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Biokraftstoffe: Millionen könnten durch EU-Zielsetzung verhungern

Veröffentlicht 15. Februar 2010
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Millionen Menschen könnten verhungern, wenn die Mitgliedstaaten die EU-Zielsetzung erfüllen, zur Bekämpfung des Klimawandels 10% ihrer im Verkehrssektor genutzten Kraftstoffe aus Biokraftstoffen herzustellen, so ein neuer Bericht der NGO ActionAid.

"Der ungeheuren Ausdehnung der industriellen Nutzung von Biokraftstoffen muss Einhalt geboten werden", sagte Tim Rice, Experte für Biokraftstoffe bei ActionAid. Er forderte die EU-Regierungen dazu auf, die vorgesehene Nutzung nicht noch weiter zu erhöhen, wenn sie ihre nationalen Aktionspläne für erneuerbare Energien für die nächsten 10 Jahre festlegen.

Industrielle Biokraftstoffe werden derzeit aus Mais, Weizen, Zuckerrohr und Ölsaaten wie Palmöl, Soja und Raps hergestellt und konkurrieren daher mit Pflanzen, die als Nahrungsmittel angebaut werden. Dadurch würden die Preise für Nahrungsmittel in die Höhe getrieben, was wiederum beeinflusse, was und wie viel Menschen in Entwicklungsländern essen würden, so der ActionAid-Bericht über die Auswirkungen von industriell genutzten Biokraftstoffen auf den Hunger in der Welt.

Der Bericht schätzt, dass jeder einprozentige Anstieg der Lebensmittelpreise dazu führt, dass 16 Millionen Menschen zusätzlich an Hunger leiden.

Nach Einschätzung von ActionAid wird der Verbrauch von Biokraftstoffen in der EU bis zum Jahr 2020 um fast das Vierfache ansteigen. Zwei Drittel dieser Kraftstoffe würden vor allem aus Entwicklungsländern eingeführt werden, wodurch Nahrungsmittel den Millionen von Menschen nicht zur Verfügung stünden, die sie am dringendsten benötigten.

Wettbewerb um Land

Zudem hätten die industriellen Biokraftstoffe in vielen Anbaugebieten "katastrophale Auswirkungen" bezüglich der Landrechte vor Ort.

Das Ausmaß der derzeitigen Landnutzung von ausländischen Unternehmen sei erstaunlich. Der Studie zufolge sind in fünf afrikanischen Ländern Gebiete so groß wie Belgien (1,1 Millionen Hektar) für den Anbau von Biokraftstoffen abgetreten worden. Dabei sei die Gesamtmenge der Anbaukulturen für den Export vorgesehen.

Europäische Unternehmen haben der Studie zufolge in Entwicklungsländern Gebiete erworben oder angefragt, die insgesamt eine größere Fläche als Dänemark umfassen (über fünf Millionen Hektar), um darauf Pflanzen zur Herstellung industrieller Biokraftstoffe anzubauen.

Industrielle Biokraftstoffe als "Finte"

Die EU-Gesetzgebung sieht zwar Nachhaltigkeitskriterien für Biokraftstoffe vor (derzeit in Arbeit) und verpflichtet die Union dazu, sicherzustellen, dass Biokraftstoffe im Vergleich zu herkömmlichen Kraftstoffen mindestens 35% weniger Kohlendioxid ausstoßen – eine Zahl, die ab 2018 sogar auf 60% ansteigen soll. ActionAid vertritt jedoch die Auffassung, dass die meisten industriellen Biokraftstoffe den Treibhausgasausstoß im Vergleich zu den fossilen Brennstoffen, die sie ersetzten sollen, nicht verringern (EurActiv vom 5. Dezember 2008 und vom 5. Februar 2010).

Industrielle Biokraftstoffe stellten bei der Bekämpfung des Klimawandels eine "Finte" dar, da sie ebenfalls zum Treibhausgasausstoß beitrügen.

Die veränderte Landnutzung, die dadurch ausgelöst wird, dass Wälder und Wiesen zum Anbau von Biokraftstoff-Kulturen genutzt würden, stelle eine wichtige Quelle von Treibhausgasen dar. Zudem setzen die beim Anbau verwendeten Düngemittel Stickoxide frei, die der NGO zufolge als Treibhausgas 300 Mal stärker als CO2 sind.

Hintergrund : 

Im Dezember 2008 einigten sich die EU-Regierungschefs auf eine neue Richtlinie über erneuerbare Energien. Diese sieht vor, dass alle Mitgliedstaaten bis zum Jahr 2020 10% ihres Kraftstoffbedarfs im Verkehrssektor aus erneuerbaren Quellen beziehen, zu denen Biokraftstoffe, Wasserstoff und Ökostrom gehören (siehe EurActiv LinksDossier).

Jedoch werden zunehmend Befürchtungen laut, dass eine vermehrte Herstellung von Biokraftstoffen zu groß angelegten Abholzungen führen würde und ernsthafte Auswirkungen auf die Ernährungssicherheit hätte, da diese Anbaupflanzen andere Möglichkeiten der Landnutzung verdrängen (so genannte "indirekte Landnutzungsänderungen").

So haben internationale Entwicklungs- und Umweltschutzorganisationen das EU-Ziel verurteilt und die Union dazu aufgefordert, das Ziel von 10% aufzugeben und dazugehörige Unterstützungsmaßnahmen abzubauen, um zu verhindern, dass Millionen zusätzlicher Menschen Hunger leiden.

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