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Supermärkte sollen Debatte über Nanotech-Lebensmittel anführen [DE]

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Veröffentlicht 20. Januar 2010, aktualisiert 15. April 2013

Große Supermarktketten wie Tesco und Carrefour sollten die Verbraucher auf Innovationen in der Lebensmittelbranche vorbereiten. Dies fordert ein hoher Beamter in der Direktion der EU-Kommission für Gesundheit und Verbraucherschutz.

Robert Madelin, Generaldirektor der GD SANCO in der Europäischen Kommission, sagte bei einem Treffen der Einzelhändler, dass Supermärkte bei der Erläuterung von Risiken und Nutzen neuer Entwicklungen wie der Nanotechnologie offener sein sollten. Unter Hinweis auf das Fiasko in den 1990ern bei gentechnisch veränderten Lebensmitteln sagte er, dass Supermärkte der Masse folgten anstatt die Führung zu übernehmen.

„Bei der Gentechnik sind die Einzelhändler ihren Kunden gefolgt und haben die Waren aus den Regalen genommen. Bei anderen Technologien könnten sie die Führung übernehmen und die Diskussion vorbereiten. Ihre Aufgabe ist es, Innovationen anzustoßen“, sagte er bei einem Treffen des ‚European Retail Round Table’ am Montag (18. Januar) in Brüssel.

Madelin forderte die starken Einzelhändler dazu auf, eine langfristige Perspektive einzunehmen und sich zu fragen, wie ihre Rolle im Rahmen der 2020-Strategie der EU aussehen könnte.

Die Förderung von Innovationen in Europa sei müßig, wenn die Einzelhändler ihrer Rolle in der Auseinandersetzung mit der Öffentlichkeit nicht nachkämen. Die Entwicklung neuer Produkte mache keinen Sinn, wenn sich der Markt ihnen gegenüber verschließe.

„Der durchschnittliche Bürger ist der Wissenschaft nicht abgeneigt“, sagte er. Die Bürger wollten wissen, was die Vorteile seien und wie die Technologien zu ihren Werten passten. Große Unternehmen sei es jedoch nicht gelungen, den Konsumenten zu erzählen, was sie hören wollten. Nanotechnologie auf der Tagesordnung des neuen Nahrungsmittelforums „Wenn Sie auf die Nano-Debatte schauen, dann sehen Sie, wie die Industrie nach drei Jahren, in denen sie zu mehr Offenheit ermutigt wurde, immer noch Stillschweigen bewahrt“, sagte Madelin weiter. Das kommende Forum für Nahrungsmittelketten – das zu Ostern mit der Arbeit beginnen wird – könnte auf die Rolle des Einzelhandels bei der Innovation eingehen, kündigte Madelin an.

„Es wäre äußerst hilfreich,  wenn die Unternehmensführer über ihre Komfort-Zone hinaus tätig würden“, fuhr er fort. Einzelhändler sollten sich selbst fragen, was sie zur Unterstützung von Innovation täten.

Hohe Vertreter des Einzelhandels zögerten jedoch damit, sich auf eine politische Agenda festzulegen. Sie bevorzugen eine neutrale Haltung, solange sich diese nicht auf ihre Bilanzen auswirkt.

Stellungnahmen: 

Lars Olofsson, Geschäftsführer der Carrefour-Gruppe, sagte, Einzelhändler würden keine besondere Technologie fördern. Er stellte fest, dass die Kunden bei gentechnisch veränderten Lebensmitteln die Sicherheit und Notwendigkeit der Innovation klar anzweifelten. Carrefour verbannte gentechnisch veränderte Zutaten aus seinen Eigenmarken, woraufhin andere Hersteller dem folgten. 

Laut Terry Leahy, Geschäftsführer von Tesco, könne der Einzelhandel bei der Umsetzung sozialpolitischer Ziele zwar eine Rolle spielen, es wäre jedoch „unrealistisch zu erwarten, dass wir dies alleine tun.“

„Wir sind bereit, uns zu engagieren und Verantwortung zu übernehmen. Wir fordern lediglich, dass die Kommission, das Parlament und der Rat die richtigen Bedingungen dafür schaffen“, sagte er.

Dick Boer, geschäftsführender Vizevorsitzender von Royal Ahold, vertrat die Auffassung, dass der Einzelhandelsektor in den letzten Jahrzehnten ein Hort für innovative Tätigkeiten gewesen sei. „Innovationen in der Nahrungsmittelkette sollten nicht unterschätzt werden – lassen Sie uns nicht vergessen, was erreicht worden ist. 

Der Einzelhandel versucht nach wie vor, schneller und billiger zu arbeiten und den Verbrauchern niedrigere Preise anzubieten“, sagte er. Die in den Supermärkten verkauften Lebensmittel seien sicherer und frischer als je zuvor, fügte Boer hinzu. 

Monique Goyens, Generaldirektorin der EU-Verbraucherorganisation BEUC, sagte, man dürfe Innovationen nicht als Selbstzweck fördern. Technologischer Fortschritt müsse im Interesse gesellschaftlicher Bedürfnisse stattfinden.

Ihrer Ansicht nach sei die Öffentlichkeit der Wissenschaft nicht abgeneigt – so würden Verbraucher zum Beispiel jeden Tag High-Tech-Produkte einkaufen. Die Verbraucher würden sich jedoch bei allen Innovationen die Frage nach Risiken und Nutzen stellen. 

Dies stelle bei der Nanotechnologie ein Problem dar, weil mehr im Bereich der Risikobewertung getan werden müsse.

Ian Cheshire, Geschäftsführer des großen Baumarktbetreibers Kingfisher, sagte, die Industrie sei bereit, Verantwortung zu übernehmen und ihre Rolle in der Debatte über die Zukunft des europäischen Einzelhandels zu spielen. Er kritisierte jedoch, dass Einzelhändler nicht genügend Anerkennung bekämen.

„Man muss keinen weißen Kittel tragen, um innovativ zu sein“, sagte er unter Hinweis auf die großen Fortschritte, die in den Bereichen Datenverwaltung und Management der Versorgungsketten erreicht wurden. 

Hintergrund : 

Die Europäische Kommission begann im Oktober 2009 eine Untersuchung der Nahrungsmittelproduktion bezüglich ungerechter Vertragsbedingungen, die Kleinbauern von großen Handelsketten und anderen Käufern aufgezwungen werden. Dieser Schritt ist Teil eines Vorgehens, um künftige Preissteigerungen für Lebensmittel zu begrenzen und sicherzustellen, dass Landwirte einen gerechten Anteil am Preis der Endprodukte erhalten.

Als Teil der umfassenden Bemühungen, den Zustand im Lebensmittelbranche zu verbessern, hat die EU-Exekutive zudem die Einrichtung eines Forums zu Nahrungsmittelketten angekündigt. Das Forum wird zivilgesellschaftliche Vertreter, Regulierungsbehörden und Unternehmer aus der gesamten Lebensmittelbrauche zusammen bringen, um über den Zustand der Lebensmittelbranche zu diskutieren.

Die Debatte zur Anwendung von Nanotechnologie hat in jüngster Zeit auf der politischen Tagesordnung wachsende Bedeutung erlangt. So sagte der kommende Umweltkommissar Janez Potočnik – ehemaliger EU-Kommissar für Wissenschaft –kürzlich, dass die bestehenden Regulierungsvorschriften für Chemikalien zur Regulierung von Nanomaterialien sei.

Es gibt ebenfalls Berichte, nach denen Unternehmen, die Produkte mit Nanotechnologie verkaufen, diese Tatsache bewusst herunterspielen oder aus Angst vor einer Gegenreaktion der Verbraucher verbergen (EurActiv vom 15. Juni 2009).

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