EurActiv Logo
 
30. November 2009
Breaking News:

Chemikalien: Kennen sich die Verbraucher aus? [DE][en][fr

Erschienen: Freitag 6. Oktober 2006   

In welchem Umfang die Verbraucher über chemische Substanzen informiert werden, ist eines der Themen im Vorfeld der zweiten Lesung über das REACH-Gesetzespaket. Während die Hersteller Informationen zu nachgewiesenen Risiken beschränken wollen, drängen NGOs auf die Freigabe ebendieser auf der Grundlage des Vorsorgeprinzips und auf die Gefahrenkennzeichnung. 

Hintergrund:

In den Anfängen der modernen Chemieindustrie in den 60er Jahren des 20. Jahrhunderts fürchtete niemand um die Gesundheitsrisiken von Chemikalien wie PCBsexternal . Diese Haltung hat sich mittlerweile geändert, wie die Einführung des Vorsorgeprinzips zeigt. Bis das Gegenteil bewiesen ist, gilt eine Chemikalie als möglicherweise gesundheitsgefährdend und erfordert daher eine erhöhte Risikobewertung (Siehe EurActiv LinksDossier zu Politik und Risikomanagement).

Das Ziel von REACH ist es, einen verbesserten Schutz der menschlichen Gesundheit und der Umwelt sowie eine frühere Identifizierung der Bestandteile von Chemikalien zu gewährleisten. Wenn das Gesetzespaket in Kraft tritt, werden Hersteller verpflichtet, Sicherheitsinformationen über unterschiedliche chemische Stoffe bereitzustellen, die in Konsumgütern wie Spielwaren, Textilien, kosmetischen Produkten, Lebensmitteln und Waschmitteln enthalten sind.

Im Hinblick auf die zweite Lesung über das REACH-Paket haben in den letzten Wochen zwei Treffen von Entscheidungsträgern stattgefunden, bei denen über REACH aus der Perspektive der Verbraucher diskutiert wurde. Friends of Europe hat am 13. September ein MittagsgesprächPdf external  zu der Fragestellung How Safe is REACH making Europe’s consumers? (Wie sicher macht REACH die Verbraucher in Europa?) organisiert und die Kommission hat am 29. September ein Seminarexternal  über Assessment of Consumer Exposure to Chemicals in Consumer Products (Einschätzung der Chemikalienexponierung der Verbraucher durch Konsumgüter) abgehalten.

Der Umweltausschuss des Europäischen Parlaments wird am 10. Oktober 2006 über den  REACHexternal -Vorschlag abstimmen. Die ursprüngliche technische Diskussion über den Rechtsrahmen für die Registrierung, Beurteilung und Zulassung von Chemikalien ist mittlerweile um eine Gesundheitsdimension erweitert worden.

Parallel stattfindende Chemikalienexponierung aus unterschiedlichen Quellen

Chemikalien gelangen über die Atmung, Wasserdampf oder Partikel (Waschmittel, Deosprays usw.), durch den Mund (Lebensmittel, Getränke usw.) oder durch die Haut (Cremes, Haarwaschmittel, Waschmittel usw.) in den menschlichen Körper. Es gibt Chemikalien, die sich (über Jahre) in dem fettreichen Gewebe des Organismus oder in den Knochen ablagern, aber es gibt ebenfalls Chemikalien (zum Beispiel viele Arzneimittel), die wasserlöslich sind und dadurch schneller aus dem Körper ausgeschieden werden. Die Auswirkungen vieler Chemikalien im menschlichen Körper sind nicht erforscht. 

Experten gehen davon aus, dass die Tatsache, dass die meisten Konsumgüter Chemikalien enthalten, der Hauptgrund für die ‚totale Chemieexponierung des menschlichen Körpers’ ist. Zu den wichtigsten offenen Fragen der Risikobewertung gehört die Definition der ‚totalen Exponierung’ durch den gefährlichen ‚Chemikalien-Cocktail’ auf lange Sicht. Dies ist bisher weitaus weniger erforscht als die Gefährdung durch eine einzige Chemikalie in einem klar definierten, nachvollziehbaren Kontext.

„Wir werden nie eine Vorstellung über die genaue Gefährdung haben. Es ist relativ einfach, Auswirkungen auf die Gesundheit auf kurze Sicht und durch direkte Exponierung zu bestimmen. Langzeiteffekte des Umgangs mit Chemikalien von undefiniertem Umfang sind jedoch viel schwerer einzuschätzen“. Dies sagte Lea Hansen aus dem dänischen Umweltministerium im Rahmen des Seminars der Kommission zu Risikobewertung.

Mangel an Daten über Chemikalienexposition und Instrumenten zur Risikoeinschätzung

Die Kommission verfolgt in der Risikobewertung einen wissenschaftlichen Ansatz, der den Zugang zu einer ausführlichen Datengrundlage voraussetzt. Derzeit fehlen der Kommission verlässliche Daten und Instrumente, um Gesundheitsfolgen für Menschen durch Chemikalienexposition einzuschätzen.

2003 hat die EU ein Projekt mit dem Namen EIS-ChemRisksexternal  vorgestellt, um Instrumente und Daten für eine harmonisierte Risikobewertung der Gefährdung durch Konsumgüter und –artikel zu erhalten. Im Rahmen des Projekts sollen ebenfalls realistische Szenarien für das Gefährdungsniveau entworfen werden.

Mangel an Vertrauen und Bewusstsein seitens der Verbraucher

Exakte Informationen gelten als entscheidend dafür, das Vertrauen der Verbraucher in die Chemieindustrie und ihre Produkte aufrechtzuerhalten. Dennoch herrscht weiterhin Streit zwischen NGOs und der Industrie darüber, welche Informationen den Verbrauchern zugänglich gemacht werden sollten. Die Industrie möchte weiterhin nur erforschte Fakten über die Risiken einiger Chemikalien an die Verbraucher weitergeben, während die NGOs befürchten, dass dies zu wenig Risikokommunikation sein könnte. Die NGOs fordern, dass die Verbraucherinformationen auch Gefahren und mögliche Langzeitfolgen der Chemikalienexposition enthalten.

Positionen:

Der Europäische Rat der Verbände der chemischen Industrie (CEFIC)  weist auf den Mangel an Daten und wissenschaftliche Erkenntnisse über die möglichen Risiken, die einige Produkte für die menschliche Gesundheit beinhalten könnten, hin. Laut CEFIC seien Blutanalysen der Chemikalienexposition eine „einmalige Messung“, die „keine Informationen darüber liefert, ob der Chemikaliengehalt über Zeit steigt, oder welches Produkt die Quelle der Gefährdung war.“

„Isoliert gesehen, bieten diese Messungen nicht genug Informationen, um das Risiko oder die Gesundheitsfolgen einzuschätzen“, so CEFIC. Außerdem würden diese Messungen zeigen, dass der Großteil der Chemikalien, die im Blut nachgewiesen werden konnten, von Chemikalien oder Pestiziden stammt, die bereits verboten sind oder strengen Vorschriften unterliegen. „Die Tatsache, dass Spuren von Chemikalien im Körper nachgewiesen werden, sollte nicht als Vorwand genommen werden, um strengere Kontrollen als notwendig zu verlangen“, sagte Colin Humphris von CEFIC.

„REACH zielt darauf ab, die Sicherheit der Chemikalien auf dem EU-Markt zu erhöhen. Das Ergebnis sollte ein größeres Vertrauen der Verbraucher in die Konsumgüter sein“, sagt Charles Laroche, Vorsitzender des Internationaler Verbands der Seifen-und Waschmittelindustrie (AISE). Er forderte ‚risikobasierte, verbraucherorientierte Informationen’ als integralen Bestandteil des REACH-Pakets. „Die Verbraucher wollen eindeutige Informationen über die sichere Produktanwendung. Sie wollen leicht verständliche Symbole. Aus diesem Grund wünschen wir eine Zusammenarbeit mit den Institutionen darüber, wie man die Produkte eindeutig und sinnvoll kennzeichnen kann – anstelle hypothetische Gefahrenwarnungen auszusprechen“.

„Unser Ziel ist es, die Produktsicherheit weiterhin zu garantieren und sicherzustellen, dass die Erwartungen der Verbraucher erfüllt werden und wir Vertrauen aufbauen bei Verbrauchern, Behörden und NGOs“, so Carlos Rodriguez von Procter & Gamble. Das Unternehmen hat eine eigene Internetseite über Konsumgüter eingerichtet – ‚Science in the Box’ nennt die Inhaltsstoffe und welche Rolle sie im Produkt spielen. Die Seite listet alle Inhaltsstoffe, die in Waschmitteln und Reinigungsprodukten auf dem europäischen Markt verwendet werden, auf. 

„Die Verbraucherinformationen auf das Risiko bestimmter Substanzen zu beschränken, würde bedeuten, die kombinierten Wirkungen oder Synergien unterschiedlicher Chemikalien zu verschweigen“, argumentiert die Europäische Verbraucherorganisation BEUC. „Ein solcher Ansatz würde die Gefährdung durch mehrere Quellen der gleichen oder unterschiedlicher Chemikalien ignorieren – eine der größten Gesundheitsbedenken überhaupt. So genannte ‚Verbraucher-Verbesserungen in Verbindung mit Risikokommunikation’ sind in keinster Weise verbraucherfreundlich; diese vorgeschlagenen Änderungen wollen Gefahrenkennzeichnung langsam durch Risikokommunikation ersetzen. Das ist inakzeptabel“, so BEUC in einer Erklärung.

Bo Oscar Jansson, Professor an der Universität Stockholm nennt als Hauptquellen für Chemikalienexponierung: a) Herstellung; b) industrielle Nutzung; c) Verwendung durch Verbraucher; d) Abfall. Sein Argument ist, dass „die Herstellung und die industrielle Verwendung zusammen das größte Risiko ausmachen, aber die zwei letzten Punkte, Verwendung und Abfall, bergen mehrere Gefahren. Vor allem die Langzeitexponierung ist größer durch Verbrauchernutzung und Abfall als durch Herstellung und industrielle Nutzung.“

Matti Jantunen, Professor am Finnischen Institut für öffentliche Gesundheit, sagte in einem Gespräch mit EurActiv, dass industrielle Chemikalien die kleinste Gruppe der Risikofaktoren seien. „Selbst wenn REACH alle potentiellen Gesundheitsrisiken der bewerteten Chemikalien eliminieren würde, hätte dies keine großen Auswirkungen auf die öffentliche Gesundheit und Todesstatistiken, da die wahre Gefährdung von Chemikalien aus anderen Quellen stammt. Die Hauptquelle für die Gefährdung durch gefährliche Substanzen - wie krebserregende Stoffe - sind Partikel, die bei Brennvorgängen wie Waldbränden, Grillen oder industrieller und häuslicher Abfallverbrennung sowie durch Rauchen (auch passiv) und unterschiedliche Verkehrsemissionen in die Luft gelangen.“ 

„Es gibt Beweise dafür, dass der Großteil der Chemikalien, die uns umgeben, nicht natürlich sind, sondern von industriellen Prozessen oder Konsumgütern stammen“, sagt Agne Pantelouri, Direktorin der Generaldirektion Gesundheit und Verbraucherschutz. Sie fügte hinzu, dass „alle Quellen für natürliche Exponierung, Lebensmittel und Non-Food, bewertet werden müssen, da die Unterscheidung der Quellen nutzlos ist. Wenn wir keine Daten über Exponierung haben, macht es keinen Sinn, über Risikomanagement zu sprechen.“

„Die Frage ist, wie wir die Nachfrage nach effizienteren Arzneimitteln, kosmetischen Produkten und Waschmitteln mit Sicherheit kombinieren können. In anderen Worten, wie können wir Sicherheit und Innovation kombinieren?“ so Paula Pinho aus der GD Gesundheit und Verbraucherschutz

Nächste Schritte:

  • Zweite Lesung im Parlament am 14. November 2006
  • Ratsabstimmung am 4. Dezember 2006
  • Das REACH-Gesetzespaket soll im April 2007 in Kraft treten

Links

Leserbriefe
Concerns over mercury use in dental amalgam
Genon Jensen, Executive Director, Health and Environment Alliance
Advertising
 
Section Sponsors
Advertising