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Schweden lässt EU-Pläne zur Inneren Sicherheit wiederaufleben [DE]

Veröffentlicht 14. Dezember 2009 - Aktualisiert 29. Januar 2010
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Die Vorschläge der schwedischen EU-Ratspräsidentschaft für eine neue Agenda in der Justiz- und Innenpolitik, von den europäischen Staats- und Regierungschefs bei ihrem Treffen in Brüssel letzte Woche (10.-11. Dezember) angenommen, sollte zu dringend benötigten Aktivitäten in Bereichen wie Einwanderung und Asyl führen, so Experten gegenüber EurActiv.

Der endgültige Entwurf des Programms wurde von einem Mitarbeiter der Europäischen Kommission als umfassendster derartiger Plan aller Zeiten bezeichnet.

Diese Einschätzung wurde vom britischen sozialdemokratischen MdEP Claude Moraes geteilt, der sagte, dass der Stockholm-Entwurf im Gegensatz zu seinen Vorgängern von Tampere und Den Haag „den gesamten Bereich der Justiz- und Innenpolitik” umfasse.

Moraes, Mitglied des Parlamentsausschusses, der sich speziell diesen Themen widmet, sagte EurActiv gegenüber, Stockholm biete der EU das Potenzial eines „Gangwechsels”, um endlich „konkrete Fortschritte” in Debatten zu erreichen, die viele Jahre lang wirksam eingefroren waren.

Die kontroversen und politisch brisanten Fragen zu Einwanderung, Asyl, Grundrechten und Sicherheit haben im vergangenen Jahrzehnt zu einer Reihe von Brüchen zwischen den EU-Mitgliedstaaten geführt.

Stärkere Parlamentsbeteiligung wird ‚Verfahren beschleunigen’

Jedoch ist das Parlament mit Inkrafttreten des Lissabon-Vertrags nun mit dem EU-Ministerrat in einer ganzen Reihe von Fragen der Justiz- und Innenpolitik gleichberechtigt. Moraes und andere glauben, dies werde den Weg für eine Reihe wesentlicher Diskussionen freimachen.

Ein Kommissionsbeamter sagte EurActiv, wesentliche Entscheidungen würden in Zukunft deutlich schneller getroffen werden, da die ausgeweiteten Mitentscheidungsbefugnisse bei Justiz und Inneres nach Lissabon zu einer höheren Beteiligung des Parlaments führen würden.

Moraes hingegen behauptete, es gehe mehr um Gewissheit als um Geschwindigkeit. Egal, wie kontrovers die Fragen seien, „werden wir überhaupt Gesetze erlassen können“, sagte er. Wenn diese Fragen im demokratischen Forum des Parlaments beleuchtet würden, „sollte dies die Dinge in Bewegung bringen.“

Das Stockholm-Programm, obwohl absichtlich sehr unbestimmt gehalten, weise nichtsdestotrotz in die richtige Richtung, so der Kommissionsbeamte. So gehe das Programm auf die kontroverse Frage der steigenden Zahl von Asylbewerbern und illegalen Einwanderern, die über das Mittelmeer in die EU zu gelangen versuchten, ein. In diesem Zusammenhang erkenne es an, dass Frontex – die EU-Behörde zum Schutz der Außengrenzen – verstärkt werden müsse.

Dies sollte langfristig zwischen EU-Mitgliedstaaten zu einer verstärkten gemeinsamen Nutzung von Schiffen, Flugzeugen und Personal im Kampf gegen Boote voller illegaler Einwanderer führen – ein Ansatz, der zurzeit deutlich fehlt, so italienische MdEPs.

Da das Stockholm-Programm Frontex als wesentlichen Teil übergeordneter Strategien zum Kampf gegen die illegale Einwanderung ausmacht, ist Moraes der Meinung, dass das Programm die Mitgliedstaaten unter Druck setzen solle, verstärkt gemeinsam vorzugehen, sowie der Kommission mehr Mittel für einen Ausbau der Möglichkeiten von Frontex im Mittelmeer zur Verfügung stellen solle. „Es liegt an uns, die Lücken zu füllen“, sagte er.

Auf dem Weg zu einer EU-Asylpolitik?

Während der Kommissionsbeamte sagte, die Exekutive sei mit dem schwedischen Plan „zufrieden”, sagten diplomatische Kreise gegenüber EurActiv, dass die EU-Exekutive eigentlich „unzufrieden” darüber gewesen sei, dass es bei der gegenseitigen Anerkennung von Asyl keine Fortschritte gegeben habe – ein Bereich, in dem viele Mitgliedstaaten sich nicht übereilt bewegen wollen.

Kris Pollett, Senior Referent beim Europäischen Flüchtlingsrat ECRE, führte diesen Punkt näher aus, indem er sagte, der mangelnde Wille der Mitgliedstaaten, höhere Standards zum Schutz von Flüchtlingen zu erreichen und ein Gemeinsames Europäisches Asylsystem zu schaffen, spiegele sich im Programm durch „zweideutige Sprache zur Harmonisierung der Asylgesetzgebung” wider.

Pollett sagte, der ECRE sei über die ungenauen Formulierungen des Programms in dieser Hinsicht „sehr enttäuscht”, während Moraes bemängelte, dass der endgültige Entwurf zu viel Wert auf Sicherheit und Kontrolle im Vergleich zu grenzüberschreitenden Fragen, Visumskontrollen und Kriminalität lege.

Vor allem konzentriert sich das Programm stark auf die Rechte der Bürger und setzt sich das Ziel, die europäische Staatsbürgerschaft eine „greifbare Realität” werden zu lassen.

Stellungnahmen: 

Die UN-Flüchtlingsagentur UNHCR begrüßte die Annahme des Stockholm-Programms, forderte die EU jedoch dazu auf, zu gewährleisten, dass die Ziele des Migrationsmanagements die Prinzipien des Flüchtlingsschutzes nicht in Frage stellten.

„Die im Stockholm-Programm vorgeschlagenen Maßnahmen sollten den Unterschieden in den Asylverfahren zwischen den EU-Mitgliedstaaten ein Ende bereiten”, sagte Judith Kumin, UNHCR-Direktorin für Europa. „Die heute bestätigten Prioritäten sollte das Gemeinsame Europäische Asylsystem näher an sein Ziel bringen, faire und effiziente Asylergebnisse in der Union zu gewährleisten.“

Bezüglich einer praktischen Zusammenarbeit ermutigt der UNHCR die EU-Mitgliedstaaten, das Europäische Unterstützungsbüro für Asylfragen (EASO) voll bei seiner Arbeit zur Verbesserung der Einheitlichkeit und Qualität der Asylentscheidungen zu unterstützen. Der UNHCR freue sich auf die Zusammenarbeit mit EASO sowie darauf, seine Expertise auch als Teil des Vorstands des Büros zur Verfügung zu stellen.

Zu den konkreten Maßnahmen des Programms gehört auch, dass die EU die Schaffung eines Rahmens für eine „Übertragung von Schutz” innerhalb der Union in Erwägung ziehen wird. Der UNHCR hofft, dass eine solche Regelung Flüchtlingen und anderen Menschen unter internationalem Schutz ermöglichen wird, innerhalb der EU mehr Freizügigkeitsrechte in Anspruch zu nehmen, so wie alle anderen sich legal in der EU aufhaltenden Nicht-EU-Bürger auch. Dies wäre ein wichtiger Schritt, um die gerechte Behandlung der Menschen, denen Schutz zugestanden wurde, zu gewährleisten.

Der UNHCR unterstützt den Aufruf der EU für eine stärkere Teilung von Verantwortung und mehr Solidarität zwischen den Mitgliedstaaten. Sie ist bereit, zu diesen Bemühungen beizutragen, fordert die Staaten aber dazu auf, sich weiterhin auf hohe Schutzstandards zu konzentrieren. Die Asylsysteme einiger Mitgliedstaaten seien durch die hohe Zahl der Ankommenden einem stärkeren Druck als andere ausgesetzt. Zu den Reaktionen auf diese Situation sollte laut UNHCR eine Abänderung der Dublin-Verordnung gehören, die zurzeit im Rat besprochen wird.

Zusätzlich zu den vielen anhaltenden Herausforderungen für den Flüchtlingsschutz in der EU bekräftigt das Stockholm-Programm den Willen der Union, mit Drittstaaten zusammenzuarbeiten, einschließlich derer mit großen Flüchtlingsbevölkerungen. Der UNHCR begrüßt die europäische Absicht, den Beitritt zur Genfer Flüchtlingskonvention und ihrem Protokoll weiterhin zu fördern. Der UNHCR könne Ratschläge über EU-Strategien und Aktionen außerhalb der EU-Grenzen anbieten, darunter auch zur Umsiedlung von Flüchtlingen in Mitgliedstaaten unter einem vorgeschlagenen Gemeinsamen EU-Umsiedlungsprogramm.

Was mögliche „neue Ansätze” über den Zugang zu Asyl in den wesentlichen Transitländern angeht – potenziell denjenigen an den südlichen und östlichen Grenzen der EU –, so drängt der UNHCR darauf, sich der Realität zu widmen, dass die Bedingungen in einigen der Transitländer zurzeit nicht ausreichend seien, um die Wahrung von Grundrechten für Asylbewerber und Flüchtlinge zu gewährleisten. Mehr Arbeit sei nötig, um dauerhafte Lösungen für Flüchtlinge und andere schutzbedürftige Menschen in den Nachbarländern der EU zu liefern.

Nächste Schritte: 
  • Feb.-Juni 2010: Kommission soll Gesetzesvorschläge auf Basis des Stockholm-Programms vorlegen.
  • 2010-Dez. 2014: Zeitspanne des Stockholm-Programms.
Hintergrund : 

Das ‚Stockholm-Programm’ ist die vorgeschlagene Agenda der schwedischen Ratspräsidentschaft im Bereich Justiz und Inneres (JI) für den Zeitraum von 2010 bis 2014. 

Die derzeitige JI-Agenda, das Den Haag-Programm, läuft dieses Jahr aus (siehe EurActiv LinksDossier).

Nach Angaben der schwedischen Ratspräsidentschaft will das Stockholm-Programm den „Rahmen für die EU-Zusammenarbeit in Polizei- und Zollfragen, Rettungsdienste, straf- und zivilrechtliche Zusammenarbeit, Asyl-, Migrations- und Visapolitik definieren.“ 

Von diesen Fragen ist die Migrations- und Asylpolitik politisch wohl das ‚heißeste Eisen’ für die EU, da insbesondere einige Mittelmeerländer (darunter Malta und Italien) größere Unterstützung von ihren nördlichen Partnern fordern.

In einer Parlamentsdebatte im Oktober wurde ein Entwurf des schwedischen Plans von liberalen Abgeordneten begrüßt, jedoch von Südeuropäern als zu schwach im Bereich der Migration bezeichnet (EurActiv vom 12. Oktober 2009).

Im November nahm das Parlament das schwedische Programm mit großer Mehrheit an (EurActiv vom 26. November 2009).

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