Auf einer Pressekonferenz versuchte Barroso es zu vermeiden, sich zu tief in die Werftendebatte zu begeben und bevorzugte es, sich auf die Strategie der EVP für die Europawahl zu beschränken.
Später, inmitten einer heiteren Atmosphäre, verkündete EVP Präsident Wilfried Martens, nach vierstündigem Reden, dass Barroso der offizielle Kandidat der EVP für den Posten des Europäischen Kommissionspräsidenten sei. Der Schritt ist ist kaum als eine Überraschung zu sehen, nachdem er bereits von der EVP im Oktober inoffiziell nominiert wurde (EurActiv vom 16. Oktober 2008).
Die EVP-Politiker seien zufrieden, dass sie die Wahl am 4.bis7. Juni 2009 gewinnen würden, so Martens.
Vor den Zuhörern in der Kongresshalle sprechend, die früher kommunistische Parteikongresse beherbergte, wählte Barroso das Thema „Werte“ und sprach von der derzeitigen Weltwirtschaftskrise als eine „Krise der Werte“, in der die EVP dafür kämpfen werde, ethische Standards im globalen Finanzsystem einzuführen.
In seiner Rede nahm er keinen Bezug auf die Schwierigkeiten der nächsten fünf Jahre. Trotzdem rieten ihm zwei EU-Politiker als Kommissionspräsident mehr Führungsstärke zu zeigen.
Der französische Premierminister François Fillon forderte eine Europäische Kommission, die in der Lage sei, Vorschläge hervorzubringen und sich Lösungen zu überlegen. Der luxemburgische Premierminister Jean-Claude Juncker sagte, dass die Kommission weiterhin der Motor Europas bleiben solle und nicht ein Sekretariat des Rates, dass nur handle, um die Mitgliedsstaaten zu befriedigen.
Soziale Fragen nicht den Sozialdemokraten überlassen
Wie auch andere Sprecher sagte Juncker, dass die EVP die sozialen Fragen nicht als privilegiertes Territorium der Sozialdemokraten betrachten sollte. Wilfried Martens sagte, dass man von den Sozialdemokraten in der sozialen Marktwirtschaft kopiert worden sei, während Joseph Daul, der Sprecher der EVP-Gruppe im
Europäischen Parlament sagte, dass die einzigen erfolgreichen Sozialdemokraten in Europa jene seien, die mitte-rechtsgerichtete Politik betrieben. Die deutsche Bundeskanzlerin, die eine standhafte Befürworterin der „verantwortlichen sozialen Marktwirtschaft“ (EurActiv vom 15. Mai 2006) ist sagte, dass die EVP die Globalisierung humaner machen müsse, weshalb ihrer Meinung nach die Umsetzung des Vertrags von Lissabon so wichtig sei, da es die soziale Marktwirtschaft schütze.
Merkel sagte auch, dass es für Europa wichtig sei nach der Wirtschaftskrise stärker zu werden. Sie gab zu, dass der Kontinent weit davon entfernt sei, die Ziele der Lissabonstrategie für mehr wirtschaftliche, soziale und umweltfreundliche Erneuerung zu erreichen. Sie sagte, dass Europa nur in der Lage sein würde dieses Ziel zu erreichen, wenn es vereinigt sei und wenn die Menschen im Mittelpunkt seiner Politik stehen würden, wie es das Wahlprogramm der EVP vorsieht.
Wahlprogramm durch Konsens angenommen
In ihrem Wahlprogramm, das mit einem überwältigenden Konsens angenommen wurde, attackierte die EVP ihren Hauptrivalen, die Sozialdemokraten, für das was sie als Nutzen der Weltwirtschaftskrise zu politischen Zwecken betrachteten.
Während die Sozialdemokraten in Europa die Krise als Möglichkeit ansähen, ihre rückwärts gewandten linken Ideen durchzusetzen, die Arbeitsplätze vernichte und Europas Position in der Welt schwäche, seien die Konservativen davon überzeugt, dass ihre Vision der sozialen Marktwirtschaft die beste Antwort auf die Krise sei, so das Wahlprogramm der EVP.
Erweiterung auf Eis gelegt
Weiterhin betonte die EVP ihre traditionellen Werte, wie die Rolle der Familie sowie die jüdisch-christlichen Wurzeln und ein gemeinsames kulturelles Erbe Europas. Ohne die Nennung der Türkei macht das Dokument klar, dass Kroatien das einzige Land ist, das in näherer Zukunft mit einem Abschluss seiner EU-Beitrittsgespräche rechnen kann.
Der französische Premierminister François Fillon wiederholte den harten Standpunkt des französischen Präsidenten Nicolas Sarkozy (EurActiv vom 9. Juni 2008) im Bezug auf die Erweiterung, indem er sagte, dass ein sich immer mehr erweiterndes Europa nicht ein Ziel an sich darstelle. Er sagte, dass Europa Grenzen brauche, um ein „europäisches Bewusstsein“ zu entwickeln, und dass das europäische Ideal an „Substanz“ gewinnen könne. Europa brauche eine Seele, so Fillon weiter.
Der italienische Ministerpräsident Silvio Berlusconi war der einzige Sprecher, der eine komplett andere Auffassung über die Erweiterung vertrat, indem er sagte, dass er für den Beitritt der Türkei in die EU sei. Er überraschte die Zuhörer ebenfalls, indem er sagte, dass Weisrussland echten Fortschritt in Richtung Demokratie machen könnte. Einige Tage zuvor hatte er sich mit dem weisrussischen Staatspräsidenten Alexander Lukaschenkow getroffen, der als letzter Diktator Europas angesehen wird. Im Gegensatz zu anderen Reden wurde Berlusconis Rede von viel Applaus begleitet, da er von einer großen Gruppe junger italienischer Aktivisten begleitet wurde.
Keine Entscheidung über Parlamentspräsidenten
Quellen aus der französischen Delegation auf dem Kongress erklärten EurActiv, dass das Forum die Frage des EVP-Kandidaten für die Präsidentschaft des nächsten Europaparlamentes nicht diskutieren werde.
Die Polen wollten den ehemaligen Premierminister und derzeitiges MdEP Jerzy Buzek das neue Parlament leiten sehen, was ein Signal der vollständigen Integration der 12 neuen hauptsächlichen ex-kommunistischen Staaten sein könnte. Jedoch hat auch der italienische Ministerpräsident einen Kandidaten und zwar Mario Mauro, einen ehemaligen Bildungspolitiker von der Forza Italia. Vor den EU-Wahlen werde jedoch keine Entscheidung gefällt, so die Quellen.



