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Airbus: Proteste gegen Streichung von 10.000 Arbeitsplätzen [DE][en][fr

Erschienen: Freitag 2. März 2007   

Der europäische Flugzeugbauer Airbus hat angekündigt, 10.000 Stellen in Frankreich, Deutschland, Großbritannien und Spanien abbauen zu wollen, um im Wettbewerb mit dem US-Unternehmen Boeing mithalten zu können. Diese Ankündigung wurde von Gewerkschaften europaweit mit Protesten aufgenommen.

Hintergrund:

Nach einem schwarzen Jahr 2006 hat der europäische Flugzeugbauer Airbus, der weltweit größte Flugzeugbauer vor Boeing, angekündigt, dass umfassende Umstrukturierungen dazu führen könnten, dass 10.000 Arbeitsplätze verloren gingen.

Im letzten Jahr war das Unternehmen von mehreren Umwälzungen im Management sowie von dem schwachen Dollar, die Währung, in der die Flugzeuge der zivilen Luftfahrt verkauft werden, obgleich die Produktionskosten in Euro gezahlt werden, betroffen.

Des Weiteren hat eine zweijährige Verspätung des A380 Super-Jumbos – einst von der Europäischen Kommission als „Symbol dafür, was Europa erreichen kann, wenn es trotz starkem Wettbewerb und Hightech-Unternehmen gemeinsam arbeitet“ – ein Loch von fünf Mrd.  Euro in den Verdienst des Mutterunternehmens EADS (the European Aeronautic Defence and Space Company), das 80% der Airbus-Aktien besitzt, gerissen.

Die derzeitigen Schwierigkeiten scheinen größtenteils auf die komplexen Unternehmensstrukturen von Airbus zurückgeführt werden zu können – die Machtkämpfe zwischen Managern und die Einmischung seitens der französischen und deutschen Regierung haben das Unternehmen von seinen eigentlichen Tätigkeit abgelenkt.

Der französische Staat besitzt 15% der EADS-Aktien und die französische Unternehmensgruppe Lagardere SCA weitere 7,5%. Während die deutsche Regierung keinen direkten Anteil an EADS besitzt, verfügt die DaimlerChrysler AG über 22,5% der Stimmrechte und Berlin als größter Kunde für Militäraufträge nimmt großen Einfluss auf die Entscheidungsfindung bei EADS. 

Weitere Nachrichten:

Der Chef von Airbus, Louis Gallois, hat angekündigt, dass voraussichtlich 4.300 Stellen in Frankreich gestrichen werden. In Deutschland würden 3.700 Stellen wegfallen und in Großbritannien und Spanien jeweils 1.600 und 400 im Laufe der kommenden vier Jahre. Ungefähr die Hälfte der Stellen würde innerhalb des 57.000 Mitarbeiter umfassenden Unternehmens wegfallen, die restlichen beträfen andere Unternehmen, die für Airbus arbeiten, und die derzeit ca. 30.000 Beschäftigte stellen.

Das Unternehmen hat angekündigt, versuchen zu wollen, Entlassungen  durch freiwillige Regelungen wie Frühverrentung zu umgehen, jedoch wollte es keine festen Zusagen machen. Sollten diese Regelungen in den kommenden 12 bis 18 Monaten nicht die erwünschte Reduzierung erzielen, müssten weitere Maßnahmen in Betracht gezogen werden, so Airbus.

Die Ankündigung löste unmittelbare Reaktionen seitens der Arbeitnehmer in Frankreich und Deutschland aus, die spontan die Arbeit niederlegten. Gemeinsame Maßnahmen sind in Planung. 

Bisher ist noch keine darüber Entscheidung gefallen, welches (wenn es soweit käme) der 16 Airbus-Werke in Großbritannien, Spanien, Deutschland oder Frankreich geschlossen würde – vor allem, weil sich die betroffenen Länder in dieser Frage nicht einigen konnten.

Die vier EU-Mitgliedstaaten müssen nun entscheiden, ob sie Mittel aus dem 500-Millionen-Globalisierungsfonds der EU beantragen wollen, eine Möglichkeit, die seit dem 1. Januar 2007 besteht. Der Fonds zielt darauf ab, Unterstützung zu leisten, in Fällen, in denen über 1000 Beschäftigte aufgrund von „großen strukturellen Änderungen im Welt-Handelssystem“ entlassen werden (EurActiv vom 14.12. 2006).

Die Entlassungspläne gehören zu einem großen Umstrukturierungs-Programm, das am 28. Februar 2007 vorgelegt wurde und den Namen Power8 trägt. Es zielt darauf ab, Airbus – dessen derzeitige finanzielle Situation nach eigener Einschätzung „nicht nachhaltig“ ist – im Hinblick auf den zunehmenden Wettbewerbsdruck effizienter zu gestalten. 

Airbus setzt darauf, dass die Kostensenkung bis 2010 insgesamt fünf Mrd. freisetzen wird. Diese Mittel werden benötigt, um ein neues Großflugzeug (A350) entwickeln zu können, das den Wettbewerb mit dem neuen Boeing-Modell, 787 Dreamliner, aufnehmen kann.

Der Wettbewerb zwischen den beiden Unternehmen ist sehr stark. Seit 1999 ist es Airbus gelungen, den amerikanischen Wettbewerber zu übertreffen. 2006 hat das US-Unternehmen aufgrund der Schwierigkeiten bei Airbus jedoch wieder aufholen können und viele Lieferaufträge sicherstellen können.

Frankreich hat am 1. März 2007 angekündigt, dass es Airbus finanzielle Hilfe in Höhe von 100 Millionen Euro zukommen lassen wird, um die Entwicklung von Kohlenstofffaser-Verbundmaterialien voranzutreiben, die ausschlaggebend sind für die Entwicklung des neuen A350-Modells.

Die Gefahr besteht, dass sich der Konflikt mit den USA, der bereits aufgrund der Unstimmigkeiten innerhalb der WTO über Subventionen besteht, weiter zuspitzt. Die USA haben die EU und die vier betroffenen Länder davor gewarnt, dass Regierungsgelder für Airbus internationales Regelwerk verletzen würden (EurActiv vom 16.11. 2006).

Positionen:

Der Geschäftsführer von Airbus, Louis Gallois, sagte, Airbus tue nun etwas verspätet das, was andere Unternehmen auch getan hätten. Er kritisierte den starken Euro und sagte, dass sich die Euroeinführung zugunsten der europäischen Verbraucher ereignet habe, die Hersteller jedoch möglicherweise davon nicht vollständig profitieren könnten. Gallois fügte hinzu, Airbus könne nicht weiter bei den derzeitigen Eurokosten produzieren und zu den Dollarpreisen Boeings verkaufen.
Gallois sprach sich dafür aus, den „vergifteten Kampf“ über in Konkurrenz stehende nationale Interessen zu beenden. Es müsse darum gehen, sich für die Zukunft von Airbus zu interessieren, wozu es eines integrierten Unternehmens bedürfe.

Wie Gallois weiter ausführte, werde er sich auch mit den Gewerkschaftsführern treffen, um sie davon zu überzeugen, dass der Plan funktionieren werde und Streikmaßnahmen nur weiteren Schaden anrichten würden.

Verkehrminister Jacques Barrot forderte Airbus am 1. März 2007 dazu auf, frei von politischer Einmischung zu agieren und sagte, jetzt müsse der Preis schlechter Governance gezahlt werden, indem sich mehrere Regierungen einmischten, anstelle Vertrauen in das Unternehmen zu zeigen.  

Gleichzeitig kündigte der französische Premierminister Dominique de Villepin an, dass seine Regierung weiter 100 Mio. Euro in das Unternehmen stecken werde.
Die großen Anteilseigner der Gruppe, die Franzosen und die Deutschen, hätten eine wichtige Entscheidung getroffen – die Herstellung des A350. Dieses Projekt würde dem Unternehmen eine tatsächliche industrielle Zukunft sichern. Dies sei der Schlüssel dafür, um eine starke Luftverkehrsindustrie in Europa zu halten. Dafür seien Umstrukturierungen nötig, so de Villepin. Der Plan sei notwendig, um definitiv der Situation der Unsicherheit ein Ende zu setzen und sich auf die Zukunft vorzubereiten, sagte der Premierminister. 

Gleichzeitig kritisierte der Parteichef der französischen Sozialisten, François Hollande, die französische Regierung scharf dafür, dass sie die Krise hervorgerufen hätte. Die seit 2002 im Amt befindliche Regierung sei ihrer Verantwortung nicht nachgekommen, wachsam zu sein, zu überwachen und das Personal zu benennen, so Hollande.

Die französische Präsidentschaftskandidatin Segolène Royal fügte hinzu, dass sie im Falle ihrer Wahl um Unterstützung von der deutschen Bundeskanzlern Angela Merkel werben werde, um den Abbau von Arbeitsplätzen rückgängig zu machen und das gesamte Management des Unternehmens von Grund auf umzustrukturieren, um die sich in dem in Frankreich basierten Unternehmen abspielende Krise zu lösen. 

Dennoch sagte Merkel, das Unternehmen müsse wieder wettbewerbsfähig werden, auch wenn dies mit harten Umständen für die Beschäftigten verbunden sei.

Deutschland schien mit dem Plan zufrieden sein. Der deutsche Wirtschaftsminister Michael Glos sagte, der Plan würde die Kosten der Kürzungen fair unter den nationalen Investoren aufteilen und die künftige Produktion und Entwicklungskapazität in Deutschland sicherstellen. 

Die Arbeitnehmer schätzten die Situation anders ein. Rüdiger Lütjen, Gesamtsbetriebsratsvorsitzender von Airbus-Deutschland, sagte, es wird um jeden Arbeitsplatz gekämpft werden. 

Die Gewerkschaft werde nun mit der Belegschaft über die nächsten Schritte sprechen, sagte Jutta Blankau von der deutschen Gewerkschaft IG Metall und fügte hinzu, dass der Kampf um die Zukunft von Airbus erst begonnen habe.

Julien Talavan, ein Sprecher der französischen Gewerkschaft Force Ouvrière wiederholte diese Gedanken und sagte, dies sei erst der Anfang. Er beschuldigte die französische Regierung, dass sie nicht genug unternehme, um die französische Industrie zu schützen und brachte sein Bedauern zum Ausdruck, dass Arbeitsplätze in Toulouse und nicht am deutschen Standort Hamburg verloren gehen würden. 

Im Vorfeld der Ankündigung des Power8-Plans sagte Jean-François Knepper, Chef von Force Ouvrière Toulouse, dass Deutschland für die Umstrukturierung verantwortlich sei. Er sagte, wenn Airbus ein Baum wäre, hätte Frankreich die blühenden Zweige. Müssten abgestorbene Zweige entfernt würden, wären diese nicht in Frankreich zu finden, so Knepper. 

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