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Konservative gewinnen Europawahl [DE]

Veröffentlicht 08. Juni 2009 - Aktualisiert 29. Januar 2010
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Die Europawahlen, die zum ersten Mal in der Geschichte gleichzeitig in 27 Ländern abgehalten wurden, endeten in einem klaren Sieg der mitte-rechtsgerichteten EVP und in einer Niederlage der Europäischen Sozialdemokraten (PSE), nachdem die vorläufigen Endergebnisse letzte Nacht veröffentlicht wurden.

Die EVP-Fraktion hat zwischen 263 und 273 Europaabgeordnete gewonnen, im Gegensatz zu 155-165 für die SPE, so die Webseite des Europäischen Parlaments. Im vorherigen Parlament hatte die EVP in dem 785 Mitglieder starkem Parlament 284 Abgeordnete bekommen, während die PSE 215 hatte.

Dieses Mal haben die britischen Konservativen unter ihrem Anfüher David Cameron sich dazu entschlossen, die Fraktion zu verlassen und eine eigene Anti-Lissabonfraktion zu gründen (EurActiv vom 2. Juni 2009). Trotz des möglichen Verlustes von 60 britischen Abgeordneten würde die EVP die größte politische Gruppe in dem neuen 736-Mitgliedern umfassenden Parlament darstellen. 

Die Allianz der Liberalen und Demokraten Europas (ALDE) erlangte zwischen 78 und 84 Sitzen. Im letzten Parlament waren es noch 103. Die Grünen gewannen zwischen 52 und 56 Sitze. Beim letzten Mal waren es noch 42. 

Die euroskeptische Fraktion Unabhängigkeit und Demokratie (UEN), die vorher 24 Mitglieder hatte, verlor Sitze und hat nun zwischen 15 bis 19 MdEP. Die Fraktion der europäischen Linken/NGL (GUE/NGL) hat nun 33 bis 37 Sitze. Vorher waren es 44.   

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Wilfried Martens, Präsident der Europäischen Volkspartei (EVP) sagte, dass die neue konservative Gruppierung ohne die britischen Tories und die tschechische konservative ODS, die der neuen Fraktion beitreten wollen (EurActiv vom 2. Juni 2009), einen stärkeren Zusammenhalt hätte. Der einzige Grund, warum die Tories die mitte-rechtsgerichtete Fraktion verlassen hätten, sei dass sie den Vertrag von Lissabon nicht unterstützten. Die britischen Konservativen wollten ein Referendum über den Entwurf in Großbritannien abhalten, wenn es zu Neuwahlen kommen sollte.

Konservative in den fünf Großen Nationen erfolgreich

In den fünf größten EU-Ländern Deutschland, Großbritannien, Frankreich, Italien und Spanien schlug sich die EVP gut. Der deutsche Europaabgeordnete Hartmut Nassauer, Vizepräsident der EVP sagte, dass er glücklich mit den Ergebnissen seiner Partei war. Die konservative CDU erreichte 30,8 Prozent der Stimmen, während die SPD nur 20,8 Prozent gewann. 

Es sei ein gutes Signal für den  27. September, sagte Nassauer im Bezug auf die bevorstehende Bundestagswahl.

In Frankreich erreichte Sarkozys UMP 28 Prozent, während die Sozialdemokraten 16,8 Prozent erlangten und fast von den Grünen der Europe Ecologie überrannt wurde, die 16,2 Prozent der Stimmen erlangte. Der französische EU-Abgeordnete Joseph Daul sagte, dass seine Fraktion gewonnen habe, weil sie Europa gezielt angesprochen habe und sich anders als seine sozialdemokratischen Gegner, nicht auf Kontroversen verlassen habe. 

In Italien, schaffte es Berlusconis “Partei der Freiheit” (PdL) auf 39 Prozent, während die mitte-linksgerichtete PD 27,5  Prozent bekam. 

Wähler strafen Sozialdemokraten ab

In anderen Ländern erlitten viele Regierungsparteien Verluste während die Oppositionen Gewinne verbuchen konnten. In Spanien, das von Sozialdemokraten regiert wird, schaffte die mitte-rechtsgerichtete Volkspartei 42,03 Prozent, während die Sozialdemokraten 38,66 Prozent erreichten. In Griechenland erreichte die regierende mitte-rechtsgerichtete Partei Neue Demokratie nur 33,9 Prozent gegenüber 36,1 Prozent der Oppositionspartei PASOK. 

In Bulgarien, das von einer sozialdemokratischen Koalition geführt wird, erreichten zwei der EVP zugehörigen Parteien zusammen 33,12 Prozent, während die sozialdemokratische BSP 18,36 Prozent erhielt. 

Ungarn, ein Land das von der Wirtschaftskrise stark betroffen ist, verloren die regierenden Sozialdemokraten gegenüber der Oppositionspartei FIDESZ-KDNP, die 56,37 Prozent erlangte. Die Regierungspartei MSZP erreichte lediglich 17,37 Prozent der Stimmen. Die rechtsextreme Jobbik-Partei gewann ebenfalls dazu und erreichte 14,7 Prozent. 

Einfluss der Rechtsextremen

Die Rechtsradikalen gewannen beträchtlichen Rückhalt in einigen Mitgliedsstaaten, insbesondere in den Niederlanden und in Österreich. In den Niederlanden wurde die Anti-Einwanderungspartei „Partei der Freiheit“ (PVV) mit 17 Prozent zur erschreckenden zweitstärksten Kraft. (EurActiv vom 5. Juni 2009). In Belgien erreichte die Anti-Einwanderungspartei Vlaams Belang, die die Unabhängigkeit von Flandern fordert 10,43 Prozent, was leicht unter den 11,6 Prozent von vor fünf Jahren liegt.

In Bulgarien erreichten die ultranationalistische Ataka 11,28 Prozent, was deutlich unter den 14,2 Prozent der 2007 stattgefundenen Wahlen liegt. Sie werden voraussichtlich zwei MdEP nach Brüssel entsenden, einen weniger als zuvor. 

In Rumänien, erreichte die “Großrumänienpartei” (PMR) des Ultranationalisten Cornel Vadim Tudor 7,2 Prozent. Bei den Wahlen im Jahr 2007, nach Rumäniens Beitritt, erreichte sie nur 4,15 Prozent und konnte keinen MdEP nach Straßburg schicken. 

Niedrige Wahlbeteiligung bedeutet nicht weniger Legitimität 

Trotz der Angst, dass sich die Wahlbeteiligung weiter verschlechtert, blieben die Ergebnisse relativ stabil, da sich 43,39 Prozent der Wähler an der Wahl beteiligten. Bei den Wahlen 2004 waren es noch 45,9 Prozent. 

Der Vorsitzende der Allianz der Liberalen und Demokraten Europas (ALDE), Graham Watson sagte, dass die niedrige Wahlbeteiligung auf zweierlei Art und Weise interpretiert werden könne. Entweder würden Wähler nicht zur Wahl gehen weil sie vollständig zufrieden seien, oder weil etwas nicht stimme. 

Man müsse für eine bessere Kommunikation sorgen, um zu informieren was auf EU-Ebene passiere. Dafür müsse man Euronews den Status eines öffentlichen Fernsehsenders in allen Mitgliedsstaaten gewähren und einen Teil der Europaabgeordneten über eine gesamteuropäische Liste wählen. 

Auf die Frage hin, ob die niedrige Wahlbeteiligung einen Einfluss auf die Legitimität des Parlamentes habe, sagte Professor Mario Telo, der Präsident des Institutes für europäische Studien an der Université Libre de Bruxelles (ULB), dass es nicht richtig sei über einen Mangel an Legitimität zu sprechen. Es könne auch möglich sein, dass das europäische System so gut etabliert sei, dass sogar euroskeptische Parteien im Europaparlament vertreten sein wollten. 

Die Krise um die Wahlbeteiligung könne den nationalen Parteien zugeschoben werden, die ihre Arbeit nicht richtig  gemacht hätten, Europa den Bürgern zu erklären. Europa werde noch immer als langweilig und komplex betrachtet, sagte Telo weiter. Die Wahlergebnisse deckten eine Krise der nationalen Demokratien auf, statt eine auf europäischer Ebene. In vielen Mitgliedsstaaten sehe man einen Anstieg des Populismus, der unglücklicherweise von politischen Skandalen verstärkt werde. 

Ein hochrangiger Kommunikationsberater des Europäischen Parlaments sagte gegenüber EurActiv, dass die niedrige Wahlbeteiligung einmal wieder gezeigt habe, dass die nationalen Regierungen es nicht geschafft hätten, ihre Bürger zu informieren. 

„Das Europäische Parlament hat eine Kampagne gestartet, um mehr Aufmerksamkeit zu erregen, aber keine politische Partei hat mit einem europäischen Wahlprogramm versucht Stimmen zu gewinnen“, sagte der Berater, und merkte an, dass keine Partei erwähnt habe, mehr als drei Viertel aller Gesetze würden für die nationale Rechtsprechung in Brüssel gemacht. 

Barroso oder nicht?

Die Wahlergebnisse geben keinen klaren Hinweis darauf, ob der Präsident der Europäischen Kommission José Manuel Barroso Chancen hat ein zweites Mandat an der Spitze der EU-Behörde zu bekommen. 

Auf einem Treffen des Europäischen Rates am 18. und 19. Juni 2009 wird erwartet, dass die Staats- und Regierungschefs der EU darin übereinstimmen werden den ehemaligen portugiesischen Ministerpräsidenten wieder zu nominieren. Während der ersten Sitzung des siebten EU-Parlaments, hat die Versammlung am 14. bis 16. Juli das Recht, die Nominierung entweder anzunehmen, oder durch eine Mehrheit der Stimmen abzulehnen.

Stellungnahmen: 

In einem Überraschungssieg schafften es die Grünen mit 15 Prozent auf Platz drei der Wahl, während der Anführer des Zentrums Francois Bayrou, auf weniger als 9 Prozent zurückfiel. Ihren Sieg freudig begrüßend sagte der Vorsitzende der EVP-ED Fraktion Joseph Daul und der EVP Präsident Wilfried Martens, die Bürger Europas „ haben sich dafür entschieden, das Wahlprogramm der EVP zu ihrem Wegweiser für die kommenden fünf Jahre zu machen. Die Nachricht der Bürger an die Politik ist eindeutig: die europäische Politik muss wieder Ehrgeiz und politischen Willen zeigen, um auf die Anliegen der Menschen zu reagieren und den Platz Europas in der Welt zu sichern“, sagten sie in einer Erklärung.

„Die neue Legislaturperiode wird für das Europäische Parlament entscheidend sein. Mit einer verstärkten Stellung als Mitgesetzgeber durch das Inkrafttreten des Lissabon-Vertrags, das wir uns möglichst bald wünschen, wird das Europäische Parlament eine strategisch wichtige Stellung im Kern der europäischen Entscheidungsprozesse einnehmen“, sagten die Parteivorsitzenden.

„In diesem Parlament trägt die EVP-Fraktion eine besondere Verantwortung sowohl gemessen an der Stellung, die sie in dieser Institution einnimmt als auch an den nationalen und internationalen Herausforderungen vor denen wir stehen“ fügten sie hinzu. 

Das Ziel werde sein, 50 MdEP zu haben und er glaube, dies sei erreichbar. Dies werde es den Grünen erlauben mit einer stärkeren Stimme im kleineren Parlament zu sprechen, sagte der belgische Grüne EU-Abgeordnete Philippe Lamberts.

Auf die Frage warum die Sozialdemokratische Fraktion so schlecht abgeschnitten habe sagte Lamberts, dass die SPE nicht in der Lage gewesen sei von den Problemen zu profitieren, die durch die Ideologien verursacht wurden, die die Konservativen hervorbrachten, wie Deregulierung und freie Märkte. Sie hätten keine klare Vision formuliert, während die Vision der Grünen eindeutig gewesen sei: Einen grünen „New Deal“, mit Wachstum durch grüne Investitionen und die Veränderung des Lebensstils. 

Die Wirtschaftskrise habe die Wähler zutiefst getroffen. Er glaube man habe eine Verantwortung auf europäischer Ebene, um Lösungen für die Krise zu finden. Wenn man in das Loch des Nationalismus oder des Protektionismus falle sei man todgeweiht, so der Brite Graham Watson, Vorsitzender der Allianz der Liberalen und Demokraten für Europa (ALDE). 

Die Sozialdemokraten hätten viele Sitze in diesen Wahlen verloren, während die liberalen Demokraten ihre Position hielten und sogar leicht stärker sein könnten, als im vorherigen Parlament, sagte Watson. 

Ein Kommentar zu den Ergebnissen abgebend sagte der Deutsche Martin Schulz, Vorsitzender der Sozialdemokratischen Fraktion, dass es Tage gebe, an denen man gewinne und Tage an denen man verliere. Er hätte gerne mehr Sitze für die SPE gesehen, aber man müsse nehmen, was man von den Wählern bekomme.  

Man werde den Kampf um progressive Politik weiter betreiben. Man werde den Kampf um ein soziales Europa nicht aufgeben und das Manifest weiter aufbauen, fügte er hinzu. 

Die Präsidentin der Europäischen Liberalen, Demokratischen und Reformpartei Annemie Neyts erklärte EurActiv gegenüber, dass die Ergebnisse  bedeuteten, dass die Position der Liberalen im Parlament mehr oder weniger gleich geblieben sei.  

Es gebe Länder, wo man Sitze verloren habe. Tatsächlich seien einige der Delegationen komplett verschwunden, wie z.B. in Ungarn, wo die Allianz der Freien Demokraten nicht einmal die Hürde schaffte. 

Jedoch wurden auch woanders Gewinne erzielt. Die niederländischen Liberalen schlossen sich zusammen um einen Sitz zu bekommen und in Deutschland machte die FDP einen riesigen Sprung. 

Die Ergebnisse als Erfolg beschreibend sagte die ELDR-Präsidentin, dass dies, in Anbetracht dessen, dass jeder im Zuge der Finanzkrise andeutete, die Liberalen seien die großen Schuldigen gewesen und Prügel verdient hätten, das Ziel gewesen sei. 

Also habe man damit die gleiche Anzahl an MdEP zu behalten, recht gut abgeschnitten, folgerte sie. 

Der Präsident der Europäischen KommissionJosé Manuel Barroso beschrieb das Resultat als unbestreitbaren Sieg für diese Parteien, die das europäische Projekt unterstützen und sehen wollen, dass die Europäische Union politische Reaktionen auf ihre alltäglichen Anliegen liefere. „Die politischen Kräfte die die politischen Herausforderungen konstruktiv angehen und die sich in der letzten Legislaturperiode konstruktiv in der Kommission eingebracht haben, belegen die überwältigende Mehrheit der Sitze im nächsten Europäischen Parlament“, sagte er.

Vom heutigen Tag an, sei Europa den Wählern schuldig ihnen erneut zu zeigen, dass es Ergebnisse bringen könne. Es müsse weiter daran arbeiten, den Weg durch die Wirtschafts- und Finanzkrise zu ebnen. Es müsse alles in seiner Macht stehende tun, um die schwächsten Mitglieder der Gesellschaft zu unterstützen, besonders diejenigen, die von der Arbeitslosigkeit betroffen sind. Und Europa müsse die Gelegenheit ergreifen, um eine neue soziale Marktwirtschaft zu schaffen, die ein intelligenteres, grüneres Wachstum ins Zentrum stellt, so dass der Klimawandel entschieden bekämpft werden könne, so der Kommissionspräsident weiter.

Die Wahlbeteiligung im Vergleich zu 2004 zeigt, dass dies keine Zeit zum Wohlbehagen sei. Nationale Politiker, deren Debatten des Öfteren in ihrem Schwerpunkt weitgehend national bleiben, müssen durchweg anerkennen, dass sie sowohl nationale als europäische Rollen spielten. Die Europäische Kommission werde weiter Bemühungen unternehmen, die EU ins Zentrum der politischen Debatte in allen Mitgliedstaaten zu stellen, sagte er.   

Das relative Versagen der europäischen linken Mitte bei diesen Wahlen kommentierend, sagte Jackie Davis eine Analystin beim European Policy Centre, einem Brüsseler Think-Tank sagte, die Resultate zeigten wie gespalten die mitte-linksgerichteten Kräfte im Moment seien. Normalerweise würden die Regierungsparteien bei den Europawahlen abgestraft. 

 

Hintergrund : 

Vom 4. bis 7. Juni wurden 375 Millionen Bürger aufgefordert, für 736 Mitglieder zu wählen, die sie im Europäischen Parlament bis 2014 repräsentieren werden.  

Über die vergangenen 30 Jahre, seit den ersten EU-Wahlen, hat das Parlament mehr Macht gewonnen, aber viele Bürger sehen die Abstimmung immer noch als nationale Zwischenwahl an, um die Regierungsparteien abzustrafen. 

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