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EU-Gipfel: Protektionistischer Winter oder Anbruch eines neuen Frühlings? [DE]

Veröffentlicht 23. März 2006 - Aktualisiert 29. Januar 2010
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Am 23. und 24. März werden die EU-Staats- und Regierungschefs voraussichtlich die europäischen und nationalen Lissabon-Reformprogramme bekräftigen und versuchen, eine Grundlage für mehr Zusammenarbeit im Bereich der Energiepolitik zu schaffen. "Wirtschaftlicher Patriotismus" könnte ihnen jedoch noch einen Strich durch die Rechnung machen.

Der Frühjahrsgipfel könnte mit den folgenden Schlussfolgerungen enden: 

  • Bekräftigung der nationalen Reformprogramme für Wachstum und Beschäftigung
  • Arbeitsmarktreformen: Unterstützung für das Konzept „Flexicurity“ (Flexibilität und sozialer Schutz)
  • Einigung über die Einrichtung eines europäischen Globalisierungsfonds, der verschiedene Maßnahmen für Bürger, die ihre Arbeit aufgrund der Globalisierung verloren haben, mitfinanzieren soll
  • Unterstützung für die Idee eines Europäischen Technologieinstituts
  • Forderung nach einer Energiepolitik für Europa, die die Anforderungen von ökologischer Nachhaltigkeit, Wettbewerbsfähigkeit und Sicherheit der Energieversorgung miteinander vereinbart
Stellungnahmen: 

In einer Pressemitteilung ruft Kommissionspräsident Barroso die EU-Chefs dazu auf, sich vom Protektionismus abzuwenden und progressive Reformen durchzuführen. 

Der European Round Table of Industrialists (ERT) warnt davor, dass ein stärker werdender Wirtschaftsnationalismus zu einer Aushöhlung des europäischen Binnenmarkts führen könnte. „Verantwortungsbewusste politische Entscheidungsträger treffen keine unverantwortlichen Entscheidungen. Sie haben die Pflicht, sich solchen Schritten im langfristigen Interesse ihrer Wähler zu widersetzen“, heißt es in einer Pressemitteilung. 

Aber Demonstrationen gegen geplante Reformen und die Angst vor einer Niederlage bei den nächsten Wahlen könnte die Politiker dazu veranlassen, die nationale Karte zu spielen. 

Der Europäische Gewerkschaftsbund (EGB) bewertet die gegenwärtige Situation folgendermaßen: „Arbeitskräfte in Europa sind besorgt über das Fehlen anständiger Arbeitsplätze, prekäre und unsichere Stellen, von denen es in der Wirtschaft immer mehr gibt, und über die wachsende Armut und soziale Ausgrenzung. Sie lehnen die politische Agenda, die unternehmensfreundliche ‚Wettbewerbsfähigkeit’ als Alibi benutzt und alles nur schlimmer macht, indem Löhne gekürzt, Arbeitsbedingungen und sozialer Schutz verschlechtert und Arbeitszeiten verlängert werden, ab“. 

In einem Policy Brief am 14. März fordert der Brüsseler Think Tank Bruegel die EU-Chefs auf, „die letzte Ausfahrt nach Lissabon“ nicht zu verpassen.

Hintergrund : 

Die Staats- und Regierungschefs der EU-Mitgliedstaaten kommen am 23. und 24. März zu ihrem traditionellen Frühjahrsgipfel zusammen. 

Einige von ihnen stehen in ihrem eigenen Land erheblichen Herausforderungen gegenüber und könnten den Gipfel dazu nutzen wollen, ihre innenpolitische Glaubwürdigkeit zu stärken, um ihr politisches Überleben zu sichern – so beispielsweise der französische Präsident Jacques Chirac. Denn Chirac und Premier Villepin geraten wegen ihrer geplanten Arbeitsmarktreformen immer mehr unter Druck, wie die Demonstrationen und Unruhen im Land zeigen. Und der italienische Regierungschef Silvio Berlusconi steht mitten im Wahlkampf und könnte in Brüssel punkten wollen. Der britische Premier Tony Blair sieht sich wegen eines Parteispenden-Skandals in Bedrängnis. 

Darüber hinaus könnte eine neue Übernahmewelle im Energiesektor und der Mittal-Arcelor-Fall den Argumenten für einen neuen Protektionismus, der sich hinter dem Slogan „wirtschaftlicher Patriotismus" verbirgt, Auftrieb geben.

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