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Die Unterstützung der Kommission für eigenverantwortliche Regelungen wird von der Nahrungsmittelindustrie und von Werbeträgern begrüßt. Verbraucherorganisationen bezeichnen die Strategie gegen das krankhafte Übergewicht jedoch als 'minimalistisch'. Die Kommission gehe in ihren Augen von unrealistischen Erwartungen aus.
Nach Angaben der Weltgesundheitsorganisation (WHO) hat sich die Verbreitung der Fettleibigkeit seit den 1980er Jahren in vielen europäischen Staaten mehr als verdreifacht. Die Menschen nehmen täglich mehr Kalorien zu sich, besonders in Form von Fett, wohingegen ihre körperlichen Aktivitäten zurückgegangen sind.
Die Fettleibigkeit von Kindern ist besonderer besorgniserregend, da junge krankhaft Übergewichtige ihre Probleme mit ins Erwachsenenalter nehmen werden, mit all den Risiken, die diese nach sich ziehen: Herzerkrankungen, Typ-2-Diabetes, Bluthochdruck, Schlaganfälle und verschiedenen Arten von Krebs. Laut der Kommission sind mehr als drei Millionen Schulkinder in Europa krankhaft übergewichtig, und jährlich kommen 85 000 weitere Kinder hinzu.
Krankheiten, die auf Fettleibigkeit zurückzuführen sind, machen schätzungsweise 7% der gesamten Kosten des Gesundheitswesens in der EU aus.
Eine europäische Plattform
für Ernährung, körperliche Bewegung und Gesundheit bringt seit 2005 Wirtschaftsvertreter, Verbraucherorganisationen und Gesundheitsexperten zusammen, um Wege zu finden, um der Fettleibigkeit zu begegnen. Der Schwerpunkt liegt auf Selbstregulierung und freiwilligen Verpflichtungen von Seiten der Entscheidungsträger.
Ein Grünbuch
zur „Förderung gesunder Ernährung und körperlicher Bewegung: eine europäische Dimension zur Verhinderung von Übergewicht, Adipositas und chronischen Krankheiten” wurde im Dezember 2005 angenommen.
Der Kommissar für Gesundheit Markos Kyprianou sagte bei der Vorlegung des Weißbuchs
über „Ernährung, Übergewicht, Adipositas: Eine Strategie für Europa“, das am 30. Mai 2007 von der Kommission angenommen wurde, dass die größte Errungenschaft bisher sei, dass man das Wissen über Fettleibigkeit erhöht habe. Auch habe man die Menschen dazu gebracht habe, anzuerkennen, dass krankhaftes Übergewicht ein Problem sei.
Kyprianou sagte weiterhin: „Die Verbraucher entscheiden, was sie essen wollen, aber sie sollten in der Lage sein, ihre Entscheidungen in Kenntnis der Sachlage zu treffen, und aus einem angemessenen Angebot an gesunden Optionen wählen können. Aus diesem Grund überprüft die Kommission die Möglichkeiten der Nährwertkennzeichnung, und sie appelliert an die Industrie, sich in der Werbung verantwortungsvoll zu verhalten und Salz-, Fett- und Zuckergehalt von Lebensmittelerzeugnissen zu senken.“
Aufgrund der Dringlichkeit des Problems, so Kyprianou, sei es besser, zunächst den Ansatz der Selbstregulierung zu wählen und 2010 zu entscheiden, ob eine Gesetzgebung notwenig sei. Der Wirtschaft diese zweieinhalb Jahre zu gewähren, nach deren Ablauf die Mitgliedstaaten entscheiden könnten, Gesetze einzuführen, stelle einen großen Anreiz für die Wirtschaft dar, bei dem Problem der Fettleibigkeit zu kooperieren.
Auf Grundlage der EU-Plattform zu Fettleibigkeit und des Gründbuchs zur Förderung gesunder Ernährung und körperlicher Bewegung fordert das Weißbuch mehr sektorübergreifende maßnahmenorientierte Partnerschaften überall in der EU. Dies schließt sowohl private Akteure als auch öffentliche Gesundheits- und Verbraucherorganisationen ein.
Die Kommission fordert weiterhin den Privatsektor auf, stärkere Kodizes in der Werbung zu entwickeln; von der Lebensmittel- und Einzelhandelsindustrie fordert sie, größere Bemühungen zu zeigen, Lebensmittel neu zu entwickeln; und sie fordert von Sportorganisationen, Werbungs- und Marketingkampagnen zu entwickeln, die körperliche Bewegung unterstützen und sich dabei besonders auf Kinder konzentrieren.
In Hinblick auf die Plattform für Ernähung, körperliche Bewegung und Gesundheit, die im März 2005 gegründet wurde, sagte Kyprianou, dass diese erste Ergebnisse erziele, dass man aber bisher die Zielvorgabe noch nicht erreicht habe. Deshalb werde die Plattform die Diskussionen fortsetzen. Eine hochrangige Gruppe zu Ernährung, Übergewicht und Gesundheitsproblemen in Verbindung mit Fettleibigkeit wird eingerichtet, um die Plattform auf nationaler Ebene einzubinden und somit den Austausch von „best-practice“-Methoden sicherzustellen.
Kommissar Kyprianou stellte in Bezug auf körperliche Bewegung fest, dass dieses Thema eher in den Bereich der Mitgliedstaaten falle und die Herausforderung nicht überall in der EU-27 gleich sei. „Es ist eine Tatsache, dass Kinder keinen Sport mehr treiben“, so Kyprianou. Deshalb sollten Schulen unterhaltsame körperliche Betätigungen anstatt reine physische Leistungsübungen wieder in ihre Lehrpläne aufnehmen.
Der Verband der Europäischen Lebensmittelindustrie (CIAA) und die Association of the Chocolate, Biscuits and Confectionery Industries of the EU (CAOBISCO) befürworten die Strategie der Kommission.
Die Association of Television and Radio Sales Houses (egta) begrüßte ebenfalls die Strategie wie auch die Tatsache, dass die Kommission den zusätzlichen Wert einer Selbstregulierung der Werbeträger anerkenne und diese unterstütze.
Wenn man anerkenne, dass jedes Individuum letztendlich selbst verantwortlich für seinen Lebensstil sei und dass Werbung und Marketing lediglich als weitere Informationselemente dienten, welche die Umwelt formten, in der Verbraucher persönliche Entscheidungen träfen, dann bewege die Europäische Kommission sich von vereinfachenden und ineffektiven Zusatzbeschränkungen weg, die der Bewerbung von Nahrungsmittelprodukten auferlegt seien.
Nach Ansicht des Handelsverbandes EuroCommerce sei der Handelssektor mit dem Weißbuch zufrieden, das die Effektivität von Ansätzen anerkenne, die viele Stakeholder einbezögen, um gegen Fettleibigkeit vorzugehen. Freiwillige Initiativen seien als wichtige Instrumente anerkannt, um einen gesunden Lebensstil zu unterstützen.
EuroCommerce begrüße die Tatsache, dass die Kommission ihnen Zeit zugestehe, um Ergebnisse zu erzielen, bevor eine neue Gesetzgebung vorschlagen würde. Die Mitglieder von EuroCommerce vertrauten darauf, dass freiwillige Initiativen effektiver und geeigneter seien, den Verbrauchern zu verdeutlichen, dass sie von guter Ernähung und einem gesunden Lebensstil profitieren könnten.
Der Europäische Verbraucherverband (BEUC) bewertete die Strategie als ‚enttäuschend, nicht ehrgeizig und eine minimalistische Antwort auf die Probleme der Fettleibigkeit und ernährungsbezogenen Krankheiten’, die das Weißbuch selbst erwähne. Zur Nahrungsmittelwerbung für Kinder sei im Weißbuch die vage Rede von Partnerschaften und freiwilligen Maßnahmen sowie einer Überprüfung im Jahr 2010 – dann durch eine neue Kommission.
Wenn man das Weißbuch lese, habe man den Eindruck, dass Kyprianou und die Barroso-Kommission bereits festgelegt hätten, einen großen Teil der Arbeit ihren Nachfolgern zu überlassen. Diese würden zweifellos die Situation überprüfen wollen bevor eine Entscheidung gefällt würde, bedauerte der Direktor von BEUC, Jim Murray. Er forderte die Kommission auf, vor Ende ihrer Amtszeit wesentlich mehr zu unternehmen und zumindest einen ‚robusten Vorschlag für eine vereinfachte Nahrungsmittelkennzeichnung’ vorzulegen.