und ist üblicherweise ein starker Befürworter der europäischen Integration. Das sorgt bei vielen Tories, die traditionell euroskeptisch eingestellt sind, für große Konsternation. Ideologisch macht diese ‚lieblose Ehe’ anscheinend keinen großen Sinn. 

Darum hat der Tory-Vorsitzende David Cameron zugesagt, die EVP-ED-Koalition nach den Wahlen im Juni aufzulösen und eine neue Fraktion einzurichten. 

Wenn sie gehen: Mögliche Szenarien

Sollten die Tories gehen, steht eine Reihe von Möglichkeiten bezüglich ihrer Zukunft außerhalb der EVP in Europa offen. Camerons ursprünglicher Plan, eine politisch in der Mitte positionierte Oppositionsfraktion im Stile der ED gemeinsam mit der ODS-Partei des tschechischen Premierministers Mirek Topolánek einzurichten, hat die Aufmerksamkeit der polnischen PIS-Partei (Recht und Gerechtigkeit) und der französischen RPF-Partei (Sammlung für Frankreich) erregt. 

Allerdings erklärten die Tory-Europaabgeordneten im Dezember 2008, dass es keine Anhaltspunkte dafür gebe, dass die Architektur dieser neuen Fraktion vollständig durch Versprechen anderer Parteien, der Fraktion nach 2009 beizutreten, gebildet werde. Eine neue parlamentarische Fraktion kann nur eingerichtet werden, wenn sie Europaabgeordnete aus mindestens sieben EU-Mitgliedstaaten umfasst.

Eine zweite Möglichkeit besteht darin, dass sich die Konservativen aus der Fraktionsstruktur begeben und sich den fraktionslosen Europaabgeordneten anschließen. Diese Möglichkeit ist jedoch den meisten Tory-Europaabgeordneten ein Dorn im Auge, da viele in der Partei dem Diktum anhängen, dass der fraktionslose Status gleich keinem Status sei.

Eine dritte und neu hervorgebrachte Möglichkeit wäre, dass die ED eine Konföderation mit der Union für das Europa der Nationen (UEN) eingeht, eine Fraktion, von der der Europaabgeordnete Charles Tannock meint, sie vertrete im Allgemeinen die gleichen Werte wie die Konservativen.

Diese Option ist allerdings nur realisierbar, wenn die irischen Fianna Fáil-Europaabgeordneten die UEN verließen und sich der ALDE-Fraktion anschlössen (Fianna Fáil und die Tories werden aus einer Reihe historischer Gründe nicht gemeinsam einer Fraktion angehören). Dieser Schritt wird seit kurzem in Brüssel vorgeschlagen.

‚Bevorzugte Behandlung’: Warum eine Mehrheit der Tory-Europaabgeordneten bleiben will

Trotz der hypothetischen Vorteile einer ideologischen Loslösung von der EVP nach den Wahlen, ist die Mehrheit der Tory-Europaabgeordneten gegen einen solchen Schritt, da die Mitgliedschaft in der größten Fraktion im Parlament ihnen eine starke Plattform in Europa bietet, sowie überproportional viele wichtige Posten. 

Ein konservativer Vertreter im Parlament, der nicht genannt werden wollte, sagte EurActiv, „es steht außer Frage, dass eine Mehrheit unserer Europaabgeordneten in der Fraktion verbleiben möchte“, da sie dort „bevorzugt behandelt werden“. „Die Hälfte der Mitglieder sind Koordinatoren und bei den meisten wichtigen Themen verfügen wir über eigene Whips.“ 

In anderen Worten befürchten die Tory-Europaabgeordneten, dass der Austritt aus der EVP-ED möglicherweise ihren Einfluss schwächen und ihre Macht im Europäischen Parlament mindern könnte.

Der britische Labour-Europaabgeordnete Richard Corbett sagte EurActiv, dass die Tories in der EVP „generell wesentlich mehr Einfluss hätten, als außerhalb der Fraktion. Das gilt sowohl für die Erlangung wichtiger Posten als auch einfach nur für die Mitgliedschaft in einer der beiden größten Fraktionen im Parlament.“

Corbett meint, dass der „Ärger zurück ist“. „Cameron wollte den euroskeptischen Flügel seiner Partei ansprechen, um zum Vorsitzenden gewählt zu werden, und versprach den Austritt aus der EVP. Nun muss er sehen, wie er mit diesem Versprechen umgeht“, sagte er. 

‚Cameron ist der Chef. Punkt’, sagt Führer der Tory-Europaabgeordneten

Die konservativen Vertreter, die von EurActiv für diesen Artikel kontaktiert wurden, zeigten sich insgesamt sehr zögerlich. Vielleicht bedeutet das, dass die Debatte auch weiterhin ein sehr sensibles, internes Thema der Partei bleibt, das noch lange nicht abgeschlossen ist. 

Trotz hektischer Onlineaktivitäten zur Analyse des aktuellen Zustandes scheinen die meisten Tory-Europaabgeordneten wirklich ratlos zu sein, was die endgültigen Absichten Camerons betrifft. Der Europaabgeordnete Charles Tannock beispielsweise meinte, dass „die Europaabgeordneten bezüglich der Pläne David Camerons weitgehend im Dunkeln gehalten werden“. 

Ein Konservativer im Parlament sagte EurActiv, dass „abgesehen von den höchstgestellten Führern der Konservativen niemand weiß, wie sich die Verhandlungen entwickeln. Jeder der behauptet, er wisse Bescheid, spekuliert lediglich“.

In einem Interview mit EurActiv sagte der Europaabgeordnete Timothy Kirkhope, der im November 2008 zum zweiten Mal zum Vorsitzenden der konservativen Delegation im Europäischen Parlament gewählt wurde und nach Einschätzung der meisten gegen den Austritt aus der EVP-ED ist: „Ich stimme damit überein, dass wir derzeit einige sehr wichtige Posten im Parlament innehaben.“

Kirkhope wollte allerdings nichts zu der Richtung der hochrangigen Verhandlungen der Tories sagen. Er sagte nur, dass er der Entscheidung Camerons folgen werde: „Der Vorsitzende meiner Partei ist der Vorsitzende meiner Partei. Punkt.“

Kirkhope widersprach jeder Spannung zwischen ihm und Cameron bei dem Thema und meinte: „Ich arbeite ziemlich eng mit ihm zusammen.“ Außerdem „kommen wir miteinander sehr gut aus“. Gleichzeitig räumte er aber auch die Meinungsverschiedenheiten unter den Europaabgeordneten ein: „Menschen haben Meinungen, und ich habe kein Problem mit Menschen, die Meinungen haben, aber letztlich gibt es nur einen Vorsitzenden der Delegation und nur einen Vorsitzenden der konservativen Partei.“

Stellungnahmen: 

Der  umstrittene, ehemalige konservative Europaabgeordnete Daniel Hannan beschrieb die dysfunktionale Beziehung der Tories zur EVP. In der Vergangenheit habe man bei Wahlen gelitten – besonders bei den Europawahlen 2004, als man die schlechtesten Ergebnisse seit 1832 eingefahren habe –, da man als falsch betrachtet worden sei. Man habe euroskeptische Kampagnen in Großbritannien geführt, und dann, als gewählt worden sei, sei man von dieser Haltung abgewichen und Mitglied der parlamentarischen Fraktion gewesen, die die Integration am stärksten befürwortet habe.

Der ehemalige Tory-Europaabgeordnete und derzeitige nationale Parlamentsabgeordnete Robert Goodwill sagte, David Cameron müsse seine Zusage erfüllen, aus der Europäischen Volkspartei auszutreten und eine neue Fraktion, die die föderalistische Agenda ablehne und dem offenen und freien Markt in Europa verpflichtet sei, einzurichten.

Er fuhr fort und meinte, dass der Austritt aus der Europäischen Volkspartei den Konservativen mehr Ressourcen, unabhängige Kontrolle ihrer Finanzen und einen Sitz in der vorderen Reihe des Parlaments bringen werde. Die Konservativen würden so besser in der Lage sein, die britischen Interessen zu schützen.

Auf der anderen Seite meinte der ehemalige Tory-Europaabgeordnete und derzeitige nationale Parlamentsabgeordnete David Curry, dass die britischen Interessen beschädigt würden, wenn die Tories aus der EVP austräten. Er fügte hinzu, dass die Wirtschaft weniger und bessere Regulierung wolle. Er stellte die Frage, ob jemand ernsthaft denke, dass die Tories dies als instabile Randgruppe besser erreichen könnten, als als wichtigstes Element der größten Fraktion im Parlament. 

Der Tory-Europaabgeordnete Charles Tannock sagte, er selbst sei im Prinzip nie gegen einen Austritt aus der EVP-ED gewesen, vorausgesetzt, man könne eine Fraktion einrichten, die die politischen Interessen der Tories widerspiegele und die die konservativen Europaabgeordneten in die Lage versetze, weiterhin Einfluss im Parlament auszuüben. 

Mit Blick auf die Möglichkeit, dass sich die Tory-Europaabgeordneten außerhalb jeder Fraktionsstruktur im Europäischen Parlament befinden könnten, sagte er jedoch, dass er Schwierigkeiten habe, zu glauben, dass der Status als Fraktionslose die Position der Partei verbessern werde. Ein solcher Schritt würde ihren Einfluss auf Null reduzieren. Die Konservativen würden keine Vorsitzenden oder stellvertretenden Vorsitzenden mehr stellen, keine parlamentarischen Resolutionen mehr einbringen oder aushandeln, keine Änderungsvorschläge für Gesetzesentwürfe mehr einbringen, ohne 40 Unterschriften zu sammeln, und keine wichtigen Berichte mehr verfassen können. 

Der britische Europaabgeordnete Roger Helmer, der die Tories und die EVP verlassen hat, um als unabhängiger Europaabgeordneter zu fungieren, sagte, David Cameron sei verpflichtet, die Tories vor den nächsten Europawahlen aus der EVP zu führen. Natürlich sei die Zusage Camerons, mit der er die Wahlen zum Parteivorsitz gewonnen habe, bedingungslos gewesen. Die Taktik der pro-EVP-Mitglieder sei allerdings sehr schlau gewesen. Sie sagten (wenn auch widerwillig) dem Parteivorsitzenden ihre Gefolgschaft zu, aber nur unter der Bedingung, dass eine neue Fraktion eingerichtet werde. Anschließend hätten sie sich darum bemüht, alle Bemühungen zur Einrichtung einer neuen Fraktion zu untergraben. Irgendwie sei diese Bedingung in die Debatte eingeflossen, so dass es nun heiße: ‚Man kann nicht aus der EVP austreten, da man keine neue Fraktion einrichten kann’. Man müsse klar und deutlich wiederholen, dass Camerons Zusage bedingungslos gewesen sei. Man verlasse die EVP in jedem Fall. 

Unterdessen sagte der führende deutsche EVP-Europaabgeordnete Elmar Brok EurActiv, dass er nur hoffen könne, „dass die britischen Konservativen bei ihren konkreten politischen Handlungen auf die Macht des Europäischen Parlaments im Gesetzgebungsverfahren achten werden und dass sie die Mitte-Rechts-Fraktion nicht wegen rein parteiinternen Problemen schwächen wollen“. Dieses Statement spiegelt die Sorgen der EVP bezüglich der möglichen Schritte der Tories wider. 

Hintergrund : 

Innerhalb der britischen konservativen Partei (Tory) wurde immer ein breites Meinungsspektrum vertreten, obwohl die Partei einer weitergehenden politischen Integration in Europa traditionell ablehnend gegenüber steht. Die Meinungen reichen von einer aktiven, pro-europäischen Einstellung zu einer lautstarken, euroskeptischen Einstellung. Die europäische Frage gehört tatsächlich zu den umstrittensten Themen in der modernen Parteigeschichte.

Die Beziehung der Tories zum Europäischen Parlament ist sogar noch komplizierter. Die Tories waren die wichtigsten Akteure bei der Einrichtung der konservativen Fraktion der Europäischen Demokraten (ED) im Jahr 1979. Anfang der 80er-Jahre war diese Fraktion die drittgrößte im Europäischen Parlament. 

Als jedoch eine Reihe ihrer Fraktionspartner zu der größeren Mitte-Rechts-Fraktion der Europäischen Volkspartei (EVP) überwechselten, wurde die ED geschwächt. Darum traten die britischen Konservativen im Jahr 1992 der EVP-Fraktion bei, behielten aber die Unabhängigkeit der pan-europäischen EVP-Partei bei. Der Status der Tories als „innerhalb und gleichzeitig außerhalb“ wurde 1999 bekräftigt, als die EVP-Fraktion in EVP-ED umbenannt wurde. 

Als der derzeitige konservative Vorsitzende David Cameron im Jahr 2005 gewählt wurde, versprach er, seine Partei vollständig von der EVP-ED-Koalition zu lösen, eventuell nach den Wahlen im Jahr 2009. Es wird jedoch davon ausgegangen, dass eine Mehrheit der Tory-Europaabgeordneten in der Koalition verbleiben möchte, in der sie eine Reihe von wichtigen Posten füllen. Nichtsdestotrotz haben die Tory-Europaabgeordneten eine Zusicherung unterschrieben, der endgültigen Entscheidung Camerons zu folgen. Diese wird nach den Wahlen im Juni 2009 getroffen.

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