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Sollte die Landwirtschaft den Klimapreis bezahlen? [DE]

Veröffentlicht 25. November 2009 - Aktualisiert 29. Januar 2010
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Während die Landwirtschaft und Nahrungsmittelproduktion lange in den internationalen Klimagesprächen als unantastbar betrachtet wurden, sind die Rufe nach einem Beitrag des Sektors zur Abschwächung des Treibhausgasausstoßes inzwischen lauter geworden.

Nahrungsmittel sind strategisch und die landwirtschaftliche Produktion ist ein wichtiger Sektor in vielen nationalen Wirtschaften. Doch die Diskussion verlagert sich zunehmend von einer Anpassung der Landwirtschaft an den Klimawandel zu einer Diskussion darüber, wie die Landwirtschaft zur Bekämpfung des Klimawandels beitragen kann.

In einem kürzlich veröffentlichten Interview mit EurActiv sprach sich die scheidende EU-Landwirtschaftskommissarin Mariann Fischer Boel sogar für die Möglichkeit eines Emissionshandelssystems für die Landwirtschaft aus. Während die EU nach Zahlen der Europäischen Kommission den Ausstoß an Treibhausgasen in ihrem Agrarsektor im Vergleich zu 1990 um 21% gesenkt hat, sind die landwirtschaftlichen Emissionen in anderen Teilen der Welt um fast 17% gestiegen, vor allem in den Entwicklungsländern.

Landwirte in Entwicklungsländern stoßen wegen ineffizienter landwirtschaftlicher Verfahren und schlechtem Management von natürlichen Ressourcen die meisten Treibhausgase aus. Dabei sind sich Experten darüber einig, dass der Klimawandel vor allem für die Entwicklungsländer eine Herausforderung für die Ernährungssicherheit darstellt – ein Dilemma, das die Notwendigkeit dringender entschärfender Maßnahmen unterstreicht.

 Ein vor kurzem veröffentlichter Bericht  der Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der UNO (FAO) über Synergien zwischen Ernährungssicherheit und landwirtschaftliche Schadensminderung in Entwicklungsländern identifiziert die verbesserte Nutzung von Anbauflächen, Wasser und Weideland sowie die Wiederherstellung verödeter Flächen als wesentliche Maßnahmen, um Emissionen zu senken.

Jedoch ist das Hauptanliegen der Ärmsten und chronisch Hungernden dieser Welt in erster Linie der Anbau von Nahrungsmitteln überhaupt, ganz egal auf welche Art und unabhängig von den möglichen Auswirkungen dieser Methoden auf den Klimawandel.

Wenn die internationale Gemeinschaft 14% der weltweiten Treibhausgasemissionen aus der Landwirtschaft drosseln will – von denen 74% aus Entwicklungsländern stammen –, muss sie daher die Ärmsten dieser Welt unterstützen.

Versprechen von Spitzenpolitikern beim Welternährungsgipfel letzte Woche – und EU-Ministergespräche über eine Verbindung von Entwicklungshilfe und dem Kampf gegen den Klimawandel – sind erste Anzeichen dafür, wie die internationale Gemeinschaft Entwicklungsländern dabei helfen möchte, eine nachhaltige landwirtschaftliche Entwicklung und Ernährungssicherheit zu erreichen.

Landwirtschaft soll wirtschaftliche Entwicklung ankurbeln

Zudem sehen viele eine landwirtschaftliche Entwicklung als Motor für Wirtschaftswachstum in armen Ländern.

„Mit einer von der Landwirtschaft angeführten Wirtschaft in Afrika, wo über 80% der Arbeitsplätze an der Landwirtschaft hängen, ist es logisch, dass die landwirtschaftliche Entwicklungshilfe die zurzeit auf sie gerichtete Aufmerksamkeit verdient als Motor unserer industriellen Revolution und unseres Wirtschaftswachstums”, sagte der ständige Vertreter der Afrikanischen Union in Brüssel, Botschafter Mahamat Saleh Annadif.

Annadif betonte, dass die Situation nach mehr landwirtschaftlichen Investitionen in Afrika sowie einer Platzierung des Agrarsektors „in den Mittelpunkt der Entwicklungsagenda der Region” verlangt, wenn die UN-Millenniumsziele einer Halbierung von extremer Armut und Hunger bis 2015 verwirklicht werden sollen.

Die Finanzierung von grünem Wachstum in Entwicklungsländern

Der Gipfel letzte Woche versprach „eine Stärkung und Entwicklung von Finanzmechanismen und anderen angemessenen Maßnahmen zur Unterstützung einer Anpassung an den Klimawandel und seine Abschwächung, die für Kleinbauern zugänglich sind und die auf eine gerechte, transparente und effektive institutionelle Ordnung basieren.“

Die Spitzenpolitiker sagten auch, sie würden öffentliche Investitionen erhöhen und private Investitionen durch „Länder basierte Pläne für ländliche Infrastruktur und Unterstützungsdienste“ fördern. Dazu gehören unter anderem Straßen, Lagerung, Bewässerung, Kommunikationsinfrastruktur, Bildung, technische Unterstützung, Gesundheit und Forschung.

Laut FAO wird zurzeit über mehrere Finanzierungsmöglichkeiten für entschärfende Maßnahmen verhandelt, wozu öffentliche, öffentlich-private und private Finanzierungsquellen sowie CO2-Marktmechanismen gehören. Die UN-Agentur betont, dass neue Finanzierungsmechanismen Anreize für die Annahme nachhaltiger Anbaumethoden und Technologien schaffen sollten und „eine Kompensierung von Regierungen und Landwirte für ihren Beitrag“ zum Rückgang der Emissionen leisten sollten.

Dies ist genau das, was in der EU mit der Reform der Gemeinsamen Agrarpolitik (GAP) angestrebt wird. Während ein Teil der Direktzahlungen beibehalten werden würde, würde ein weiterer Teil der EU-Hilfen für Landwirte von der Lieferung ‚öffentlicher Güter’ zur Abschwächung des Klimawandels abhängen (EurActiv vom 27. Oktober 2009).

EU-Entwicklungshilfe

Um die EU-Politiken zu Klimaschutz und Entwicklung stärker miteinander zu verbinden, einigten sich die EU-Mitgliedstaaten letzte Woche darauf, dass die EU-Kommission und die Mitgliedstaaten Klimaschutzaspekte in ihre Entwicklungsstrategien und -haushalte integrieren sollten.

EU-Minister betonten, dass Antworten auf die Ernährungssicherheit eine langfristige Umweltverträglichkeit durch nachhaltige Landwirtschaft widerspiegeln müssten und dass „auf Anpassungsanstrengungen abgestimmte Entwicklungshilfe im Agrarsektor” in dieser Hinsicht entscheidend sein würde.

 

 

 

Stellungnahmen: 

Kommissionspräsident José Manuel Barroso sagte am 16. November: „Ohne Frage können wir nicht die Nahrungsunsicherheit lösen ohne erfolgreich den Klimawandel anzugehen.“ Er hofft als wichtiges Ergebnis bei den Klimaverhandlungen nächsten Monat in Kopenhagen auf „zusätzliche Gelder, um die Probleme der Ernährungssicherheit anzugehen.“ Unterstützung für Anpassungen müsse sich auf „Kleinbauern in den Entwicklungsländern konzentrieren“, die am stärksten betroffen seien, fügte er hinzu und betonte die Rolle der Artenvielfalt als wichtigen Teil der Lösung.

Alonzo Fulgham, ausführender Verwalter der United States Agency for International Development (USAID) begrüßte die Erklärung des FAO-Gipfels und erklärte, sie vertrete „einen weltweiten Konsens über einen neuen Ansatz zur Linderung von Hunger und Unterernährung durch die Nutzung des enormen Potentials in der Landwirtschaft zur Förderung von Wirtschaftswachstum.“

Die irische EU-Abgeordnete Mairead McGuinness forderte letzte Woche die politischen Entscheidungsträger der EU auf, insbesondere die Landwirtschaft in die Diskussionen zur Abschwächung des Klimawandels mit einzubeziehen. Sie sagte, man solle genau überlegen, „ob es nicht angebracht ist, von der Landwirtschaft in gleicher Weise einen Beitrag zum Klimawandel zu fordern wie vom Verkehrssektor.“

„Wenn schwierige Entscheidungen anstehen, müssen schwierige Fragen gestellt werden, was wir für den Agrar- und Lebensmittelsektor wollen. Wir können nicht bei einer Reduktion in der Nahrungsmittelerzeugung bloß reduzierte Emissionen billigen und die Nahrungsmittelherstellung und die damit verbundenen Emissionen auf andere Stellen der Welt verlagern“, sagte sie und fügte hinzu, dass „die Nahrungsmittelherstellung ein lebenswichtiger Sektor der irischen Wirtschaft ist.“

Landwirtschaft ist „das fehlende Wort“ bei den UN-Klimagesprächen, sagte Gerald Nelson, hochrangiger Wissenschaftler am International Food Policy Research Institute (IFPRI), und fügte hinzu, dass der Landwirtschaft mit 14 % der Emissionen der gesamten Treibhausgase auch eine „besondere Rolle“ in der CO2-Senkung in anderen Bereichen zukomme.

Daher seien „bei den UN-Verhandlungen Mittel bei Seite zu legen, um die Anpassung in der Landwirtschaft zu fördern“, sagte er. „Wir müssen über neue Pflanzensorten und neue Infrastruktur nachdenken, um den Landbau sowie neue Institutionen im In- und Ausland elastischer zu gestalten“, forderte Nelson.

Laut IFPRI kann die Landwirtschaft Emissionen durch „Veränderungen in landwirtschaftlichen Technologien und Anbaumethoden” sowie durch neue Pflanzenmischungen, die mehr mehrjährige Pflanzen oder solche mit tieferen Wurzeln abschwächen. Solche Pflanzen ermöglichen eine Lagerung von mehr CO2 im Boden. Eine reduzierte Bodenbestellung und Veränderungen bei Nutzpflanzengenetik, Bewässerung, der Nutzung von Düngemitteln, Tierbeständen und Fütterungspraktiken können laut Papier auch zu einem Rückgang von Emissionen beitragen. Gleichzeit würden getroffene Veränderungen, um das Agrarsystem gegenüber dem Klimawandel widerstandsfähiger zu machen, auch die Kohlenstoffbindung erhöhen.

Da der Gesamtanteil der Emissionen aus der Landwirtschaft in den Entwicklungsländern größer ist, „müssen kosteneffiziente Wege gefunden werden, um armen Leuten dabei zu helfen”, sowohl den Klimawandel abzuschwächen als sich auch daran anzupassen, so Nelson. IFPRI ruft auch zu erhöhten Investitionen und Finanzierung auf, um landwirtschaftliche Forschung, ländliche Infrastrukturen und Marktzugang für Kleinbauern in Entwicklungsländern zu unterstützen.

Oxfam, die NGO für Entwicklung, ruft zu mehr Investitionen in Verbesserungen in Politik, Institutionen, Diensten und Ausbildung aus, um eine an die örtlichen landwirtschaftlichen und umweltspezifischen Bedingungen angepasste nachhaltige Landwirtschaft zu stärken. Die NGO verurteilt Bestrebungen der reichen Länder, mehr chemische Düngemittel und neue Technologien in Afrika zu benutzen, da dies nur zu „mehr Umweltzerstörung“ führen würde.

„Kleinbauern, vor allem Frauen, kämpfen an vorderster Front gegen weltweite Armut, Hunger und Klimawandel und wir dürfen sie nicht weiter ignorieren”, sagte Oxfam-Sprcher Frederic Mousseau.

Nächste Schritte: 
  • 8.-10. März 2010: Hochrangige Konferenz über die Entwicklungen im Agrobusiness und der Agrarindustrie in Afrika (Abuja, Nigeria). 
Hintergrund : 

In einem Arbeitsdokument  für Landwirtschaft (April 2009) heißt es, dass der Agrarsektor langfristig leiden wird, wenn nicht strukturelle und technologische Änderungen vorgenommen und Anpassungsmaßnahmen umgesetzt werden. Das Dokument bestätigte auch den Beitrag des Sektors zu den Gesamtemissionen neben dem Eindämmungspotential und betont die Bedeutung für die Entwicklung von Synergien zwischen beiden.

Ein früherer Bericht des Worldwatch Institute, ein Think-Tank, unterstreicht ebenfalls das Potential zur Bekämpfung des Klimawandels in der Landwirtschaft. Er macht geltend, dass die Landwirtschaft von Politikern und Wissenschaftlern nicht genügend Aufmerksamkeit erhalten habe, während eine Reihe von Innovationen in der Nahrungsproduktion und Landnutzung zum Kampf gegen den Klimawandel beitragen könnten (EurActiv vom 9. Juni 2009).

Da die EU sich auf eine größere Umstellung der Agrarpolitik für die Zeit nach 2013 vorbereitet, betont die EU-Regierung, dass die Landwirte die landwirtschaftlichen Treibhausgase bis 2020 um mindestens 20% verringern müssten, vor allem durch die Herstellung von Biomasse und der Speicherung von CO2 im Boden (EurActiv vom 16. September 2009).

Das EU-Mitgliedsland Schweden entwickelt sogar Standards, mit denen die Verbraucher bewusste Kaufentscheidungen auf der Basis der Auswirkung der jeweiligen Produkte auf die Klimaerwärmung treffen können (EurActiv vom 27. Oktober 2009).

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