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EU-Expertengruppe für strengere Überwachung der Finanzmärkte [DE]

Veröffentlicht 26. Februar 2009 - Aktualisiert 29. Januar 2010
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Die Überwachung von multinationalen Finanzkonzernen solle, trotz der durch die Wirtschaftskrise offenbarten Defizite, eine nationale Angelegenheit bleiben, empfiehlt eine EU-Expertengruppe in ihrem mit Spannung erwarteten, gestern (25. Februar 2009) veröffentlichten Bericht. Allerdings sollen drei neue EU-Behörden gegründet werden, die Entscheidungen treffen sollen, wenn sich nationale Aufsichtsbehörden uneinig sind. Für die EZB sieht die Gruppe keine besondere Rolle.

Die von der Europäischen Kommission eingesetzte hohe Beratergruppe, der Jacques de Larosière vorsitzt (siehe Hintergrund), weist so die Bitten der EZB ab, die mehr Kompetenzen in der Überwachung einzelner  Unternehmen verlangt hatte (EurActiv vom 13. Februar 2009).

Man unterstütze es nicht, der EZB solche mikroprudenzielle Aufsichtsaufgaben zu übertragen, schreiben die Berater im Bericht und argumentierten, solche neue Aufgaben könnten im Konflikt mit der Hauptaufgabe der EZB stehen, die Währungsstabilität zu gewährleisten.

Die Entscheidung der EZB, Kontrollaufgaben übernehmen zu wollen, war auf das Versagen der bestehenden Regulierungsbehörden zurückzuführen, eine solide Überwachung von multinationalen Finanzinstitutionen zu garantieren. Nach Expertenmeinung hatten die nationalen Überwachungsbehörden im Austausch von Daten untereinander versagt, nachdem  die Idee von nationalen Überwachungsgremien für jeden einzelnen multinationalen Konzern von vielen EU-Mitgliedstaaten abgelehnt worden war. Die derzeitigen rechtlichen Komplikationen in Belgien, die durch die Insolvenz der Fortis-Gruppe ausgelöst worden waren, werden als Bespiel negativer Konsequenzen betrachtet, die durch die Vernachlässigung einer klaren Regelbildung entstanden sind.

De Larosière möchte bis 2012 drei neue, von nationalen Behörden unabhängige EU-Organe ins Leben rufen, die für Banken und Versicherungen zuständig sein sollen. Sie wären verantwortlich für rechtlich bindende Vermittlung zwischen nationalen Überwachungsbehörden. Wenn also die für den Hauptfirmensitz eines bestimmten Unternehmens zuständige Überwachungsbehörde sich nicht mit der für die Filiale des selben Unternehmens zuständigen Behörde einigen kann, würde  eine der drei neuen Behörden eine Lösung für beide festsetzen.

Aufsicht über die Volkswirtschaft

Für die Aufsicht über die komplette Volkswirtschaft, die so genannte  makroprudenzielle  Aufsicht, präsentierte De Larosières Gruppe gewagtere Vorschläge. Es solle eine neue Einrichtung innerhalb des Systems Europäischer Zentralbanken gegründet werden, an der alle EU-Mitglieder teilnehmen sollten. Die EZB solle der Einrichtung vorsitzen, die den Namen „European Systemic Risk Council (ESRC)“ tragen werde. Dieser Rat würde den Ausschuss für Bankenbestimmungen und –überwachung ersetzen.

Um die Stabilität des Systems garantieren zu können, solle der ESRC Frühwarnungen herausgeben und „Zugang zu Informationen zu Vorgängen sowohl in der Makro- als auch in der Mikroökonomie haben“, so der Bericht. Dies könnte bedeuten, dass die ESRC-Experten Zugang zu den Überwachungsgremien großer Bankengruppen haben werden.

Finanzregulierung (Kreditbewertungsagenturen, Hedge Fonds und Kreditderivate)

De Larosières Gruppe schlug außerdem eine Reihe von Maßnahmen vor, die die Defizite von EU-Regulierungsbehörden beheben sollen, die durch die momentane Finanzkrise deutlich geworden waren. Finanzeinrichtungen sollten ihr Kapitalpolster vergrößern und verbessern, dass sie gegen Risiken schützt, indem sie die Eigenkapitalvorschriften des Baseler Ausschusses befolgen, die innerhalb der EU gerade in Kraft getreten sind.

Kreditbewertungsagenturen sollten sich in Zukunft registrieren lassen müssen und würden von einer neuen, für Wertpapiere zuständigen Behörde überwacht werden – einer gestärkten Version des Ausschusses der europäischen Wertpapierregulierungsbehörden (CESR). Diese Maßnahmen gehen über die hinaus, die die Europäische Kommission in der Zeit nach der Krise vorgeschlagen hatte und die momentan im Europaparlament diskutiert werden. Die Kommission hatte sich gegen die Idee einer Aufsichtsbehörde für Kreditbewertungsagenturen ausgesprochen (EurActiv vom 13.  November 2008).

Obwohl die Gruppe De Larosières anerkennt, dass Hedge Fonds-Manager keinerlei Verantwortung für die momentane Finanzkrise tragen, forderte sie eine wesentlich strengere Auskunftspflicht. Hedge Fonds-Manager sollen zukünftig dazu gezwungen sein, „Strategien, Methoden und den Grad der Fremdfinanzierung“ offenzulegen, die bis jetzt als großes Geheimnis gehütet worden waren, um zu vermeiden, dass die Strukturen besonders erfolgreicher Fonds in die Hände der Konkurrenz gelangen könnten.

Für Kreditderivate und besonders für Kreditausfallversicherungen solle mindestens eine zentrale Clearing-Stelle geschaffen werden, rät der Bericht, der es vermeidet in die Kontroverse um den Ort dieser Einrichtung einzugreifen (EurActiv vom 20. Februar 2009).

Die Reaktion der Kommission

Der Kommissionspräsident José Manuel Barroso begrüßte den Bericht als eine „gute Basis“ für weitere Vorschläge, die die Kommission nächste Woche (am 4. März 2009), im Vorfeld des Europäischen Frühlingsgipfels am 19. und 20. März, veröffentlichen möchte

Für April kündigte er außerdem neue Maßnahmen zur Regulierung von Managergehältern an, die reduziert werden und anstelle von kurz- und mittelfristigen an langfristige Bilanzen gekoppelt werden sollen.

Die Kommission plant außerdem Vorschläge zur Regulierung von Hedge Fonds und außerbörslichem Beteiligungskapital (private equity) zu  verabschieden. Der Parteichef der europäischen Sozialdemokraten Poul Nyrup Rasmussen warf die Frage auf, ob der Plan absichtlich verzögert werde, da ein im April veröffentlichter Vorschlag zu Hedge- und Beiteilungskapital-Fonds Europa an der Findung einer gemeinsamen Position für den G20-Gipfel am 20. April in London hindern würde (siehe EurActiv Interview mit Rasmussen).

Stellungnahmen: 

Der Präsident der Europäischen Kommission Josè Manuel Barroso sagte, dass dieser Bericht einen wichtigen Beitrag zur Arbeit der Kommission leiste. Er umfasse eine Menge wichtiger Vorschläge, in Bereichen in denen die Kommission glaube, handeln zu müssen. Vor allem, sei dies ein ausgeglichener und umfangreicher Bericht, der eine gute Basis für die weiterführende Arbeit der Kommission darstelle.

Der Präsident der Europäischen Sozialdemokraten (PES), Poul Nyrup Rasmussen sagte, dass die Vorschläge der Expertengruppe um De Larosière(,) einen bedeutenden Fortschritt darstellten. Sie seien ehrgeizig und pragmatisch. Nun stehe die Europäische Kommission im Rampenlicht. Es sei eine Prüfung von Barrosos Mut und Überzeugung. Heute könne ein wichtiger Tag in der Geschichte der internationalen Finanzmärkte sein, aber man werde sehen, ob die momentane, konservative Europäische Kommission fähig sei, die empfohlenen Schritte einzuleiten. 

Der Europaabgeordnete John Purvis, stellvertretender Vorsitzender des Ausschusses für Wirtschaft und Währung des Europäischen Parlamentes, sagte, dass die größere Transparenz und Vernunft auf den Finanzmärkten von der Europäischen Kommission betont werden solle, man aber nie vergessen solle, dass man in einer globalen Wirtschaft lebe und hier übereifrige, interventionistische Reaktionen der internationalen Wettbewerbsfähigkeit schaden könnten.

Der Generalsekretär des Europäischen Bankenverbandes (EBF), Guido Ravoet, sagte, dass der Bericht die meisten der Sorgen der EBF anspreche, die besonders die Notwendigkeit eines robusteren und einheitlichen Rahmens von Regulierungsrichtlinien auf EU-Ebene und weltweit sehe. Man hoffe, dass der politische Schwung aufrechterhalten werde, freue sich auf die Nachbereitung des Berichtes durch die europäische Kommission und werde die Entwicklungen weiter eng verfolgen. 

Versicherungen in der EU signalisierten, genau wie EU-Banken, ihre Zustimmung zum Bericht. Man begrüße diese zeitige, gründliche und weit reichende Überprüfung der Finanzaufsicht in Europa, besonders vor dem Hintergrund der aktuellen Wirtschaftskrise, sagte Tommy Persson, Vorsitzender der CEA, des europäischen Versicherungs- und Rückversicherungsverbandes

Die Hedge-Fonds Vereinigung (AIMAsignalisierte ebenfalls ihre Zustimmung zu dem Bericht und unterstrich, dass sie das Prinzip der „vollständigen Transparenz und der Offenlegung von Führungspraktiken“ von Hedge-Fonds unterstütze, aber nur für Positionen, die entscheidend für das System seien und Risiken aufdeckten. 

Die Regulierung des außerbörslichen Beiteiligungskapital-Sektors müsse proportional sein und es müsse bedacht werden, dass es sich hier um keine homogene Klasse von Wertpapieren handelt, meinte die European Private Equity & Venture Capital Association (EVCA). 

Nächste Schritte: 
  • 4. März 2009: Kommission wird eine Mitteilung präsentieren, die auf De Larosières Bericht basiert. 
  • 19. und 20. März 2009: EU-Frühjahrsgipfel
  • 2. April 2009: G20-Gipfel in London zur Überholung des globalen Finanzsektors.
Hintergrund : 

Die Finanzkrise hat die Notwendigkeit für eine verbesserte europäische Aufsicht von Finanzinstitutionen hervorgehoben, da diese vermehrt grenzüberschreitend tätig sind, aber die Kontrolle nur auf nationaler Ebene stattfindet.

Von der Europäischen Kommission zur Verfügung gestellten Daten zufolge, gibt es über 8.000 Banken in Europa, wobei nur 44 transnationale Konzerne über zwei Drittel ihres Gesamtvermögens verfügen.

Die neugegründete hochrangige Expertengruppe für Finanzaufsicht wurde letzten Oktober von der EU-Kommission etabliert, um Empfehlungen für einen Weg aus der Krise zu geben. Das Gremium, das von Jaques De Larosière, dem ehemaligen Vorsitzenden des Internationalen Währungsfonds, geleitet wird, sorgte bei seiner Gründung für Furore (EurActiv vom 23. Oktober 2008). 

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