Die Wahl Özedemirs kennzeichnet einen Wendepunkt in Richtung einer stärkeren Vertretung der türkischen Bevölkerung in der deutschen Politik und in dem Land, in dem die Türken 3% der Bevölkerung ausmachen. Mit 79,2% der Stimmen schließt sich Özdemir seiner Kollegin Claudia Roth als Vorsitzender an.
Der 41-jährige Politiker wurde erstmals 1994 in den Bundestag gewählt und war damit der erste türkischstämmige Deutsche, der Mitglied im deutschen Parlament wurde, 2004 wechselte er dann zum Europäischen Parlament, nachdem er seinen Sitz aufgeben musste, da er seine Dienst-Bonus-Meilen für private Reisen nutzte. Als Mitglied der Ausschüsse für außenpolitische Angelegenheiten und für Justiz und Bürgerliche Freiheiten setzt sich Özdemir sehr für ein multikulturelles Europa ein. In seiner Dankesrede am Samstag in Erfurt erklärte er: „Ich möchte für eine Gesellschaft kämpfen, in der alle mitgenommen werden. Egal, welche Herkunft sie haben.“
Özdemir wurde im konservativen Baden-Württemberg geboren und aufgezogen. Berichten zufolge ließ er sich für die Bundestagswahlen aufstellen, nachdem in Solingen ein Brandanschlag verübt wurde, bei dem 1993 fünf türkische Frauen und Kinder umkamen.
Mit Blick auf die Bundestagswahlen, die für nächstes Jahr angesetzt sind, spekulieren deutsche politische Analysten, dass die Grünen gemeinsam mit den Freien Demokraten genügend Stimmen gewinnen könnten, um als Juniorpartner eine Koalition mit der konservativen CDU – der Partei von Bundeskanzlerin Angela Merkel – eingehen zu können. Bei den letzten Wahlen, die 2005 stattfanden, gingen eine halbe Millionen Türken zur Wahl. Die meisten stimmten für die Sozialdemokraten, nur fünf Prozent gaben Merkel ihre Stimme und 9,2% wählten die Grünen.
Hamburg wurde im letzten Februar bereits ‚Testlabor’ für eine solche Koalition. Damals beschlossen die regierenden Christdemokraten sich für eine Regierung mit den Grünen zusammenzuschließen. Obgleich es noch zu früh ist, zu sagen, ob das Modell auch auf die nationale Ebene übertragen werden kann, scheint es doch zumindest auf Landesebene recht gut zu funktionieren.
Die Grünen und die Konservativen setzen sich gemeinsam im Kampf gegen den Klimawandel ein, obwohl sie mit Bezug auf Atomenergie unterschiedlicher Meinung sind. Özdemir müsste außerdem einen Großteil der deutschen Bevölkerung von der Legitimität eines türkischen EU-Beitritts überzeugen. Er sagte kürzlich, eine überstürzte Entscheidung Brüssels, der Türkei die Tür vor der Nase zuzuschlagen, sei für den weiteren Fortschritt fatal. Stattdessen sollten die EU und die Mitgliedstaaten eine klare und positive Haltung einnehmen und zeigen, dass sie noch an den fortlaufenden Prozess bis zum Beitritt glaubten, dass sie die Türkei kritisch auf ihrem Weg der Reformen unterstützen wollten und dass die Kopenhagener Kriterien der Maßstab in diesem Prozess bleiben würden.
Özdemir wird noch bis zum Ende seines Mandats Europaabgeordneter bleiben.



