Nahrungsmittel sind strategisch und die landwirtschaftliche Produktion ist ein wichtiger Sektor in vielen nationalen Wirtschaften. Doch die Diskussion verlagert sich zunehmend von einer Anpassung der Landwirtschaft an den Klimawandel zu einer Diskussion darüber, wie die Landwirtschaft zur Bekämpfung des Klimawandels beitragen kann.
In einem kürzlich veröffentlichten Interview mit EurActiv sprach sich die scheidende EU-Landwirtschaftskommissarin Mariann Fischer Boel sogar für die Möglichkeit eines Emissionshandelssystems für die Landwirtschaft aus. Während die EU nach Zahlen der Europäischen Kommission den Ausstoß an Treibhausgasen in ihrem Agrarsektor im Vergleich zu 1990 um 21% gesenkt hat, sind die landwirtschaftlichen Emissionen in anderen Teilen der Welt um fast 17% gestiegen, vor allem in den Entwicklungsländern.
Landwirte in Entwicklungsländern stoßen wegen ineffizienter landwirtschaftlicher Verfahren und schlechtem Management von natürlichen Ressourcen die meisten Treibhausgase aus. Dabei sind sich Experten darüber einig, dass der Klimawandel vor allem für die Entwicklungsländer eine Herausforderung für die Ernährungssicherheit darstellt – ein Dilemma, das die Notwendigkeit dringender entschärfender Maßnahmen unterstreicht.
Ein vor kurzem veröffentlichter Bericht der Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der UNO (FAO) über Synergien zwischen Ernährungssicherheit und landwirtschaftliche Schadensminderung in Entwicklungsländern identifiziert die verbesserte Nutzung von Anbauflächen, Wasser und Weideland sowie die Wiederherstellung verödeter Flächen als wesentliche Maßnahmen, um Emissionen zu senken.
Jedoch ist das Hauptanliegen der Ärmsten und chronisch Hungernden dieser Welt in erster Linie der Anbau von Nahrungsmitteln überhaupt, ganz egal auf welche Art und unabhängig von den möglichen Auswirkungen dieser Methoden auf den Klimawandel.
Wenn die internationale Gemeinschaft 14% der weltweiten Treibhausgasemissionen aus der Landwirtschaft drosseln will – von denen 74% aus Entwicklungsländern stammen –, muss sie daher die Ärmsten dieser Welt unterstützen.
Versprechen von Spitzenpolitikern beim Welternährungsgipfel letzte Woche – und EU-Ministergespräche über eine Verbindung von Entwicklungshilfe und dem Kampf gegen den Klimawandel – sind erste Anzeichen dafür, wie die internationale Gemeinschaft Entwicklungsländern dabei helfen möchte, eine nachhaltige landwirtschaftliche Entwicklung und Ernährungssicherheit zu erreichen.
Landwirtschaft soll wirtschaftliche Entwicklung ankurbeln
Zudem sehen viele eine landwirtschaftliche Entwicklung als Motor für Wirtschaftswachstum in armen Ländern.
„Mit einer von der Landwirtschaft angeführten Wirtschaft in Afrika, wo über 80% der Arbeitsplätze an der Landwirtschaft hängen, ist es logisch, dass die landwirtschaftliche Entwicklungshilfe die zurzeit auf sie gerichtete Aufmerksamkeit verdient als Motor unserer industriellen Revolution und unseres Wirtschaftswachstums”, sagte der ständige Vertreter der Afrikanischen Union in Brüssel, Botschafter Mahamat Saleh Annadif.
Annadif betonte, dass die Situation nach mehr landwirtschaftlichen Investitionen in Afrika sowie einer Platzierung des Agrarsektors „in den Mittelpunkt der Entwicklungsagenda der Region” verlangt, wenn die UN-Millenniumsziele einer Halbierung von extremer Armut und Hunger bis 2015 verwirklicht werden sollen.
Die Finanzierung von grünem Wachstum in Entwicklungsländern
Der Gipfel letzte Woche versprach „eine Stärkung und Entwicklung von Finanzmechanismen und anderen angemessenen Maßnahmen zur Unterstützung einer Anpassung an den Klimawandel und seine Abschwächung, die für Kleinbauern zugänglich sind und die auf eine gerechte, transparente und effektive institutionelle Ordnung basieren.“
Die Spitzenpolitiker sagten auch, sie würden öffentliche Investitionen erhöhen und private Investitionen durch „Länder basierte Pläne für ländliche Infrastruktur und Unterstützungsdienste“ fördern. Dazu gehören unter anderem Straßen, Lagerung, Bewässerung, Kommunikationsinfrastruktur, Bildung, technische Unterstützung, Gesundheit und Forschung.
Laut FAO wird zurzeit über mehrere Finanzierungsmöglichkeiten für entschärfende Maßnahmen verhandelt, wozu öffentliche, öffentlich-private und private Finanzierungsquellen sowie CO2-Marktmechanismen gehören. Die UN-Agentur betont, dass neue Finanzierungsmechanismen Anreize für die Annahme nachhaltiger Anbaumethoden und Technologien schaffen sollten und „eine Kompensierung von Regierungen und Landwirte für ihren Beitrag“ zum Rückgang der Emissionen leisten sollten.
Dies ist genau das, was in der EU mit der Reform der Gemeinsamen Agrarpolitik (GAP) angestrebt wird. Während ein Teil der Direktzahlungen beibehalten werden würde, würde ein weiterer Teil der EU-Hilfen für Landwirte von der Lieferung ‚öffentlicher Güter’ zur Abschwächung des Klimawandels abhängen (EurActiv vom 27. Oktober 2009).
EU-Entwicklungshilfe
Um die EU-Politiken zu Klimaschutz und Entwicklung stärker miteinander zu verbinden, einigten sich die EU-Mitgliedstaaten letzte Woche darauf, dass die EU-Kommission und die Mitgliedstaaten Klimaschutzaspekte in ihre Entwicklungsstrategien und -haushalte integrieren sollten.
EU-Minister betonten, dass Antworten auf die Ernährungssicherheit eine langfristige Umweltverträglichkeit durch nachhaltige Landwirtschaft widerspiegeln müssten und dass „auf Anpassungsanstrengungen abgestimmte Entwicklungshilfe im Agrarsektor” in dieser Hinsicht entscheidend sein würde.



