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Gesundheitsausgaben und Wirtschaft [DE]

Veröffentlicht 19. April 2006 - Aktualisiert 29. Januar 2010
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Angesichts der fortschreitenden Bevölkerungsalterung ist der Gesundheitszustand der Bürger im erwerbstätigen Alter ein zunehmend entscheidender Faktor für nachhaltige Produktivität und Wirtschaftswachstum – und damit für das Erreichen der Ziele der Lissabon-Strategie der EU. Die Tatsache, dass die Menschen ihre Produktivität nur steigern können, wenn sie auch physisch und mental gesund sind, ist bislang jedoch weitgehend vernachlässigt worden. Die Politiker betrachten Gesundheitsausgaben größtenteils noch immer als einen Kostenfaktor statt eine Investition in Humankapital.

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Zusammenfassung

  • In der EU-25 werden im Durchschnitt 7,76 % des BIP für Gesundheit ausgegeben. Die Ausgaben der EU-15 belaufen sich dabei auf durchschnittlich 8,5 % des BIP, während die neuen Mitgliedstaaten nur 5,8 % im Durchschnitt für Gesundheit ausgeben.  Um Informationen über die Ausgaben der einzelnen Mitgliedstaaten zu erhalten, klicken sie bitte hier.
  • Die häufigste Todesursache in Europa und den übrigen Industrienationen sind Herz-Kreislauf-Erkrankungen Herz-Kreislauf-Erkrankungen. Die Kosten hierfür belaufen sich jährlich auf 3 % des BIP (€ 135 Milliarden).  Aufgrund von Herz-Kreislauf-Problemen und hierdurch verursachte Unfälle verliert die Wirtschaft jährlich 500 Millionen Arbeitstage.
  • Über 27 % der europäischen Erwachsenen sind jedes Jahr von seelischen Erkrankungen  betroffen, was Produktivitätsverluste für die europäische Wirtschaft (bis zu 4 % des BIP) und andere soziale Kosten verursacht.
  • Tabakkonsum ist die häufigste vermeidbare Todesursache innerhalb der EU.  Schätzungen zufolge belaufen sich die Kosten der EU-Mitgliedstaaten, die durch Krankheit oder Tod in Folge des Tabakkonsums verursacht werden, auf jährlich ca. 1 % des BIP (€ 100 Milliarden).
  • Kürzlich veröffentlichte Schätzungen lassen die Schlussfolgerungen zu, dass 2 % bis 8 % der gesamten Gesundheitsausgaben in westlichen Staaten durch Fettleibigkeit  verursacht werden.  Die durch Fettleibigkeit verursachten Kosten belaufen sich in Europa jährlich auf 70 bis 150 Milliarden Euro.

Der Zusammenhang zwischen Gesundheit und Wirtschaft wurde bereits in mehreren Studien eingehend untersucht. Aus ihnen ging unter anderem hervor,  dass beispielsweise die Gesundheitsausgaben (16 – 27 %) einen vergleichsweise größeren Beitrag zu den Wachstumsraten liefern als die Ausgaben für das Bildungssystem (3 %) (Beraldo, Montolio und Turati) und dass sich Regierungen daher nicht vorrangig auf  wachstums- sondern auf gesundheitsfördernde Maßnahmen konzentrieren sollten (Garland L. Brinkley). 

In der Lissabon-Strategie (2000) kommen die Staats- und Regierungschefs der EU zu dem Schluss, dass die Gesundheit einen wesentlichen Beitrag zu Produktivität, Erhöhung der Erwerbsbeteiligung der erwerbstätigen Bevölkerung und Wirtschaftswachstum leisten kann und dass Maßnahmen und Ausgaben zur Vorbeugung von Krankheiten notwendig sind, um sowohl die gesundheitliche als auch wirtschaftliche Verfassung der Gesellschaft zu verbessern. 

Ein 2004 durchgeführter Reflexionsprozess über die zukünftige Gesundheitspolitik der EU ergab, dass sie in den kommenden Jahren insbesondere der  Bedeutung der Gesundheit als Motor des Wirtschaftswachstums Rechnung tragen sollte.   Durch diesen Prozess wurde ebenfalls deutlich, dass Synergien zwischen verschiedenen politischen Maßnahmen ausgebaut werden und dass Gesundheitsfragen bei allen politischen Maßnahmen berücksichtigt  werden sollten.

In dem Vorschlag  der Kommission für eine Gesundheits- und Verbraucherstrategie (2007 – 2013) heißt es, dass eine schlechte gesundheitliche Verfassung der Bevölkerung nicht nur die Kosten in die Höhe treibt und somit eine Belastung für die Wirtschaft darstellt, sondern auch dass eine bessere gesundheitliche Verfassung zur Produktivität Europas, Erwerbsbeteiligung der Bevölkerung sowie zu nachhaltigem Wachstum beiträgt.  

Debatte

Bekannt ist, dass in Entwicklungsländern ein klarer Zusammenhang zwischen der gesundheitlichen Verfassung der Bevölkerung und wirtschaftlicher Entwicklung besteht. Die Generaldirektion Gesundheit und Verbraucherschutz der Kommission hat im August 2005 eine Studie mit dem Titel „ The contribution of health to the economy in the European Union“ veröffentlicht, in der sie feststellt, dass es eine ähnliche Verbindung zwischen Gesundheit und Wirtschaftswachstum in wohlhabenden Ländern , wie beispielsweise der EU, gibt.  

Die Hauptaussage dieser Studie lautet, dass sich eine bessere Gesundheit auf verschiedene wirtschaftliche Ergebnisse positiv auswirken kann und dass sie nicht nur ein Nebenprodukt des wirtschaftlichen Fortschritts ist.  Diese Argumentation liefert politischen Entscheidungsträgern ein schlagkräftiges Argument für die Aufstockung der Gesundheitsausgaben..

Einfluss der Gesundheit auf folgende wirtschaftliche Faktoren:

  • Bildung:  Gesündere Kinder nehmen regelmäßiger am Unterricht teil und können sich kognitiv besser entwickeln, was sich positiv auf den allgemeinen Wissenstand in der Bevölkerung (Humankapitalakkumulation) auswirkt .
  • Produktivität:  Die Produktivität gesunder Arbeitnehmer ist höher als die von Arbeitskräften , die in schlechter gesundheitlicher Verfassung sind .
  • Erwerbsbeteiligung:   der sich derzeit abzeichnende demographische Wandel in der EU wird sich stark auf die Anzahl der arbeitsfähigen Bevölkerung auswirken.  Des Weiteren werden ältere Menschen aufgrund ihres schlechten Gesundheitszustandes dazu gezwungen sein vorzeitig in den Ruhestand zu treten, woraufhin in Folge der sinkenden Geburtenraten die Anzahl der arbeitsfähigen Bevölkerung, welche die Wirtschaft aufrecht erhält, weiter sinken wird.

Mögliche Lösungsansätze:

  • Verringerung vermeidbarer Krankheiten:  In den Industrieländern sind Krankheiten oft   auf Faktoren wie n Fettleibigkeit oder Herz-Kreislauf-Störungen  zurückzuführen, welche in den meisten Fällen vermeidbar sind.  Daher sollten sich diese Länder stärker auf eine effektivere Prävention konzentrieren, um notwendige Behandlungen in einem späteren Stadium zu erleichtern oder gar zu vermeiden.
  • Gesundheitsinvestitionen in verschiedenen Bereichen: Viele der nicht übertragbaren und vermeidbaren Krankheiten sind häufig auf den Lebensstil zurückzuführen.  Dies bedeutet, dass Gesundheit, Bildung und kulturelle Faktoren eng miteinander verknüpft sind und dass deswegen in einer Reihe unterschiedlicher Bereiche angesetzt werden muss – vor allem auch in anderen Bereichen als den traditionellen Gesundheitssystemen.

Stellungnahmen

Pfizer ist der Ansicht, dass die Gesundheitssysteme durch den effektiveren Einsatz neuartiger Medikamente, welche die Krankheitsziffer senken und teure Krankenhausaufenthalte verringern, eine bessere Kapitalrendite erwirtschaften könnte.  Pfizer betont ebenfalls die Bedeutung der Erforschung verbreiteter  Krankheiten wie beispielsweise Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Diabetes und psychische Krankheiten. 

GlaxoSmithKline (GSK), ebenfalls ein pharmazeutisches Unternehmen, betont die Schlüsselrolle der Pharmaindustrie als Partner von Regierungen, Ärzten und Patienten bei der Aufgabe, die Gesundheit der Menschen zu verbessern.  GSK verweist des Weiteren auf den potenziellen Beitrag, welchen die Forschung, Innovation und die Nutzung führender neuer Technologien bei klinischen Behandlungen leisten könnte.  Das Unternehmen geht davon aus, dass die zukünftig Herausforderung aller Regierungen vor allem darin bestehen wird, einen Ausgleich zwischen der Honorierung von Innovation, Kostenmanagement und einer schnellen und optimalen Behandlung von Patienten zu finden.

Die Europäische Föderation der Verbände der Pharmazeutischen Industrie (EFPIA) vertritt die Ansicht, dass die nationalen Regierungen Vorschlägen zur Verbesserung der regionalen Gesundheitssysteme eine größere Beachtung schenken sollten, die auf strukturelle Reformen bei der Finanzierung und den Leistungen abzielen sowie auf höhere Investitionen in einige Bereiche. Des Weiteren fordert sie von der Kommission, an EU-Projekten beteiligten Personen, die auf regionaler Ebene in der Gesundheitspflege leitend tätig sind, Leitlinien, Koordinierungshilfe und Fachwissen zur Verfügung zu stellen. Im Allgemeinen hebt EFPIA die bedeutende Funktion der Pharmaindustrie hervor, welche durch die Entwicklung lebensrettender und -verlängernder Medikamente dabei hilft, den Erwartungen der Patienten gerecht zu werden.

Die European Generic Medicines Association (EGA) argumentiert, dass die zukünftigen Gesundheitskosten, welche aufgrund des demographischen Wandels voraussichtlich dramatisch steigen werden, durch eine zunehmende Verschreibung von Generika eingedämmt werden könnten.  Die Preise für Generika liegen laut der EGA im allgemeinen 20 % bis 80 % unterhalb der Preise für Markenprodukte.

Das Europäisches Bündnis für öffentliche Gesundheit (EAOG) ist der Ansicht, dass die Forderung der Kommission nach Mehrausgaben für die  Gesundheit nicht als stärkere Investition in die Gesundheitssysteme oder die Pharmaindustrie interpretiert werden dürfe. Stattdessen sollten die verfügbaren Mittel verstärkt für Prävention und Aufklärung ausgegeben werden. Im EU-Finanzrahmen 2007 – 2013 wrd der Zusammenhang, der   zwischen einer gesunden Bevölkerung und einer gesunden Wirtschaft besteht, außer Acht gelassen. 

Die European Union of Private Hospitals (UEHP), welche die Privatkliniken vertritt, betont die Bedeutung des Privatsektors bei der Kürzung der Wartelisten der Krankenhäuser in vielen europäischen Ländern.

Der Ständige Ausschuss Europäischer Ärzte (CPME) ist der Ansicht, dass eine Stärkung der Rolle der Generaldirektion der Kommission im Bereich des Gesundheits- und Verbraucherschutzes (SANCO) notwendig ist, um sicher zu stellen, dass den Gesundheitsfragen mehr Aufmerksamkeit geschenkt wird.  Des Weiteren sollten der Generaldirektion SANCO mehr Rechte und Pflichten zugestanden werden, welche es ihr ermöglich alle politischen Maßnehmen, die die Gesundheit betreffen, zu beeinflussen.

Schicken sie uns ihre Meinung an health@euractiv.com.

Zeitplan

  • April 2005: Mit dem Vorschlag für ein gemeinsames Gesundheits- und Verbraucherschutzprogramme (2007 – 2013) betont die Kommission die Notwendigkeit, die gesunden Lebensjahre (Healthy Life Years (HLY)) durch die Vermeidung von Erkrankungen und die Förderung von körperlicher Bewegung möglichst weit ins Alter hinein zu verlängern.
  • August 2005:  Die Generaldirektion der Kommission für Gesundheits- und Verbrauerschutz hat eine Studie mit dem Titel "The contribution of health to the economy in the European Union" veröffentlicht.
  • November 2006: Die Oxford Health Alliance veröffentlichte einen Bericht mit dem Titel Chronic disease: an economic perspective, in dem sie behauptet , dass chronische Krankheiten bis 2015 sowohl in den Industrienationen als auch in den Entwicklungsländern die häufigste Todesursache sein werden.
  • Juni 2007Konferenz über 'Health and Wealth in Europe - the contribution of medicines'.
  • Juni 2008: Die europäische Ministerkonferenz der WHO nahm The Tallinn Charter: Health Systems for Health and Wealth an.

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