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Rezession trifft Europa: EU-Bonds regen Diskussionen an [DE][en][fr

Erschienen: Mittwoch 19. November 2008   

Während Europa Maßnahmen gegen die schlimmste Wirtschaftskrise seit 1929 plant, wird die Idee, EU-Bonds zur Finanzierung wichtiger Projekte und letztlich zur Schaffung neuer Arbeitsplätze auszugeben, immer häufiger aufgegriffen und regt Diskussionen an.

Hintergrund:

Die Idee, EU-Bonds auszugeben, wurde erstmals 2003 vom damaligen Präsidenten der Europäischen Kommission Jacques Delors im Rahmen eines Plans für Wachstum, Wettbewerbsfähigkeit und Beschäftigung, dem Vorläufer der Lissabon-Strategie, vorgebracht. Delors beabsichtigte, EU-Bonds auszugeben, um den EU-Haushalt zu finanzieren. Auch Romano Prodi, ein weiterer ehemaliger Kommissionspräsident, unterstützte die Idee. Die Mehrheit der Mitgliedstaaten lehnte diese Idee jedoch ab, da befürchtet wurde, dass ein solches Vorgehen letztendlich ihre Abgaben an den Gemeinschaftshaushalt erhöhen würde.

Das Prinzip, Anleihen, die durch den EU-Haushalt abgesichert werden, zur Finanzierung von Projekten oder die Bereitstellung von finanziellen Beihilfen zu nutzen, wurde von den europäischen Institutionen bereits in mehreren Fällen angewendet, obwohl die Beträge, die in diesem Rahmen bereitgestellt wurden, gering waren.

Ein neues Gemeinschaftsinstrumentexternal  wurde beispielsweise von Ende der 70er-Jahre bis Anfang der 80er-Jahre verwendet, um Investitionen zu fördern und den Regionen zu helfen, die von den Erdbeben in Italien und Griechenland betroffen waren.

Derzeit lässt die Gemeinschaft dem angeschlagenen Ungarn durch die Ausgabe von EU-Anleihen finanzielle Unterstützung zukommen. Es ist das erste Mal seit ihrer Gründung, dass die EU dieses Instrument anwendet. Die Obergrenze für dieses Instrument wurde von 12 Milliarden Euro auf 25 Milliarden Euro angehoben (EurActiv vom 30. Oktober 2008).

Jean-Claude Juncker, Vorsitzender der Eurogruppe, die die Finanzminister der Euro-Länder umfasst, sprach sich ausdrücklich für die Ausgabe von EU-Wertpapieren aus: „Die EU-Kommission könnte Euro-Anleihen auflegen und die Einnahmen gezielt – z.B. in Straßen, Schienennetze und Energieversorgung investieren. Europa muss jetzt gemeinsam handeln – und die Wirtschaftskrise genauso entschlossen bekämpfen wie die Finanzkrise“, sagte er in einem gemeinsamen Interviewexternal mit dem deutschen Außenminister Frank-Walter Steinmeier, das in der deutschen ‚Bild’-Zeitung veröffentlicht wurde. 

Mittels EU-Anleihen kann Geld aufgebracht werden, wenn die Möglichkeit der Kreditaufnahme beschränkt ist. Sie bieten den Vorteil, dass sie sich auf die freien Entscheidungen von Investoren und Sparern stützen und die Steuerzahler deshalb nicht belasten. Anleihen würden deshalb die Art und Weise, wie EU-Projekte finanziert werden, radikal ändern.

Andererseits müssen Wertpapiere durch Kapital abgesichert werden. Im Falle der EU-Bonds geschieht dies durch den EU-Haushalt selbst. Die Mitgliedstaaten befürchten, dies könnte letztlich ihre Beiträge zum EU-Haushalt erhöhen. Die finanzstärksten Länder Deutschland und Frankreich lehnen EU-Anleihen im Allgemeinen ab, da sie befürchten, diese könnten Länder mit einer zuvor hohen öffentlichen Verschuldung, wie die Euro-Länder im Mittelmeerraum, schwächen.  

Die Kommission äußert sich bei EU-Bonds weiterhin zurückhaltend. Wenn die Idee keine größere politische Unterstützung erfährt, ist es unwahrscheinlich, dass die EU-Kommission solche Maßnahmen im Rahmen ihres Pakets zur Bekämpfung der Rezession, das am 26. November 2008 vorgestellt wird, vorschlagen wird. 

Unterdessen haben die Sozialdemokraten im Europäischen Parlament der Idee zugestimmt: „Die Europäische Union spielt eine Schlüsselrolle bei der Aufbringung und Lenkung von Geldern. Es sollte keine Tabus geben. Die Mitgliedsstaaten sollten die Möglichkeit erörtern, dass die EU Eurobonds ausgibt, um in europäische Projekte zu investieren“, sagteexternal Pervenche Berès, stellvertretende Vorsitzende des Wirtschafts- und Währungsausschuss im Europäischen Parlament, anlässlich der Präsentation des sozialdemokratischen Plans zur Bekämpfung der Rezession. 

Die konservative EVP-ED-Fraktion, die größte Fraktion im Europäischen Parlament, lehnt die Idee allerdings ab. Der Vorsitzende der EVP-ED-Fraktion Joseph Daul kritisierte den ebenfalls konservativen Juncker. Die EU müsse ihren Binnenmarkt vereinfachen, in Forschung investieren, die KMU unterstützen und in Bedrängnis geratenen Familien helfen. Das alles müsse getan werden, ohne die öffentlichen Finanzen in irgendeiner Form zu belasten – beispielsweise durch die Ausgabe von EU-Bonds, sagteexternal er gestern (18. November 2008) während einer Plenarsitzung des Europäischen Parlaments in Straßburg.

Das Parlament sammelt derzeit Unterschriften, um 2009 eine Initiativentschließung zur Verwendung von EU-Anleihen zur Finanzierung wichtiger EU-Projekte vorlegen zu können. Im September hatten die Vorsitzenden der italienischen konservativen und sozialdemokratischen Europaabgeordneten, Parlamentsvizepräsident Mario Mauro und Gianni Pitella, einer Erklärung zugestimmt (EurActiv vom 25. September 2008).

Nächste Schritte:

  • 26. November 2008: Die Europäische Kommission legt einen detaillierten Plan zur Bekämpfung der Rezession vor. 

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