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Agrarabfälle: Gold wert?

Veröffentlicht 23. September 2010 - Aktualisiert 30. September 2010
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Die Sammlung landwirtschaftlicher Abfälle könnte sich als ein lukratives Geschäft für den europäischen Agrarsektor erweisen, wenn die EU-Politik die richtigen Anreize dafür bieten würde, Biomasse zur Produktion von Biokraftstoffen zu nutzen.

Die Sammlung landwirtschaftlicher Reststoffe, die normalerweise auf den Feldern gelassen werden und verderben, und ihre Verwandlung in Biokraftstoffe der nächsten Generation könnten der europäischen Wirtschaft ab 2020 jährlich bis zu 31 Milliarden Euro erbringen, einer neuen Studie zufolge, die Bloomberg New Energy Finance letzte Woche (14 September) veröffentlicht hat.

Darüber hinaus könnte es den leidenden Agrarsektor revitalisieren, indem es bis zu einer Million Personenjahre Beschäftigung in den 27 Mitgliedsstaaten in den nächsten Jahren, und vor allem in den ländlichen Gebieten, hervorbringen würde, schreibt er.

Der Bericht, der vom dänischen Riesen der Biotechnologien Novozymes gesponsert wurde, schätzt, dass die 27 Mitgliedsstaaten jährlich zwischen circa 250 und 300 Millionen Agrarmüll bis 2020 zur Verfügung haben würden, die in Bioprodukte verwandelt werden könnten, basierend auf den derzeitigen Bodennutzungsstrukturen.

Das größte Potenzial an Biomassenversorgung liege bei den Agrarmächten Europas Frankreich und Deutschland, schreibt der Bericht. Mittel- und osteuropäische Länder als Gruppe betrachtet würden zu einem Viertel des Gesamtpotenzials beitragen, fügt er hinzu.

Weizenstroh, Zuckerrübenreststoffe, Gerstenstroh würden dem Bericht zufolge zum EU-Biomassenpotenzial im Jahr 2020 am meisten beitragen. Die Landwirtschaft würde 80 Prozent des Agrarmülls darstellen, dann würden die Forstwirtschaft und der feste Hausmüll folgen.

Wenn ein bedeutender Anteil der Abfälle gesammelt werden würden, anstatt dass sie auf den Feldern verderben, könnte man daraus bis zu 75-90 Milliarden Liter Ethanol der nächsten Generation erzeugen, so Bloomberg.

Die Firma nahm an, dass lediglich 25 Prozent der Biomasse effektiv gesammelt werden würde, während der Rest zu Nährstoffen für den Boden werde.

Anreize

Jedoch gebe es derzeit keine Anreize für die Landwirte der EU, die Reststoffe zu sammeln, damit sie zu einer Bioraffinerie gebracht werden. Diese sollte zukünftig dazu fähig sein, sie in Bioethanol und Biochemikalien der nächsten Generation zu verwandeln, erklärt der Bericht.

Im Gegensatz dazu habe die Regierung der Vereinigten Staaten 2009 ein System eingeführt, das Landwirten Anreize biete, Agrarmüll zu sammeln. Das „Biomass Crop Assistance“ Programm (BCAP) sieht entsprechende Zahlungen vor, die bis zu 45 Dollar per Tonne (Trockengewicht) von gesammelter Biomasse betragen würden.

Dem Bericht zufolge wäre eine ähnlich klare und unterstützende Politik für die Biomassenerzeuger der 27 EU-Länder sehr hilfreich und würde dazu beitragen, einige dieser Ressourcen freizugeben.

Der Bericht schließt, dass die EU aus den Biokraftstoffen der nächsten Generation ein Prioritätsziel im Rahmen ihrer derzeitigen Pflicht, 10 Prozent Treibstoffe aus erneuerbaren Quellen bis 2020 zu erzeugen, machen solle.

Die Idee ist, dass ein Ziel der Biokraftstoffe der nächsten Generation einen Markt für Agrarmüll schaffen würde. Sobald die Landwirte damit beginnen, sie in großem Ausmaß anzubieten, würden Investitionen in die Infrastrukturen der Versorgungskette der Biomasse folgen.

Der Agrarsektor sei an der Entwicklung von Waren und Dienstleistungen, um zur ruralen Landwirtschaft und Entwicklung beizutragen, interessiert, sagte Pekka Pesonen, Generalsekretär von Copa-Cogeca, die die europäischen Landwirte vertritt.

Biokraftstoffe stellten dafür ein sehr gutes Beispiel dar, sagte er. Nach der anfänglichen Begeisterung wurden sie zu einem heiklen Thema, da sie mit der Nahrungsmittelherstellung im Wettbewerb für den Boden stünden.

Plötzlich habe jeder gesagt, dass Landwirte dies nicht machen könnten, da es die Nahrungsmittelversorgung gefährden würde, sagte Pesonen, und wies den Vorwurf ab.

Man habe Nebenprodukte, die für Biokraftstoffe ziemlich einfach benutzt werden könnten, aber von der politischen Ebene habe man kein klares Zeichen bekommen, dass man sie hätte fördern sollen, sagte er. Doch für Landwirte würde es Sinn machen, da es eine wirksamere Benutzung der Ressourcen und einen Anstieg der Produktivität bedeuten würde, fügte er hinzu.

Anscheinend habe die EU dies schon lange vergessen, argumentierte Pesonen.

Kontroverse um die Biokraftstoffe

Die Studie biete eine seltene positive Sicht über Bioenergie an, nachdem mehrere vor kurzem durchgeführte Studien ein finsteres Bild der Nachhaltigkeit von Biokraftstoffen dargestellt hatten.

Der Streit um potenzielle Nebenwirkungen eines erhöhten Verbrauches von Biokraftstoffen wütet weiter, wahrend die Europäische Kommission einen Bericht über die Risiken bei Energiepflanzen vorbereitet. Unter den Risiken sind „indirekte Flächennutzungsänderungen“ in weit entfernten Ländern – eine Folge der Auslagerung der Nahrungsmittelherstellung – sowie eine Vernichtung der Urwälder auf der Suche nach erweitertem Agrarland.

Biokraftstoffe der nächsten Generation gelten jedoch für die Alternative, die 100 Prozent nachhaltig sind, aber nur wenn man Nebenprodukte benutzt, die sonst auf Feldern gelassen worden wären und verdorben wären. Trotzdem erklären Experten, dass das 10-Prozentziel hauptsächlich durch Biokraftstoffe der ersten Generation erfüllt werde, die aus Nahrungspflanzen erzeugt wurden, da Biokraftstoffe der nächsten Generation und Elektroautos erst nach 2020 breit zugänglich sein werden.

Dieses Jahr hat Novozymes ein neues Enzym enthüllt, das den Erzeugungspreis von Bioethanol angeblich senken sollte, damit es dem des Benzins entspricht. Mit ihrem fortgeschritteneren politischen Rahmenwerk würden die Vereinigten Staaten als erste Nutzen davon ziehen, erklärte Lars Hansen, Präsident von Novozymes Europe, EurActiv gegenüber.

Ein Ziel für Biokraftstoffe der nächsten Generation würde Investitionen in den landwirtschaftlichen Sektor der EU fördern, der damit kämpfe, Kapital in Investitionen in die Maschinerie zu leiten, schreibt der Bericht. Er fügte inzu, dies würde einen Anreiz zur Steigerung der Produktivität bedeuten, insbesondere in den östlichen Mitgliedsstaaten. Diese blieben zurück hinter Frankreich und Deutschland, die effizienter seien.

Hintergrund : 

Im Dezember 2008 haben die EU-Chefs ein Abkommen über eine neue Erneuerbare Energie-Richtlinie erreicht, dem zufolge jeder Mitgliedsstaat bis 2020 zehn Prozent seines Bedarfs an Treibstoff aus erneuerbaren Quellen beziehen soll, die Biokraftstoffe, Wasserstoff und grünen Strom einbeziehen.

Die Richtlinie hat auch Kriterien der Nachhaltigkeit für Biokraftstoffe eingeführt. Sie zwingen die Union sicherzustellen, dass Biokraftstoffe für mindestens 35 Prozent Einsparungen an Kohlendioxidemissionen im Vergleich zu fossilen Energieträgern sorgen. Der Anteil erhöht sich auf 50 Prozent für das Jahr 2017 und 60 Prozent für das Jahr 2018 (EurActiv 05.12.08).

Jedoch wurden Bedenken erhoben, dass eine erhöhte Erzeugung von Biokraftstoffen eine massive Entwaldung und schwerwiegende Auswirkungen auf die Nahrungsmittelsicherheit als Resultat hätte, da Energiepflanzen andere Flächennützungen ersetzen (die so genannten „indirekten Flächennutzungsänderungen“).

Die Erneuerbare Energie- und die Benzinqualitätsrichtlinie, die als Teil des Klimawandel- und Energiepakets der EU im Dezember letzten Jahres entworfen wurden, fordern, dass die Europäische Kommission einen Bericht verfasst, der die Wirkung indirekter Flächennutzungsänderungen auf Treibhausgasemissionen nachprüfen, und eine Art, diese Wirkung zu mindern, finden soll (EurActiv 30.07.09).

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