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EU enthüllt 5-Jahres Plan für digitale Wirtschaft

Veröffentlicht 19. Mai 2010 - Aktualisiert 05. Januar 2011
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Die Vize-Präsidentin der Europäischen Kommission, Neelie Kroes stellte heute (19. Mai) die Strategie zur Schaffung einer „virtuosen und selbst replizierenden digitalen Wirtschaft“ vor. Der Fünfjahresplan konzentriert sich auf die Infrastruktur für High-speed Internet und fördert einen grenzenlosen Markt für Onlinemusik und –filme.

Kroes, die die “Digitale Agenda“ der Kommission seit nunmehr fast drei Monaten behandelt, präsentierte einen 39 Seiten starken Plan zur Förderung der digitalen Wirtschaft.

Der Plan zielt darauf ab, „die Interessen der europäischen Bürger und Unternehmen an die Spitze der digitalen Revolution zu stellen und das Potential der Informations- und Kommunikationstechnologien (IKTs) zu maximieren, um die Schaffung von Arbeitsplätzen, Nachhaltigkeit und soziale Inklusion zu stärken“, sagte Kroes in einem Statement.

Einen Binnenmarkt für den kulturellen Inhalt und die Innovationen der EU, mit vollständig kompatiblen Standards und einer größeren Netzwerksicherheit, zu schaffen, sei ebenfalls ein Punkt auf der Liste der politischen Prioritäten der Kommissarin.

Es wird erwartet, dass demnächst ein Vorschlag zu High-speed Netzwerken vorgelegt wird, da frühere Bemühungen aufgrund von Druckausübung durch aufgebrachte Lobbys gescheitert waren (EurActiv 03.03.10). 

Die Kommissarin hat außerdem gelobt, dieses Jahr das Schreckgespenst der Rechteverwaltung in der EU durch ein pan-europäisches System der Kontrolle von Lizenzgebührzahlungen für die Nutzung von kreativen Inhalten wie Musik und Filmen anzugehen.

Im Folgenden eine Liste weiterer Ziele, die im heutigen Plan vorgestellt wurden:

  • Ultra-schnelles Breitband bis 2020: 50 Prozent der europäischen Haushalte sollten Abonnements oberhalb von 100 Mbps haben (keine Standlinie).
  • Förderung von e-commerce: 50 Prozent der Bevölkerung soll bis 2015 online einkaufen
  • Transnationaler e-commerce: 20 Prozent der Bevölkerung soll bis 2015 grenzüberschreitend online einkaufen.
  • Binnenmarkt für Telekommunikationsdienstleistungen: der Unterschied zwischen Roaming- und nationalen Tarifen sollte bis 2015 verschwunden sein.
  • Steigerung von IKT Forschung und Entwicklung: öffentliche Investitionen auf 11 Milliarden Euro verdoppeln.

Kritiker sagen, dass der Entwurf der Kommission eine vorsichtige Versöhnung von Lobbyisten und internen Besorgnissen ist, vor Allem bezüglich des Copyrights, das kürzlich zum Zankapfel zwischen Kroes und ihrem französischen Kollegen, dem Binnenmarktkommissar Michel Barnier, Vertreter eines harten Durchgreifens bei Urheberrechtsverletzungen, geworden ist.

In den letzten Stunden widerstand Kroes Druck von Barnier, eine harte Linie bei Urheberrechtsverletzungen anzunehmen, so Quellen nahe der Kommission.

Die EU-Exekutive hat seit langem versucht, Regeln zu schaffen, um das Raubkopieren von geistigem Eigentum zu verhindern und ist außerdem in internationale Handelsgespräche involviert, um ein Abkommen zur Bekämpfung von Produkt- und Markenpiraterie (ACTA) zu schaffen (EurActiv 22.03.10). 

Von EurActiv eingesehene Entwürfe zeigen, dass die Formulierungen zu möglichen neuen Gesetzen zur Bekämpfung von Urheberrechtsgesetzen abgemildert wurden und dass, soweit Kroes betroffen ist, vor 2012 nichts geschehen wird.

Dennoch hat Barnier – ein Franzose – den Text  der EU Richtlinie zur Durchsetzung der Rechte des geistigen Eigentums (IPRED) eine Zeit lang auf seinem Schreibtisch gehabt und wird bald eine Revision vorschlagen.

Kroes’ hat für ihre Entscheidung, Barniers Position zu übergehen, Lob und auch harsche Kritik von Industriequellen erhalten, die behaupten, sie werde wenig tun um Asiens Dominanz in den IKT zu behandeln, ohne strengere Regeln für die Umsetzung von Urheberrechtsschutz aufzulegen.

Der Bericht bekennt, dass nur eine von neun IKT Anwendungsfirmen in der Liste der Globalen 500 der Financial Times europäisch ist und nur vier der 54 in Europa am häufigsten besuchten Webseiten europäischen Ursprungs ist.

„Haben wir billige Arbeitskräfte in Europa? Nein. Wir haben geistiges Kapital, das, wenn es gut beaufsichtigt wird, bedeutet, dass es keine Notwendigkeit gibt, unseren relativen Vorteil zu schützen“, sagte Franciso Mingorance von der Business Software Alliance – eine Handelsgruppe – EurActiv, Kroes’ Entscheidungen kritisierend.

Mingorance bezieht sich auf ein chinesisches Gesetz, dass von den EU Lobbys im IKT-Bereich als protektionistisch und schädigend für europäische Innovation verurteilt wurde.

Die Beschaffungen des Gesetzes setzen fest, dass mindestens Teile eines Produkts oder einer Technologie von ausländischen Firmen hausgemacht sein müssen, um Zugang zum chinesischen Markt zu erreichen (EurActiv 10.12.09). 

Stellungnahmen: 

Die deutsche liberale Europaabgeordnete und Vize-Präsidentin des Europäischen Parlaments Silvana Koch-Mehrin (ALDE) hieß den Plan der Kommission willkommen. Sie nimmt ein reges Interesse an der digitalen Wirtschaft und sagte: „Es ist gut, dass Kommissarin Kroes schnell vorangekommen ist mit diesem wichtigen und umfassenden Dokument. Der Text stellt klar, dass Europa jetzt Impulse für Wachstum braucht, die insbesondere aus der digitalen Wirtschaft kommen können. Wir müssen neue Quellen zur Förderung der Wirtschaft intensiv erforschen, deshalb sollte die Europäische Union auf zusammenhängende Art vorgehen, zum Beispiel durch die Schaffung eines digitalen Binnenmarkts.“

„Ein voll funktionierender Binnenmarkt würde Verbrauchern und Unternehmern dienen, indem er größere Auswahl, niedrigere Preise und höhere Breitbandgeschwindigkeiten bringt“, so Hubertus Von Roenne, Vorsitzender des Europäischen Verbandes der Wettbewerbstelekommunikation (ECTA).

In einem Kommentar zur Digitalen Agenda der Kommission sagte Frédéric Donck, Direktor des Europäischen Büros der Internet-Gesellschaft (ISOC): „Dieses mit Spannung erwartete erste Flaggschiff der 2020-Strategie der Kommission beinhaltet willkommenes Vorgehen zu Dialogfähigkeit und Netzwerkvertrauen.“

„Beim Angehen der Fragen der Cyber-Sicherheit möchten wir die Kommission und die Mitgliedsstaaten dazu ermutigen, sich primär auf die Umsetzung von Gesetzen zu konzentrieren, die bereits in der nicht-digitalen Welt existieren, anstatt uns auf die Schaffung neuer legaler Systeme zu konzentrieren, die kriminelles Verhalten nur im Cyber-Raum betreffen. Europäische Politiker und Regierungen sollten auch mit der Internet-Gemeinschaft zusammenarbeiten, um sicherzustellen, dass Nutzer die Informationen und Fähigkeiten haben, die sie brauchen, um das Internet sicher und legal zu nutzen“, so Doncks Stellungnahme.

„Wir liefern heute tatsächlich superschnelle Breitbandnetzwerke und sehen eine sich schnell ausbreitende Reichweite unter unseren 72 Millionen Kunden in ganz Europa. Wir wollen mehr Bürger erreichen und die EU will uns dabei helfen“, sagte Cable Europe Präsident Manuel Kohnstamm.

„Wir teilen die strategischen Ziele der Kommission und wir werden Schritt halten mit der Digitalisierung Europas. Unsere kontinuierlichen Netzwerk-Investitionen drängen unsere Konkurrenten“, so Kohnstamm.

„Die ganze digitale Agenda ist das teilweise mehrdeutige Resultat von andauernden Spannungen innerhalb der Kommission, aber es zeigt auch den intensiven Druck auf, der von den Lobbys der Firmen kommt. Während Teile der Agenda enttäuschend sind für die Nutzer der offenen Standards und der kostenlosen Software, sind die Vorschläge insgesamt ermutigend“, sagte Jérémie Zimmermann, Sprecher der Bürgerinteressengruppe La Quadrature du Net.

„Nachdem das gesagt ist, sollte man hinzufügen, dass die digitale Agenda nicht bindend ist für zukünftige EU-Gesetzgebung. Sie sollte eine Einladung sein für jeden Bürger, sicherzustellen, dass dieses konstruktive Dokument in ein kontinuierliches Engagement gegenüber dem öffentlichen Interesse verwandelt wird. Wir gratulieren Frau Kroes und hoffen, dass sie stark bleiben wird gegen spezifische Interessen, um den Weg zu ebnen für eine wahre Wissensgesellschaft, die die fundamentalen Freiheiten der Menschen respektiert“, fügte Zimmerman hinzu.

Das Europäische Komitee für Dialogfähige System (ECIS) hieß die harte Ansicht der Kommission zur Schaffung von dialogfähigen Standards in der IKT auch willkommen. „Wie unser Name es anzeigt, ist Dialogfähigkeit ein zentraler Punkt für unsere Gruppe“ sagte Thomas Vinje, Berater und Sprecher von ECIS.

„Wir freuen uns, dass die Kommission breite Unterstützung für Dialogfähigkeit gegeben hat, und sind dankbar, dass sie glaubt, der Kauf von Software durch die Regierung sollte offenen Standards entsprechen“, so Vinje. Bridget Cosgrave, Generaldirketorin der Handelsgruppe DIGITALEUROPE, reagierte folgendermaßen: „Die digitale Agenda für Europa zusammen mit dem Bericht zur ‚Digitalen Wettbewerbsfähigkeit Europas’, der diese Woche von der Kommission veröffentlicht wurde, sollten auf der Leseliste für alle Minister in allen Mitgliedsstaaten stehen.“

„Zusammen mit Programmen zur Haushaltskürzung sollten wir digitale Agenden von allen EU-Staatsoberhäuptern vorgestellt bekommen“, sagte Cosgrave.

Ross Biggam, Generaldirektor von dem Verband Association of Commercial Television Europe, sagte: „Es gibt in diesem Dokument sehr wichtige Initiativen, auf Basis derer wir sehr gerne mit den EU-Institutionen zusammen arbeiten wollen. Insbesondere freuen wir uns auf die Gelegenheit, der Kommission im Kontext des neuen Grünbuchs zu audiovisuellen Inhalten zu erläutern, wie Urheberrecht sich entwickelt – wie es das tatsächlich seit 300 Jahren tut – um die neuen technologischen Herausforderungen zu bewältigen.

Jonathan Zuck, Präsident des Verbands Association of Competitive Technologies, sagte: „Europäische digitale Dienstleistungen und Produkte zu entwickeln ist entscheidend. Europäische KMUs sind nicht nur Nutzer sonder oft auch Pioniere in der Entwicklung von neuen und originellen Dienstleistungen die kritisch für Beschäftigung, Wettbewerbsfähigkeit und Wachstum in der EU sind. Wenn wir über unsere digitale Zukunft sprechen, dann müssen innovative KMUs ein zentraler Punkt sein. Politik sollte Nutzer und Konsumenten schützen, doch es sollte auch innovative Urheber hinter den erfolgreichen Technologien fördern.“

“ETNO spendet Beifall dafür, dass der Fokus auf der Notwendigkeit liegt, den Einsatz von schnellem und sehr schnellem Kabel- und kabellosem Breitbandnetzwerken zu beschleunigen und Anregungen für private Investoren zu verstärken“, sagte Michael Bartholomew, Direktor des European Telecommunications Network Operators Verbands (ETNO).

„Die bevorstehende NGA-Empfehlung sollte die Prioritäten der Digitalen Agenda reflektieren, indem sie einen gezielteren Regulierungsansatz für die nächste Generation der Zugangsnetzwerke ermöglicht. Jeglicher Regulierungsansatz für NGA sollte die hohen Investitionsrisiken und die wechselnden Wettbewerbslevel in unterschiedlichen geographischen Regionen in Betracht ziehen und eine faire Aufteilung der Risiken zwischen Investoren und Nutzern fördern“, fügte Bartholomew hinzu.

Die European Broadcasting Union hieß den Plan der Kommission, Urheberrechtsangelegenheiten, Management und transnationale Lizenzvereinbarungen zu vereinfachen, willkommen.

„Die Modernisierung des aktuellen Urheberrechtssystems für audiovisuelle Medien würde Innovation ermutigen und sicherstellen, dass das Publikum legalen Zugang zu Medieninhalten auf einer Reihe von neuen digitalen Plattformen hat, wodurch die Entwicklung einer erfolgreichen Digitalen Agenda vereinfacht würde“, sagte die EBU.

Bei der Erneuerung des bestehenden Rahmens bestand die EBU darauf, dass die Kommission einen sektoriellen Ansatz annehmen solle, die alle Inhaber von Rechten respektieren würde.

„Mit großem Interesse und Erwartungen nehmen wir die Pläne der Europäischen Kommission zur Kenntnis, Dialogfähigkeit, Inklusion und Konsumentenvertrauen zum Kern des digitalen Binnenmarkts zu machen“, sagte Stephen Russell, Generalsekretär der Konsumentengruppe ANEC.

„Insbesondere heißen wird die Annahme des Prinzips der „designten Privatsphäre“ willkommen, die sicherstellen soll, dass die Grundrechte der Privatsphäre und des Datenschutz respektiert werden“, fügte Russell hinzu.

„Es ist ein gut strukturierter Plan, der die Rolle aller Akteure in der Digitalen Agenda wahrnimmt“, sagte Martin Whitehead, Direktor des Europäischen Verbands für die mobile Telekommunikationsindustrie, GSMA Europe.

„Insbesondere zu dieser Zeit möchten wir die Notwendigkeit für die Festsetzung eines Datums erneut betonen, bis zu dem die EU-Mitgliedsländer sich darauf festlegen, harmonisierte 790-852 MHz digitale Dividenden zu veröffentlichen mit Frequenzbändern für kabellose Breitbanddienstleistungen – da dies einen der Schlüsselfaktoren darstellen wird, durch den die digitale Wirtschaft aufblühen wird“, sagte Whitehead.

Hintergrund : 

Am 1. Juni 2005 präsentierte die Europäische Kommission einen i2010 Aktionsplan, der heute noch in Kraft ist. Unter dem Titel „Eine europäische Informationsgesellschaft für Wachstum und Arbeit“ definiert dieser neue strategische Rahmen die allgemeinen politischen Richtlinien für die Informationsgesellschaft und Medien.

Eine der Prioritäten von i2010 ist es, eine „digitale Lücke“ zwischen den reichsten und ärmsten Regionen in der EU – die seltener Zugang zum Internet oder neuen digitalen Dienstleistungen haben – und zwischen Mitgliedsstaaten zu vermeiden.

Für seine zweite Amtszeit hat der Präsident der Europäischen Kommission, José Manuel Barroso ein neues Portfolio für „Digitale Agenda“ geschaffen, das an Neelie Kroes gegeben wurde.

Kroes war Wettbewerbskommissarin in der vergangenen EU-Exekutive und leitete die Monopolermittlungen bei den IKT-Industriegiganten Intel und Microsoft, die Rekordsummen an Strafen aufgrund Monopolanschuldigungen zahlen mussten (EurActiv 14.05.09). 

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