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Antiföderalistische Fraktion im Parlament: Eine zerbrechliche Koalition? [DE]

Veröffentlicht 23. Juni 2009 - Aktualisiert 29. Januar 2010
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Die neueste Fraktion, die Europäischen Konservativen und Reformisten (ECR) wurde gestern (22. Juni 2009) formell gegründet und wird von den britischen Konservativen angeführt. Während die „Tories“ den Zusammenbruch der rechten Mitte im EU-Parlament als das Ende eines „föderalistischen Kartells“ sahen, warnten andere über den „ideologischen Isolationismus“ der Fraktion und ihre geringe Chancen auf Erfolg. 

Der lang umstrittene Ausstieg der Torries aus der EVP-Fraktion ist nun, nach Monaten der Verhandlungen quer über den Kontinent endlich Realität geworden (EurActiv vom 2. Juni.2009)

Führende Torries lobten den Schritt als bedeutende Entwicklung in der politischen Landschaft der EU. Timothy Kirkhope MdEP und Vorsitzender der Konservativen im Europäischen Parlament sagte, seine Partei sei begeistert über diese wichtige neue Entwicklung in der europäischen Politik, die starke Argumente für die zentrale bzw. mitte-rechtsgerichtete, aber antiföderalistische Zukunft der EU hervorbringen werde.   

Das "Prager Manifest" : Ein neuer 'Eurorealismus'

Der Antiföderalismus der neuen Fraktion wurde in einer Erklärung kodifiziert, die von allen Mitgliedern unterzeichnet wurde, das so genannte "Prager Manifest". Während die Erklärung vorsichtig verschiedene Themen zu vermeiden sucht, die zu Konflikten zwischen den Mitgliedern führen könnten, betonen die 10 Prinzipien eine hauptsächliche Botschaft: "Die dringende Notwendigkeit die EU auf der Basis des Eurorealismus, der Offenheit, der Zuverlässigkeit und der Demokratie zu reformieren".   

"Die eine Sache die alle Mitglieder der Fraktion gemeinsam haben ist, dass sie an eine nicht-föderalistische Zukunft der Europäischen Union glauben, erklärte der britische Schattenminister Mark Francois EurActiv in einem Telefoninterview aus Westminster. 

Eine schwache politische Formation?

Allerdings, während Francois sagte, dass er Vertrauen habe, dass die Fraktion wachsen werde, kamen von führenden EU Berichterstattern verschiedene Kommentare  auf die Wünsche der ECR, eine mächtige Opposition im Parlament zu werden.   

Andrew Duff, Vorsitzender der britischen liberalen MdEP glaubt, dass der eigenartige Zusammenschluss der ECR aus polnischen Ultra-Katholiken und Ultra-Kalvinisten aus den Niederlanden einen destabilisierenden Effekt auf die Leistungsfähigkeit der neuen Fraktion haben werde. 

Es sei sicherlich nicht im Interesse der Torries, vom politischen Mainstream an den Rand der Politik zu kommen, behauptete er und fügte hinzu, dass er das Kredo dieser Gruppe hinterfrage und sich mit Interesse darauf freue das gemeinsame politische Programm zu sehen, das sie nun zusammengestellt haben werden. 

Außerdem bestehen sechs der neun anderen Delegationen der Fraktion, während die Reihen der ECR von den Tories (26 MdEP) und der polnischen Partei Recht und Justiz (PiS: 15 MdEP) dominiert werden, aus nur einem einzigen MdEP. 

Mit anderen Worten, falls nur drei der sechs Abgeordneten zu irgendeinem Zeitpunkt mit der Richtung der Partei desillusioniert werden sollten und damit drohen sollten zu gehen, würden sie effektiv ein Vetorecht über die weitere Existenz der Fraktion haben (eine Fraktion benötigt Abgeordnete von mindestens sieben Mitgliedstaaten). 

Daraus folgt, dass die Torries wohl diesen sechs EU-Abgeordneten einflussreiche Positionen in der neuen Fraktion garantieren werden müssen.

Eine führende Quelle aus der EVP, die mit EurActiv unter der Bedingungen der Anonymität sprach sagte, dass die ECR wie eine "zerbrechliche Koalition" aussehe und argumentierte, dass ein bei Laune halten der sechs Einparteienmitglieder sich für die Torries als zu schwer herausstellen könnte. "Ich sehe nicht wie sie ausreichende Macht haben werden, diesen fünf MdEP zum Beispiel Sitze in Ausschüssen zu geben".

"Das ist ironisch", fügt er hinzu, "wenn man denkt, dass es eine bekannte Tatsache ist, dass die Großzügigkeit der EVP an die Tortes in diesem Bereich im vorherigen Parlament tatsächlich eines der vorwiegenden Beispiele der Vorteile der Tortes im übrigen Teil der EVP war. 

Mark Francois wollte nicht auf eine mögliche Destabilisierung der Fraktion aufgrund ihres Verlassens auf einzelne MdEP kommentieren. "Wie Sie wissen, wurde die Schwelle für die Formierung einer Fraktion erhöht. Naja, wir haben die Anforderungen sowohl mit der Zahl der MdEP, als auch mit der Zahl der Länder erfüllt."

Außerdem sagte Francis, dass "während wir der Kern unserer neuen Fraktion heute verkündet haben, gehen die Diskussionen immer noch weiter und wir hoffen, dass wir mehr MdEP von anderen Ländern finden werden, bevor das EP zum ersten Mal am 14. Juli offiziell tagt."

Er wollte nicht preisgeben wer diese anderen MdEP sein könnten und sagte, "die Diskussionen gehen noch weiter".

Stellungnahmen: 

Der konservative Kommentator Tim Montgomerie, der Mitherausgeber  der einflussreichen Webseite "Conservative Home" ist sagte, dass dies ein historischer Moment sei, da das föderalistische Kartell im Parlament gebrochen sei. Nun gebe es eine echte Opposition zu der Idee einer "immer enger zusammenwachsenden Union" im Europäischen Parlament. 

Er fügte hinzu, dass die Mitglieder von ECR euroskeptisch seien, eine transatlantische Sichtweise hätten und konservativ seien. 

Jaroslaw Kaczynski, der Vorsitzende der polnischen Partei "Recht und Gerechtigkeit" (PiS), sagte dass obwohl viele der ECR-Mitglieder in vielen Bereichen andere Ansichten hätten, die Vereinbarung sei, dass man unabhängig agiere, solange keine nationalen Interessen in Gefahr gebracht würden. Aber man stimme in einigen wichtigen Themen überein, unter anderem auch, dass man ein größeres Augenmerk auf die EU und ihre Zukunft richten solle. 

Andrew DuffVorsitzender der britischen liberaldemokratischen Abgeordneten sagte, dass es in der Tat merkwürdig für britische Konservative sei, in einer Gruppierung mit bizarren Ultrakatholiken aus Polen und Ultrakalvinisten aus den Niederlanden gefangen zu sein. 

Er sagte weiter, dass es sicherlich nicht im Interesse Großbritanniens liege, dass sich die Torries von dem politischen Mainstream an den politischen Rand bewegten und fügte hinzu, dass er die Beständigkeit der Gruppe hinterfrage und auf ein gemeinsames politisches Programm gespannt sei, dass sie zusammen verabschieden müssten. 

Wie auch sein Kollege Duff sagte Edward Davey, der außenpolitische Sprecher der Liberaldemokraten, dass diese Ankündigung bestätige, dass die Tories die Mitte der europäischen Politik verlassen hätten und sich nun den Kräften und Parteien mit extremistischen Ansichten anschlössen. Die Konservativen hätten sich dafür entschieden ihren Einfluss zugunsten ideologischer Isolation aufzugeben, sagte Davey. 

Der Schatteneuropaminister der Tories, Mark Francois, der zusammen mit dem stellvertretenden Vorsitzenden der Konservativem, William Hague, entschieden dafür war, dass die Partner der ECR zusammen kamen, erklärte EurActiv gegenüber, dass man heute den Kern der Fraktion bekannt gegeben habe, aber die Diskussionen würden noch weiter gehen und man sei zuversichtlich, dass man noch mehr MdEP aus anderen Ländern gewinnen könnte, bevor das Europäische Parlament am 14. Juli zum ersten mal formell zusammentrete. 

Er sei sehr zuversichtlich, nachdem nun diese Fraktion gegründet wurde, dass sie tatsächlich aufblühen werde. Er fügte hinzu, dass man ebenfalls neue Prinzipien bekannt gegeben habe. Eines dieser Prinzipien, die die Gruppe aufgestellt habe sei die nicht-föderalistische Zukunft der Europäischen Union. 

Nächste Schritte: 

• 14. bis 16. Juli 2009: Eröffnende Plenarsitzung des neu gewählten Parlaments 

Hintergrund : 

Als der derzeitige Führer der Konservativen, David Cameron, im Jahre 2005 gewählt wurde, votierte er dafür, dass seine Partei sich aus der führenden mitte-rechtsgerichteten EVP-Koalition zurückziehen sollte, was letztendlich zu einem Kompromiss führte, der diesen Schritt für die Zeit nach den Europawahlen 2009 vorsah. 

Camerons Ziel ist die Umsetzung einer neuen mitte-rechtsgerichteten antiföderalistischen Fraktion im neuen europäischen Parlament (EurActiv vom 12. Januar 2009). 

Gestern gaben die Torries bekannt, dass sie erfolgreich die Mindestgrenze zur Formung einer eigenen Fraktion überschritten hatten (25 Mitglieder aus einem Minimum aus sieben EU-Ländern). Die Fraktion der Europäischen Konservativen und Reformisten (ECR), die weitere Zuwächse blockiert, wird 56 MdEP aus neun Staaten umfassen. 

• Belgien: Lijst Dedecker (LDD), mit einem MdEP in der neuen Fraktion.

• Tschechien: Zivildemokratische Partei (ODS) mit neun MdEP. 

• Finnland: Zentrumspartei (Keskusta) sitzt in der liberalen ALDE-Gruppe, aber einer seiner MdEP wird Teil der neuen Fraktion sein. 

• Ungarn: Ungarisches Demokratisches Forum (MDF) mit einem MdEP.

• Lettland: Für Vaterland und Freiheit (TB/LNNK) mit einem MdEP. 

• Litauen: Wähleraktion der Polen in Litauen (AWPL) mit einem MdEP. 

• Niederlande: Christliche Union (ChristenUnie) mit einem MdEP.

• Polen: Recht und Gerechtigkeit (PiS) mit 15 MdEP. 

• Großbritannien: Die Konservative Partei, mit 26 MdEP in der neuen Fraktion.

Die ECR wird wahrscheinlich die viertgrößte Gruppe im neuen Europäischen Parlament.

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