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Während sich die europäische Wirtschaft in einer Boomphase befindet, scheint die soziale Realität daran nicht Anteil zu haben. Zu diesem Ergebnis kommen mehrere neue Berichte.
Im Vorfeld des Frühjahrsgipfels des Europäischen Rates, der am 8. und 9. März 2007 stattfindet, häufen sich die positiven Meldungen bezüglich der Zukunft der europäischen Wirtschaft. Dennoch scheinen die Erwartungen der Europäer im Hinblick auf ihre künftige persönliche Lage und ihren Arbeitsplatz eher düster zu sein.
Der von BusinessEurope veröffentlichte Spring 2007 Economic Outlook
für die Europäische Union prognostiziert ein EU-weites Wirtschaftswachstum von 2,5% in den Jahren 2007 und 2008. Gleichzeitig sagt der Bericht einen Anstieg der Beschäftigungsrate um 1,2 bis 1,3% jährlich voraus, womit sich die Arbeitslosenrate im Jahr 2008 bei 7% bewegen würde. Auch der Stundenlohn wird laut BusinessEurope um 3% pro Jahr steigen.
Der gemeinsam von der Allianz Dresdner Economic Research and dem Think-Tank Lisbon Council veröffentlichte European Growth and Jobs Monitor
kommt zu ähnlich optimistischen Einschätzungen. Europa habe letztlich nach enttäuschenden Jahren die Wende erreicht. Die Erreichung der Lissabon-Ziele sei nun näher, als viele vorhergesagt hätten. Ursächlich dafür sei, so der Bericht, die derzeitige schnellere Steigerung der Beschäftigtenproduktivität, die hauptsächlich vom Wirtschaftszyklus abhänge, jedoch eher von „strukturellen Verbesserungen“ hervorgerufen würde.
Der Bericht betont, dass trotz der glanzlosen wirtschaftlichen Aktivität zwischen 2001 und 2005 über 10 Millionen Arbeitsplätze in der EU-15 seit der Einsetzung der Lissabon-Agenda entstanden seien. Laut Bericht stiegen die Beschäftigungszahlen, auch wenn es unwahrscheinlich sei, dass die für 2010 anvisierte Beschäftigungsrate erreicht werden könne. Die Steigerung sei ohne die eher gemäßigte Entwicklung der Arbeitskosten und die größere Flexibilität auf dem Arbeitsmarkt nicht möglich gewesen.
Gleichzeitig scheint das Vertrauen der Bürger, dass die wirtschaftliche Erholung auch sie bald erreichen werde, viel geringer zu sein. Eine spezielle Eurobarometer-Erhebung 'European social reality'
kommt zu dem Ergebnis, dass nur 41% der Europäer daran glaubten, dass sich ihre persönliche Lage in den nächsten fünf Jahren verbessern werde. Von den über 55jährigen und denen, die vor Erreichen des 15. Lebensjahrs die Schule verlassen haben, äußerten sich nur 16 bzw. 24% optimistisch. In diesen Bevölkerungsgruppen waren 34% der Befragten zudem der Auffassung, dass sich ihre Lage in den letzten fünf Jahren verschlechtert habe.
Der Bericht zeigt einen klaren Zusammenhang zwischen den schlechten Erfahrungen der Vergangenheit und den negativen Erwartungen an die Zukunft. Zu den größten Sorgen der Europäer gehört, dass sich ihre Arbeits- und Wirtschaftssituation in den nächsten zwölf Monaten verschlechtern könnte.
In einem Beratungspapier für die Kommission
erklären Roger Liddle und Frederic Lerais vom Büro der europäischen Politikberater (ein zur Kommission gehöriger Think Tank), dass die Statistiken zeigten, dass Europa ein ernstes Armutsproblem habe. Insgesamt lebten in der EU-25 72 Mio. Bürger (15%) in Armut, weitere 36 Mio. Bürger seien davon bedroht.
Wie Liddle und Lerais weiter erklären, seien arme Kinder einem unverhältnismäßig großem Anteil an Verlusten, Benachteiligung, schlechter Gesundheit und schlechter Schulergebnisse ausgesetzt. Solche Kinder seien im Erwachsenenalter stärker von Arbeitslosigkeit und schlecht bezahlten Jobs, einem Leben in Sozialwohnungen und Konflikten mit der Polizei bedroht und würden als Jugendliche eher alkohol- und drogenabhängig werden. Zudem würden sie in den meisten Ländern ihre Chancenlosigkeit auch auf ihre Kinder übertragen. Daraus entstünden wirtschaftliche, soziale und politische Kosten, die in einer rationalen Welt gegenüber den öffentlichen Ausgaben für frühzeitiges Eingreifen aufgerechnet werden sollten, um die Risiken künftiger negativer Auswirkungen und sozialer Isolation abzuschwächen.
Der Generalsekretär der OECD, Angél Gurría, sagte am 27. Februar 2007
bei einer Veranstaltung des Lisbon Council, dass es heutzutage ein legitimes Bestreben danach gäbe, die Charakteristika der europäischen Gesellschaft zu erhalten, um die Europa von der restlichen Welt beneidet werde. Jedoch sei der Pessimismus in Europa gewachsen – bezogen auf die Ängste der Globalisierung und ein Gefühl der Abwehrhaltung, während gleichzeitig die alternde Bevölkerung Bedenken bezüglich der Renten und der Gesundheitssysteme aufwerfe.
Es bestehe eine Angst, dass die Zukunft sich von Europa nach Asien verlagert habe und der Stellenwert Europas in der Welt sinke. Die OECD teile diese Einschätzung nicht, so Gurría. Es müsse viel für die Verbesserung der europäischen Wirtschaftsleistung getan werden, jedoch seien die Ziele und Visionen der Exzellenz bereits definiert und seien auch erreichbar, so der Generalsekretär. Gurría betonte zudem die Bedeutung, die der Weiterentwicklung der Reformagenda zukomme, so dass Europa sich vollständig auf eine wissensbasierte Wirtschaft hinbewegen und seine Produktivität verbessern könne.
In einem kürzlich veröffentlichten Bericht 'The New Social Europe'
kommen Poul Nyrup Rasmussen und Jacques Delors von der Partei der Europäischen Sozialdemokraten zu dem Schluss, dass potentielle Gewinne gemacht werden müssten. Die europäische Zusammenarbeit und die Erweiterung der EU auf 27 Mitglieder bildeten den Rahmen für eine mögliche enorme neue wirtschaftliche und soziale Entwicklung. Europa sei ein globaler Wirtschaftsakteur, zudem sei der Binnenmarkt die größte Volkswirtschaft der Welt. Europa treibe die Globalisierung voran, sei aber gleichzeitig davon betroffen. Europa müsse sich nicht passiv an die Folgen anpassen, sondern könne aktiv die Zukunft gestalten. Die Europäer lebten länger und gesünder aufgrund der steigenden Lebensstandards und den besseren Arbeitsbedingungen. Europa könne neues Wissen, Innovation und Technologien in einen neuen Wohlstand für alle verwandeln, so Rasmussen und Delors.
Dennoch bestünden die Risiken einer steigenden Ungleichheit zwischen den Reichen und den Armen, den Jungen und den Alten, eine immer zersplitterteren Bevölkerung anstelle von Kohäsion und eines rasanten Abbaus der Umweltqualität. Die Autoren kommen aber dennoch zu dem Schluss, dass diesen Herausforderungen immer noch begegnet werden könne, wenn die richtigen Entscheidungen getroffen würden. Dies könne nur erreicht werden mit der Beteiligung und dem Vertrauen der Menschen. Es gehe darum, die Gesellschaft, die Menschen, die Unternehmen, die Gewerkschaften – also sämtliche Akteure – auf einen Wandel vorzubereiten. Das Vertrauen der Menschen müsse aufgebaut werden, dass sie im Rahmen des ständigen Wandels nicht verloren seien. Es müssten Entscheidungen darüber getroffen werden, so Rasmussen und Delors, wie unsere Gesellschaften integrativ gestaltet werden könnten, basierend auf menschenwürdiger Arbeit, sozialem Dialog, Rechten und Chancen für alle. Entscheidungen müssten darüber getroffen werden, wie ein neuer Ausgleich zwischen der aktiven arbeitenden Bevölkerung und dem steigenden Anteil der Ruheständler gefunden werde könne.