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Weltweite Lebensmittelpreise und Reform der GAP [DE]

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Veröffentlicht 24. November 2009, aktualisiert 14. Dezember 2012

Die Diskussion um die zukünftige Gemeinsame Agrarpolitik der EU (GAP) findet nach erheblichen weltweiten Preissteigerungen für Nahrungsmittel 2007-2008 statt sowie inmitten von Warnungen von EU-Bauern, die einen Bankrott befürchten und über Liberalisierungsversuche des Handels mit landwirtschaftlichen Produkten besorgt sind.

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Zusammenfassung

Kein Faktor allein Schuld an die Erhöhung der Lebensmittelpreise

Im Zeitraum von 2007-2008 sind die Agrarpreise stark angestiegen und werden voraussichtlich zumindest mittelfristig auch hoch bleiben.

Es gibt viele Gründe die steigenden Nahrungsmittelpreise zu erklären. Diese reichen von veränderten Ernährungsgewohnheiten zu Handelsbeschränkungen und dem Klimawandel.

Mit steigender Weltbevölkerung sind mehr Münder zu füttern und die Nachfrage nach Fleisch und Milchprodukten in den schnell wachsenden Volkswirtschaften, insbesondere China und Indien, ist rapide angestiegen. Dies führt zu weiteren Preiserhöhungen bei Getreide, das nun zur Fütterung der Tiere, anstatt direkt für den menschlichen Verzehr verwendet wird.

Die Verwendung von Nutzpflanzen für Biokraftstoffe wie z.B. Mais und Bioethanol sowie die Subventionen der EU und USA zur Produktion von Biokraftstoffen stehen im zusätzlichen Wettbewerb zur direkten Ernährung für die Menschen. Andere, die Getreidepreise beeinflussenden Faktoren sind schlechte Ernten, wechselnde Ernteerträge und Umweltbelastungen durch ein sich zunehmend veränderndes Klima sowie höhere Düngerkonzentrationen, Energie- und Transportkosten aufgrund steigender Ölpreise.   Spekulationen an den Rohstoffmärkten, unterstützt von geringen Nahrungsmittelvorräten, gelten ebenfalls als Faktoren für steigende Nahrungsmittelpreise. Subventionen, die Konzentration der wichtigsten Agrarmärkte in den Händen weniger Unternehmen, Handelsrestriktionen bedeutender Exporteure zum Schutz der inländischen Verbraucher, die Abwertung des US-Dollars sowie geringes Produktivitätswachstum aufgrund wenig Investitionen in landwirtschaftliche Forschung beeinflussen weiterhin die Nahrungsmittelpreise.

Die Preisbildung der Regalpreise von Lebensmitteln wird stärker durch die Kosten für Energie, Transport, Verarbeitung und Arbeit beeinflusst als durch eine Veränderung der Ab-Hof-Preise. Nach Angaben der Europäischen Kommission machen landwirtschaftliche Zutaten zum Beispiel nur 5% des Endpreises eines Brots aus.

Rolle der GAP

Die Gemeinsame Agrarpolitik der EU (GAP) wurde 1958 begründet, um die Bauern zu subventionieren und sie zur Sicherstellung einer stabilen Versorgung mit bezahlbaren Lebensmitteln zu ermutigen. Nachdem die Selbstversorgung mit Nahrungsmitteln in den 1980er Jahren einmal erreicht wurde, führte die Politik im Interesse der Ernährungssicherheit zu einer fast dauerhaften Überproduktion an Grundnahrungsmitteln, die als ‚Butterberge’ und ‚Wein-Seen’ bezeichnet wurden.

Mit der Vereinbarung eines ‚Gesundheitschecks’ der GAP Ende 2008 betonte die Europäische Kommission, „entscheidende Schritte“ hin zu einer stärkeren Liberalisierung des Markts unternommen zu haben. Vereinbarte Reformen im Rahmen des Gesundheitschecks beinhalten die Abschaffung der Flächenstilllegung, das stufenweise Auslaufen der Milchquotenregelung und die „Umwandlung von Marktinterventionen zu einem echten Sicherheitsnetz“.

Die EU-Exekutive ist der Auffassung, dass diese Maßnahmen die Bauern bei der Reaktion auf die veränderten Marktbedingungen unterstützen. Entkoppelte Direktzahlungen geben ihnen die Freiheit zu produzieren, was auf dem Markt verlangt wird.

Jedoch führte die Verpflichtung zum Auslaufen der Milchquotenregelung zum Beispiel zu unerwarteten Protesten von Milcherzeugern, die behaupten, dass strenge Vorschriften zur Produktionseinschränkung für ihr Überleben notwendig seien.

Weltweit steigende Nahrungsmittelpreise in den Jahren 2007-2008 haben zu einer erneuten Debatte über den Erhalt ausreichender Subventionen im EU-Agrarsektor geführt, da einige behaupten, die Versorgung der Menschen mit Nahrungsmitteln könne nicht der Gnade des Markts überlassen werden. 

Debatte

EU-Antwort

Als die Weltmarktpreise neue Höhen erreichten, verkaufte die Europäische Kommission ihre Interventionsbestände, beseitigte die Verpflichtung, 10% der Ackerflächen für die Ernte 2008 zur Seite zu legen, erhöhte die Milchquoten um 2% und setzte die Importzölle für Getreide aus. Der Plan sieht vor, die Flächenstilllegung für immer abzuschaffen – was die Rolle der Marktintervention deutlich reduzieren würde – sowie die Milchquoten bis 2015 allmählich auslaufen zu lassen. Die EU-Exekutive stellte auch fest, dass „fast alle an die Produktion gebundenen Subventionen abgeschafft werden, sodass Landwirte die vollkommene Freiheit haben, das zu produzieren, wonach der Markt verlangt.“

Zudem hat die Kommission politische Maßnahmen vorgeschlagen, die zu einer Verbesserung der Markttransparenz beitragen sollen (siehe Euractiv vom 11. Dezember 2008). Sie beschloss, die Entwicklungen in den landwirtschaftlichen Märkten zu beobachten sowie die Folgen der Preisspekulationen zu analysieren. Die EU-Exekutive kündigte ebenfalls an, die Nahrungsmittelkette auf möglicherweise ungerechte Geschäftspraktiken hin zu untersuchen, die den Wettbewerb verhindern und Preise in die Höhe treiben könnten.

Ebenfalls eingeleitet wurde eine Untersuchung nationaler und europäischer Regulierungen, die ein ordnungsgemäßes Funktionieren der Nahrungsmittelkette behindern. Damit soll versucht werden, Regulierungen zu identifizieren, die einen Markteintritt neuer Firmen verhindern, Firmen vom vollständigen Wettbewerb abhalten sowie die Beziehungen zwischen Lieferanten und Einzelhändlern verzerren.

Nach den im Oktober 2009 veröffentlichten Ergebnissen gibt es „deutliche Ungleichgewichte“ in Vertragsbeziehungen zwischen Akteuren der Nahrungsmittelkette sowie eine mangelnde Transparenz der Preise entlang dieser Kette (EurActiv vom 28. Oktober 2009). Ein Instrument zur Überwachung der europäischen Preise für Lebensmittel wird zurzeit zur Verbesserung der Transparenz eingeführt.

Insgesamt sieht die Politik der Kommission zur Bekämpfung steigender Weltmarktpreise bei Nahrungsmitteln drei Handlungsstränge vor:

  • Eine Abschwächung der kurz- und mittelfristigen Folgen des Preis-Schocks durch die Beobachtung von Preisentwicklungen und spekulativen Investitionen, eine Veränderung der GAP, Handeln im Interesse der Armen und eine Untersuchung der Funktionsweise der Nahrungsmittelkette, 
  • Eine Steigerung der Agrarversorgung und die langfristige Ernährungssicherung durch eine Stärkung der Nachhaltigkeit von weltweiten und EU-Politiken zu Biokraftstoffen, einer Förderung von Agrarforschung zur Produktivitätssteigerung und der Beibehaltung einer „offenen, aber wachsamen“ Gentechnik-Politik, und
  • Einen Beitrag zur weltweiten Anstrengung, den Armen zu helfen, durch die Förderung einer Freihandelspolitik und den Abschluss der Doha-Runde der Gespräche der Welthandelsorganisation (WTO), dem Anbieten von humanitärer Hilfe sowie die Unterstützung von Veränderungen in der Agrarpolitik und der Politik der ländlichen Entwicklung in Entwicklungsländern.

Subventionen zur Unterstützung der Landwirte

Eine der wesentlichen Diskussionsfragen bei der anstehenden Reform betrifft die Rolle und Funktion des Direktzahlungsprogramms nach 2013, das die Einkommen der Landwirte unterstützen soll.

Die Kommission glaubt, dass ein „Netz der grundsätzlichen Einkommenssicherheit” auch nach 2013 noch benötigt wird, um den EU-Landwirten ein sicheres Einkommen zu garantieren und sie zur weiteren Produktion anzuregen. Aber sie unterstreicht, dass Subventionen normalerweise nicht die Preise bestimmen sollten, da dies Landwirte davon abhält, auf Veränderungen des Marktes schnell zu reagieren sowie die Wettbewerbsfähigkeit europäischer Produkte senkt.

Die EU-Exekutive untersucht auch die Möglichkeit, Direktzahlungen von der Lieferung umweltverträglicher ‚öffentlicher Güter’ durch nachhaltige Anbaumethoden abhängig zu machen (EurActiv vom 27. Oktober 2009).

Den jährlichen EU-Agrarsubventionen von 55 Milliarden Euro wird – ebenso wie ihren Gegenstücken in den USA – vorgeworfen, das Potenzial der Entwicklungsländer für landwirtschaftliche Entwicklung zu verhindern. Die GAP wird ebenfalls dafür kritisiert, dass sie die Lebensmittelpreise in Europa künstlich hoch halte, da Einfuhrzölle landwirtschaftliche Produkte aus dem Ausland verteuern.

Währenddessen helfen Exportsubventionen den EU-Landwirten dabei, ihre überschüssige Produktion unter den Produktionskosten auf dem Weltmarkt zu verkaufen, was für ausländische Käufer die Netto-Kosten von EU-Agrarprodukten reduziert.

Während diese Subventionen den Landwirten in der EU und den USA ein sicheres Einkommen garantieren, argumentieren Kritiker, dass Grundpreise zur Überproduktion ermutigen und dass die hauptsächlichen Nutznießer der Subventionszahlungen nicht die Bauern, sondern die großen Agrarunternehmen sind. Zugang zum ständigen Angebot an billigen landwirtschaftlichen Produkten reduziert nach diesem Argument die Kosten dieser Firmen und erhöht ihren Gewinn.

Mehr herstellen, um Preise zu reduzieren

Nach Ansicht der Kommission ist „das beste Heilmittel” gegen hohe Lebensmittelpreise der von der Aussicht auf höhere Gewinne geschaffene Anreiz, die Produktion zu steigern. In der Tat haben viele Teile der Welt immer noch ein hohes Produktionspotenzial, insbesondere Kasachstan, Russland und die Ukraine.

Ungefähr 21 Millionen Hektar Land, die für die Getreideproduktion genutzt wurden, liegen seit Zusammenbruch der Sowjetunion brach. Nach Zahlen der Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der UN (FAO) könnte Russland seine Getreideerträge potenziell um 45%, Kasachstan um 60% und die Ukraine um 70% steigern.

Jedoch könnte die Ausweitung der Produktion auf neue Flächen in einigen Regionen vielleicht in einen Zielkonflikt mit dem Umweltschutz geraten.

Die Krise um Lebensmittelpreise 2007 und 2008 hat auch einige Länder Asiens und des Nahen Ostens, die unter Wasser- und Landmangel leiden, dazu getrieben, zur Sicherung ihrer Nahrungsversorgung in Entwicklungsländern Anbauflächen zu kaufen. Während das Phänomen der ‚Landbesitzergreifung’ das Potenzial dazu hat, dringend benötigte Investitionen in die Landwirtschaft und die ländlichen Gebiete in Entwicklungsländern zu fördern, bezeichnen Kritiker dieses Vorgehen als ‚Neo-Kolonialismus’ und warnten vor den Auswirkungen solcher Landgeschäfte auf die Menschen und Bauern vor Ort, deren Zugang zum Land dadurch kompromittiert wird.

Eine andere Möglichkeit, die Produktion zu steigern, ist die Produktivität der existierenden Flächen zu steigern. Jedoch stellt dies eine Herausforderung dar, da das Wachstum der Agrarproduktivität seit der Grünen Revolution der 1960er und 1970er gesunken ist und immer mehr landwirtschaftliche Flächen durch die zunehmende Herstellung von Biokraftstoffen der Nahrungsmittelherstellung entzogen werden. Der derzeitige durchschnittliche Getreideertrag in der Dritten Welt ist nach Angaben der FAO außerdem weniger als halb so hoch wie im Westen.

Sowohl die Europäische Kommission als auch die FAO glauben, dass die landwirtschaftliche Forschung gestärkt werden sollte, um ein nachhaltiges Wachstum der Agrarproduktivität zu fördern. Möglich wäre dies durch neue Getreidesorten, verbesserte Anbausysteme mit höheren und stabileren Erträgen, einer effizienteren Nutzung von Wasser, größerer Widerstandsfähigkeit gegen Krankheiten und Umweltstress und einer geringeren Notwendigkeit von Pestiziden.

Die EU-Exekutive stellt fest, dass die Nutzung von genetisch veränderten (GV) Getreidesorten – in Europa ein hochkontroverses Thema – die Produktivität steigern kann und „in Regionen der Welt, die unter schwierigen klimatischen Bedingungen leiden, besonders wichtig sein könnte”, da GV-Pflanzen zur Abschwächung der Auswirkungen der Ernährungskrise beitragen könnten.

Modelle des Welthandels

Die EU spricht sich für eine Freihandelspolitik und den Abschluss der Doha-Runde  der Gespräche der Welthandelsorganisation (WTO) aus. Jedoch sind die Doha-Verhandlungen über eine Liberalisierung des Welthandels, die Ende 2001 von der WTO aufgenommen wurden, wiederholt wegen des Widerstands der EU und der USA, ihre Agrarzölle und –subventionen zu kürzen, gescheitert.

Währenddessen argumentieren einige Wirtschaftswissenschaftler, dass ein Abschluss der Doha-Verhandlungen nur zu erhöhten Agrarpreisschwankungen, Spekulationen über Kraftstoffe und einer verschlechterten Ernährungssicherheit in Entwicklungsländern führen würde. Sie sagen, dass nur wenige aufsteigende Exportnationen wie Brasilien von einem liberalisierten Welthandel mit landwirtschaftlichen Produkten profitieren würden.

Momagri, ein französischer Think-Tank zur Landwirtschaft, fordert die Schaffung eines neuen internationalen Wirtschaftsmodells, dass die Auswirkungen von Preisschwankungen und Spekulation über Ernährungssicherung berücksichtigt (EurActiv vom 17. Juni 2009). Er argumentiert, dass eine Liberalisierung der Landwirtschaft, die zum Einkommen von 40% der Weltbevölkerung beiträgt, keinen Sinn ergebe, wenn nur 7%-8% der weltweiten Agrarproduktion überhaupt gehandelt werde.

Momagris Modell  einer neuen Weltordnung schlägt vor, die Welt nach regionalen Entwicklungsniveaus in Zonen aufzuteilen: Nordamerika/Mexiko, Südamerika, die EU, China, Indien, Afrika, Russland/Ukraine/Kasachstan, Nordafrika/Naher und Mittlerer Osten, der Rest Asiens und der Rest der Welt. Der Handel mit landwirtschaftlichen Produkten könnte dann innerhalb jeder dieser Zonen liberalisiert werden.

Nach Ansicht des Think-Tanks würde die Schaffung solcher regionaler Handelsblöcke „das Messen der tatsächlichen Auswirkungen einer Liberalisierung der Agrarmärkte in jeder Zone unter Berücksichtigung ihrer jeweiligen Eigenarten in Bezug auf Risiken ermöglichen, sodass wir Gewinner und Verlierer bestimmen könnten.“

 

Stellungnahmen

Die Europäische Kommission besteht darauf, dass es keinen Zusammenhang zwischen den EU-Agrarsubventionen und steigenden Lebensmittelpreisen gibt. Sie betont, dass die GAP deutlich weniger handelsverzerrend als die entsprechende amerikanische Politik sei.

Unterdessen vertreten die Mitgliedstaaten der EU diesbezüglich eine Reihe sehr unterschiedlicher Standpunkte, was vermuten lässt, dass ihnen eine schwierige Diskussion über die Größe und genaue Rolle der direkten EU-Unterstützung für Landwirte für den Zeitraum nach 2013 bevorsteht. Während Länder wie Großbritannien und Dänemark sich für eine drastische Reduzierung des GAP-Gesamthaushalts aussprechen und mehr Gelder in die ländliche Entwicklung und Bereitstellung öffentlicher Güter fließen lassen wollen, möchten andere Länder wie Frankreich und Griechenland eine starke GAP vor dem Hintergrund sinkender Einkommen und steigender Lebensmittelpreise beibehalten.

Der britische Finanzminister Alistair Darling forderte kürzlich ein Ende „aller Elemente der GAP, die dafür entwickelt wurden, die EU-Agrarpreise über dem Weltmarktniveau zu halten“ und sagte, es sei „unzumutbar, dass die EU zu Zeiten einer deutlichen Steigerung der Lebensmittelpreise weiterhin sehr hohe Einfuhrzölle auf viele Agrarprodukte anwendet“.

Doch der ehemalige französische Landwirtschaftsminister Michel Barnier argumentiert, dass die GAP-Subventionen für den Anstieg der Lebensmittelpreise nicht verantwortlich seien und dass das EU-Beispiel regionalen Varianten der GAP in Afrika und Lateinamerika als Vorbild dienen könne. Barnier behauptet, durch solche Systeme könnten Entwicklungsländer eine Selbstversorgung erreichen und steigende Lebensmittelpreise bekämpfen (EurActiv vom 29. April 2009).

Barnier glaubt, dass die Krise um Lebensmittelpreise die weiterhin bestehende Notwendigkeit der GAP demonstriert habe, und beschreibt diese als „Eckstein der Ernährungssicherung des Kontinents”.

Frankreich lehnt die Idee einer Wiederbelebung der Doha-Gespräche zur Liberalisierung des Handels mit landwirtschaftlichen Produkten strikt ab und spricht sich stattdessen dafür aus, dass Europa seine Anstrengungen erhöhen müsse, bei der Lebensmittelproduktion unabhängig zu werden.

Momagri, ein französischer Think-Tank, der sich für eine neue weltweite Vision für die Landwirtschaft ausspricht, argumentiert, dass „eine erhöhte und unregulierte Liberalisierung des Handels mit Agrarprodukten zu erneuten Preissteigerungen und noch größeren Preisschwankungen führen würde.“ Er fordert einen zweistufigen Ansatz zu einer Liberalisierung des landwirtschaftlichen Handels, nach dem der Handel in vordefinierten Unterregionen vollkommen liberalisiert werden würde: Nordamerika/Mexiko, Südamerika, die EU, China, Indien, Afrika, Russland/Ukraine/Kasachstan, Nordafrika/Naher und Mittlerer Osten, der Rest Asiens und der Rest der Welt.

Die Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der UN (FAO) konstatiert, dass die Länder der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) ihre Agrarsektoren traditionell mit Subventionen und Handelspolitiken stark geschützt haben und dass „sich diese Unterstützungs- und Schutzmaßnahmen vor allem auf die Handelsbilanz (veränderte Marktanteile) als auch auf die Verbraucher (Zahlung höherer Preise) und die Steuerzahler (Zahlung der Subventionen) der OECD-Länder selbst ausgewirkt hat“.

Daher argumentiert die FAO, dass eine Liberalisierung des Agrarhandels dazu führen würde, dass Länder mit hohem Einkommen „den Löwenanteil der Wohlfahrtsgewinne” erhalten würden, zusammen mit einigen Entwicklungsländern, die Konkurrenzprodukte exportieren. Währenddessen könnten laut FAO einige Entwicklungsländer mit bevorzugtem Zugang zu geschützten Märkten sowie Länder mit wenigen landwirtschaftlichen Exporten und hohen landwirtschaftlichen Importen – wie die AKP-Staaten, die über Präferenzabkommen mit der EU verfügen – negativ betroffen sein.

Das Europäische Parlament argumentiert, dass „obwohl die Finanzierung der GAP über die Jahre hinweg zu niedrigeren Verbraucherpreisen beigetragen hat, es auffällig ist, dass Verbraucherpreise weiterhin hoch sind oder trotz fallender Preise im Agrarsektor nicht selber fallen.“

Das Parlament glaubt, dass innerhalb des Rahmens der GAP Marktregulierungsmaßnahmen nötig seien, um für Stabilität innerhalb des Agrarsektors und des Lebensmittelmarkts zu sorgen und um eine nachhaltige EU-Agrarproduktion zu vernünftigen Preisen zu erhalten.

Europaabgeordnete halten auch „ein Ungleichgewicht innerhalb der Nahrungsmittelkette” für einen Grund für Preisunterschiede an Quelle und Endpunkt und bedauern, dass der EU adäquate Maßnahmen fehlten, „um die Herstellerorganisationen, durch Genossenschaften oder andere Organisationen, zur Förderung einer Versorgungskonzentration zu ermutigen“. Eine solche Konzentration, glauben sie, würde zu „einer besseren Organisation des Markts und einer gesteigerten Verhandlungsmacht für Hersteller gegenüber den anderen Gliedern der Nahrungsmittelkitte“ führen.

Laut EuroCommerce, das den europäischen Einzelhandel, Großhandel und internationale Handelssektoren vertritt, „weist der Handel jegliche Andeutung, dass er die Verantwortung für die jüngsten Preiserhöhungen trägt oder dass Preissenkungen nicht an die Verbraucher weitergegeben werden, entschieden zurück.“

Der Vorsitzende von EuroCommerce Xavier Durieu sagte: „Die Frage der Preisübertragung ist hochkomplex und hängt größtenteils vom Grad des Wettbewerbs innerhalb der Versorgungskette ab.”

Landwirte und Agrargenossenschaften in Europa, die von Copa-Cogeca vertreten werden, beklagen die stark gefallenen Herstellerpreise für viele Agrarprodukte bei gleichzeitig stark angestiegenen Produktionskosten. Sie betonen auch, dass Landwirte für steigende Verbraucherpreise nicht verantwortlich seien.

Der Lobbyverband stellt fest, dass Landwirte „einen sinkenden Anteil des Preises erhalten, den Konsumenten für Lebensmittel im Laden bezahlen” und dass dieser Anteil „oft nicht ausreichend ist, um Kosten zu decken, geschweige denn ihnen ein gerechtes Einkommen zu verschaffen.”

„Landwirte und ihre Genossenschaften stehen jetzt der riesigen Kaufkraft einer Handvoll Supermarktketten gegenüber”, so Copa-Cogeca. Der Lobbyverband argumentiert, dass die GAP-Zahlungen Landwirten bei der Deckung zusätzlicher Kosten helfen und Landwirte durch Hilfen bei der Modernisierung ihrer Höfe wettbewerbsfähiger machen.

Die GAP könne Bauern auch Werkzeuge zum Risikomanagement bezüglich Preisschwankungen in die Hand geben und „sicherstellen, dass Marktkräfte nicht außer Kontrolle geraten“, so der Verband.

Eine Studie der Humboldt-Universität Berlin, die vom Europäischen Verband der Pflanzenschutzhersteller (ECPA) mitfinanziert wurde, argumentiert, dass Europa als Antwort auf steigende Lebensmittelpreise die landwirtschaftliche Produktivität steigern müsse. Sie stellt fest, dass die weltweite Nahrungsmittelversorgung nicht mit der wachsenden Nachfrage Schritt halten könne, da die weltweit verfügbaren landwirtschaftlichen Flächen begrenzt seien und die ertragreichsten Flächen bereits landwirtschaftlich genutzt würden.

„Wo Reserveflächen existieren, sollten sie aus Gründen des Umweltschutzes oftmals nicht für die Landwirtschaft genutzt werden. Um daher den Bedürfnissen einer schnell wachsenden Weltbevölkerung gerecht zu werden, muss die notwendige Steigerung der Produktivität zu einem sehr großen Teil durch eine Produktivitätssteigerung des bereits genutzten Landes erfolgen“, schlussfolgert die Studie.

Sie argumentiert weiter, dass die EU im Vergleich zu anderen Regionen der Welt „weniger vom Klimaschutz betroffen sein wird” und dass Europa „im Vergleich zu anderen Weltregionen ein sicherer Produktionsstandort” sein werde. Daher drängt die Studie die Union dazu, Verantwortung zu übernehmen und „zur globalen Ernährungssicherung deutlich beizutragen, ihr Produktionspotenzial zu nutzen und Strategien anzuwenden, die zu einer Erhöhung der landwirtschaftlichen Produktivität auf der zur Verfügung stehenden landwirtschaftlichen Fläche führen“.

„Wir können keine landwirtschaftliche Produktivitätssteigerung erwarten, wenn wir nicht über die volle Breite moderner Farmpraktiken verfügen: von neuen Züchtungstechniken bis zu Pflanzenschutzmittel“, argumentiert Claudia Michel, Senior Manager für Landwirtschafts-, Umwelt- und Ernährungspolitik beim Europäischen Verband der Pflanzenschutzhersteller (ECPA). „Diese Mittel erhöhen die Produktivität, sichern Ernten, senken Ernteausfälle und helfen Landwirten daher bei der Bereitstellung eines ausreichenden und nachhaltigen Angebots von frischem Obst und Gemüse in der ganzen Welt“, fügte sie hinzu.

Laut Syngenta, einer schweizerischen Firma im Bereich Pflanzenzucht und -biotechnologie, kann eine gesteigerte Nahrungsmittelproduktion und die Öffnung von inländischen und ausländischen Märkten langfristig dabei helfen, die hohen Lebensmittelpreise zu bekämpfen.

Nach Syngentas Auffassung wäre ein solches Vorgehen „Nahrungsmittelhilfen vorzuziehen”, obwohl Direkthilfen kurzfristig relevant sein könnten, wenn natürliche und durch Regierungen geschaffene Katastrophen mit den Bemühungen einer intensiveren Herstellung und Versorgung in Konflikt gerieten, so das Unternehmen.

Mark Titterington, bei Syngenta für europäische Öffentlichkeit zuständig, sagte: „Es ist absolut notwendig, qualitativ hochwertige, preisgünstige Nahrungsmittel mit geringerer Umweltbelastung anzubauen”, was seiner Meinung nach durch Technologien und Wissen möglich sei.

Um dieses Ziel jedoch zu erreichen, bräuchten Landwirte ein Anreizsystem, dass der Markt nicht liefern könne. Solche Anreize könnten geschaffen werden, indem staatliche Zahlungen an Landwirte eingeführt würden für Dienste, die nicht vom Markt mit einem Preis versehen werden, so etwa Artenvielfalt und Landschaftspflege.

Titterington glaubt, die anstehende GAP-Reform biete eine Chance zu sagen, dass „Landwirte aus weniger mehr produzieren müssen“. Wenn sie dies schaffen sollen, brauchen sie nach seiner Auffassung Zugang zu Technologien und Know-how. Erhöhte Investitionen der EU in die landwirtschaftliche Forschung seien ebenfalls nötig sowie ein „Ansatz aus einem Guss von den Kommissionsdirektionen für Landwirtschaft und Umwelt.“

Der Weltagrarrat  (IAASTD), eine Initiative der Weltbank, stellt in seinem ersten Weltbericht zum Zustand der Landwirtschaft fest, dass „eine Steigerung und Stärkung von Landwirtschaftlichem Wissen, Wissenschaft und Technologie (AKST) in Richtung einer agrarökologischen Wissenschaft zum Angehen von Umweltschutzfragen bei gleichzeitigem Erhalt und Steigerung der Produktivität beitragen wird.”

Dies könne laut Bericht erreicht werden, indem man sich hin zu einer „ressourcenschonenden und standortsspezifischen Landwirtschaft” bewege. Es könne ebenfalls durch technologische Möglichkeiten erleichtert werden, darunter neue Genotypen von Anbaupflanzen, Vieh, Fischen und Bäumen sowie Fortschritten bei der Züchtung von Pflanzen, Vieh und Fischen, Biotechnologie, Fernerkundung, Agrarökologie, Agrarforstwirtschaft, integrierten Schädlingsbekämpfung und Nährstoffmanagement sowie bei der Informations- und Kommunikationstechnologien (ICT).

Die Umwelt-NGO WWF glaubt, dass viele komplexe und strukturelle Gründe zur Preiskrise beitragen, „aber viele dieser Gründe die Frage betreffen, wie wir den Planeten, auf dem wir leben, nutzen und behandeln.“ Laut WWF beinhaltet der Weg vorwärts die Herstellung von mehr Reis mit weniger Wasser, die Nutzung geschützter Gegenden um Nahrungsmittel sicherzustellen, die Reduzierung von Hunger ohne wachsenden Durst und die Förderung einer nachhaltigen Fischerei.

Greenpeace argumentiert, dass Nahrungsmittelknappheit, unerschwingliche Lebensmittelpreise und Hunger vor allem das Ergebnis industrieller Landwirtschaft, schlechter Ernten aufgrund des Klimawandels, ungerechter Handelsbedingungen sowie dem Ansturm auf Biokraftstoffe seien.

ActionAid, eine internationale Agentur gegen Armut, drängt die UN zu einer Untersuchung darüber, wie Spekulationen mit landwirtschaftlichen Produkten eingeschränkt werden können. Sie erwartet konkrete Maßnahmen zur Preisstabilisierung und einer Kontrolle von Spekulationen – etwa die Erhöhung von Lebensmittelvorräten, eine Begrenzung von Handelsbeständen, eine Erhöhung der erforderlichen Sicherheitsleistungen oder eine Besteuerung spekulativer Transaktionen.

Magdalena Kropiwnicka, Expertin für Nahrungsmittelpolitik bei ActionAid, sagte: „Stabile Agrarmärkte, auf denen die Preise den tatsächlichen Bedingungen von Angebot und Nachfrage entsprechen, sind unabdingbar für einen Neuaufbau von landwirtschaftlichen Systemen in Entwicklungsländern und für den Eintritt von Entwicklungsländern in regionale Märkte oder den Weltmarkt für landwirtschaftliche Produkte unter gerechten Bedingungen.“

Zeitplan

  • 2007-2008: Anstieg der weltweiten Rohstoffpreise. 
  • 20. Mai 2008Mitteilung  der Kommission zur Bekämpfung der steigenden Lebensmittelpreise. 
  • 9. Dez. 2008: Kommission empfiehlt Fahrplan für nationale und EU-Maßnahmen zu Nahrungsmittelpreisen. 
  • 17.-18. März 2009: Zweites Forum zur Zukunft der europäischen Landwirtschaft
  • Juli 2009: Deutsch-Französische Arbeitsgruppe erstellt Rahmen für GAP-Reform (EurActiv vom 6. Juli 2009).
  • 28. Okt. 2009Mitteilung  der Kommission zu einer besser funktionierenden Lebensmittleversorgungskette in Europa.
  • 2009: Beginn der Verhandlungen für den EU-Langzeithaushalt ab 2013 mit Hinweisen auf den Umfang des zukünftigen GAP-Haushalts.
  • 2009: WTO versucht Doha-Verhandlungen wiederzubeleben.  
  • 12.-13. Okt. 2009How to Feed the World in 2050: Hochrangiges Expertenforum in Rom. 
  • 16.-18. Nov. 2009Welternährungsgipfel in Rom. 
  • Zweite Hälfte 2010: Kommission stellt Auswahl für generelle GAP-Reformen vor. 
  • Mitte 2011: Kommission wird formelle rechtliche Vorschläge zu Details der GAP-Reform zur Verhandlung an die EU-Minister übergeben.
  • 2014: Neue GAP tritt in Kraft.

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