Im Januar 2002 verabschiedete die Kommission ihre Strategie zu Biowissenschaften und Biotechnologie, die darauf abzielt, den europäischen Biotechnologiesektor wettbewerbsfähiger zu machen und Biotech-Forschung in den Bereichen Gesundheit, Landwirtschaft, Nahrungsmittelproduktion und Umwelt zu fördern. Aus dem zweiten im April 2004 veröffentlichten Fortschrittsbericht geht jedoch hervor, dass die Erfüllung der ursprünglichen Zielsetzungen noch in weiter Ferne liegt.
Biowissenschaften und Biotechnologie werden als technologische Schlüsselbereiche des 21.Jahrhunderts betrachtet. Sie haben das Potenzial, wichtige Aspekte auf dem Gebiet der Gesundheit, Landwirtschaft, Nahrungsmittelproduktion, Umweltschutz, Energieerzeugung sowie industrieller Verfahren grundlegend zu ändern.
Die Kommission misst der Biotechnologie eine strategische und langfristige Bedeutung für Europa zu, da sie - in Übereinstimmung mit der Strategie von Lissabon - zur Entwicklung eines wettbewerbsfähigen und dynamischen wissensbasierten Wirtschaftsraums beitragen soll.
Im Januar 2002 verabschiedete die Kommission eine Mitteilung mit dem Titel' Biowissenschaften und Biotechnologie: Eine Strategie für Europa', die aus einem politischen Teil und einem Aktionsplan besteht. Der Europäische Rat von Barcelona gab im März 2002 seine Zustimmung. In der Mitteilung heisst es, die Vorurteile gegenüber der Biotechnologie habe Europa Arbeitsplätze, Wachstum und Wohlstand gekostet. Die Strategie hofft auf einen neuen Anfang für die europäische Biotech-Industrie, die jahrelang nicht voran kam aufgrund rechtlicher Hindernisse. Die Kommission will den Biotech-Sektor wettbewerbsfähiger machen und Forschung zu potenziellen Anwendungsmöglichkeiten in den Bereichen Gesundheitswesen, Landwirtschaft, Nahrungsmittelproduktion und Umwelt fördern. In dem Strategiepapier werden Vorteile der Biotechnologien beschrieben und ein Vorschlag zu Prioritäten gemacht:
Seit der Annahme der Biotechnologie-Strategie hat die Kommission jedes Jahr Berichte über ihre Umsetzung veröffentlicht. In ihrem jüngsten Fortschrittsbericht vom 7.April 2004 weist sie darauf hin, dass in mehreren Bereichen Fortschritte erzielt worden seien, darunter:
Der Fortschrittsbericht wirft jedoch auch einige Fragen auf, die für die Verbesserung der Rahmenbedingungen für Biotechnologie in Europa von entscheidener Bedeutung sind:
Die Expertengruppe für Biowissenschaften (EGLS), die im Jahr 2000 eingerichtet worden war, um die Kommission im Bereich der Biowissenschaften und –technologien zu beraten, schloss ihre Arbeit im Januar 2005 mit einer Liste von zukünftigen Herausforderungen ab, die die EU angehen muss, will sie eine Führungsposition in diesem Sektor einnehmen. Zu ihnen gehören:
Aus einer Studie der Industrie (April 2005), die die US-amerikanischen und europäischen Biotechnologie-Sektoren vergleicht, geht hervor, dass sie auf beiden Seiten des Atlantiks gleichermaßen dynamisch sind. Dem Bericht zufolge gibt es in Europa mehr Biotechnologie-Unternehmen als in den USA, allerdings verfügen sie über weniger Mittel. Die Biotech-Industrie in den USA beschäftigt doppelt so viele Menschen wie in Europa und für Forschung und Entwicklung wird dreimal so viel ausgegeben.
EuropaBio, der Verband europäischer Bioindustrien hat eingeräumt, dass die Kommission sich bemüht, die Biotechnologie in Europa zu stärken. Die nationalen Regierungen müssten die für die Entwicklung der Industrie äußerst wichtigen Richtlinien, zum Biotechnologiepatent und GVO, unverzüglich umsetzen. Der Verband kritisiert den mangelnden Forschritt beim Gemeinschaftspatent, den GVO-Zulassungsstopp und die Bedingungen für junge und innovative Unternehmen.
EFPIA, die Europäische Föderation der Verbände der Pharmazeutischen Industrie begrüßt die Annahme der Biotechnologie-Strategie, betont jedoch, dass den Worten nun Handlungen seitens der Mitgliedstaaten folgen müssten. Der Verband äußerte seine Sorge über die abnehmende Wettbewerbsfähigkeit des europäischen Arzneimittelsektors und die anhaltenden Bedrohungen des geistigen Eigentumsrechts. EFPIA fordert Fortschritte im Bereich des Gemeinschaftspatents und bei der nationalen Umsetzung der Biotechnologiepatent-Richtlinie.
Der Ständige Ausschuss Europäischer Ärzte (CPME) begrüßt die Mitteilung der Kommission, da sie eine angemessene Bewertung der Erwartungen, Herausforderungen und der noch ausstehenden Fragen in Bezug auf Biotechnologie darstelle. Die Organisation appelliert an die Kommission, ein Gleichgewicht zwischen öffentlich und privat finanzierter Forschung in Anwendungmöglichkeiten im Gesundheitswesen zu finden, ohne der Industrie die ausschließliche Verantwortung zu überlassen. Die Frage des geistigen Eigentums ist in diesem Zusammenhang von entscheidender Bedeutung, und es sollte bei der Erteilung von Patenten klar zwischen 'Entdeckungen' und 'Erfindungen' unterschieden werden.
Der Arbeitgeberverband UNICE betont die Notwendigkeit attraktiver Bedingungen für Investoren, Unternehmer und Forscher, da die Abwanderung von qualifizierten Arbeitskräften ins Ausland Europa daran hindere, die Früchte der Biotechnologie zu ernten. UNICE ist der Auffassung, dass klare Entscheidungen unabdingbar seien, um Vertrauen in die Biotechnologie wiederherzustellen. Die Organisation ruft Regierungen daher dazu auf, Zulassungsverfahren für neue Biotech-Produkte zu verbessern und die Patentrichtlinie vollständig umzusetzen.
Greenpeace und andere Umweltorganisationen sind grundsätzlich gegen die Biotechnologie und insbesondere gegen ihre Anwendung in Lebensmitteln und der Landwirtschaft. Sie sind ebenfalls gegen die Erteilung von Patenten auf Gene. "Leben ist keine industrielle Ware. Wenn wir Lebensformen und das Lebensmittelangebot dazu zwingen, sich dem menschlichen Wirtschaftsmodell, statt ihrer eigenen natürlichen Modelle, zu fügen, gefährden wir uns selbst", hieß es in einer Stellungnahme von Greenpeace.
Die Internationale Handelskammer (ICC) hat eine 'Global Roadmap for Modern Biotechnology' als einen Beitrag zur Debatte veröffentlicht. Der 'Fahrplan' legt den Schwerpunkt auf fünf Themenbereiche in denen die ICC einen konstruktiven Dialog einleiten möchte, der als entscheidend für Forschritte der Biotechnologie-Industrie betrachtet wird: