Bis zum jetzigen Zeitpunkt hat sich die EU vor allem auf Biokraftstoffe der ersten Generation, wie Biodiesel oder Bioethanol, konzentriert. Diese Strategie wird aus mehreren Gründen angezweifelt:
- Können Biokraftstoffe der ersten Generation tatsächlich zur Reduzierung der Treibhausgase beitragen? Im Prinzip entstehen durch Biokraftstoffe keine Kohlenstoffe, jedoch haben einige Studien gezeigt, dass Biokraftstoffe letztlich mehr Treibhausgase freisetzen als herkömmliche Kraftstoffe, wenn man die während der Herstellung durch die Landwirtschaft, den Transport und die Verarbeitung entstehenden Ausstöße einbezieht.
- Können Biokraftstoffe der ersten Generation mit herkömmlichen fossilen Kraftstoffen konkurrieren? Der in der EU hergestellte Biodiesel ist nur bei Ölpreisen, die über 60 Euro pro Barrel liegen, konkurrenzfähig und damit die Nutzung von Bioethanol lukrativ ist, müssten die Ölpreise sogar 90 Euro pro Barrel betragen.
- Verursachen Biokraftstoffe der ersten Generation höhere Lebensmittelpreise? Die Herstellung von Biodiesel hat in großem Maße zu einem gesteigerten Verbrauch von Rapssamen in der EU beigetragen und so die Preise für Speiseöle stark angehoben. Der gesteigerte Verbrauch von Biokraftstoffen könnte auch zu einer gesteigerten Produktion und höherem Verbrauch von Ethanol, und somit zu erhöhten Zuckerpreisen, führen.
- Sind die Biokraftstoffe der ersten Generation „sauberer“ als herkömmliche fossile Brennstoffe? Um das 5,75%-Ziel zu erreichen, muss Europa auf Ethanolimporte aus Brasilien, wo das Amazonasgebiet abgerodet wird, um mehr Platz für den Anbau von Zucker und Sojabohnen zu haben, und aus Indonesien, wo durch die Abholzung des Regenwalds Palmölplantagen entstehen, zurückgreifen. Einige Umweltgruppen bezeichnen die Biokraftstoffe der ersten Generation bereits als „Abholzungsdiesel“ (deforestation diesel), um zu verdeutlichen, dass die Biokraftstoffe der ersten Generation ihr eigentliches Ziel, die Umwelt zu schützen, nicht erreichen können.
Immer mehr Akteure fordern daher, dass die EU sich verstärkt auf die so genannten Biokraftstoffe der zweiten Generation konzentrieren solle.
Die Ergebnisse einer öffentlichen Anhörung, die die Kommission von April bis Juli 2006 mit dem Ziel durchgeführt hat, um ihre Biokraftstoffstrategie noch vor Ende des Jahres zu überarbeiten, zeigen, dass die Mehrheit der Stakeholder die Biokraftstoffe der zweiten Generationen als vielversprechend einschätzt, weil:
- sie weniger Treibhausgase als herkömmliche Biokraftstoffe freisetzen
- sie zu konkurrenzfähigen Preisen hergestellt werden können, vor allem dann, wenn kostengünstige Biomasse genutzt wird
- zur Herstellung auf eine größere Bandbreite von Rohmaterialen zurückgegriffen werden kann und sie so keine direkte Auswirkung auf die Herstellung von Lebensmittel haben, und
- sie im Vergleich zu den Biokraftstoffen der ersten Generation eine bessere Qualität bieten.
Der Weg zur Herstellung von Biokraftstoffen der zweiten Generation in der EU führt über Vergasung - die Umwandlung von Biomasse in flüssige Biokraftstoffe (Biomass to Liquid – BtL). Dazu werden hohe Temperaturen, kontrollierte Sauerstoffzufuhr und chemische Katalysatoren genutzt, um so Biomasse in flüssige Kraftstoffe, unter anderem in synthetischen Diesel und Bio-Dimethylether, umzuwandeln.
Um diese Vergasungsmethode nutzen zu können, werden große Anlagen und hohe Kapitalinvestitionen benötigt, weswegen die Entwicklung in diesem Bereich weniger schnell voranschreitet als bei anderen Methoden der Herstellung von Kraftstoffen. Dennoch könnte durch die Umwandlung von Biomasse in flüssige Biokraftstoffe höhere Gewinne erzeugt werden, weil ein Drittel der festen Substanzen von Pflanzen genutzt werden kann und dadurch der Bedarf an Erdöl in größeren Mengen ersetzt werden könnte.
Die finnische EU-Präsidentschaft hat im Oktober 2006 angekündigt, dass sie sich besonders für den Umstieg auf Biokraftstoffe der zweiten Generation einsetzen wolle, indem sie das finnische Technical Research Centre (VTT) bei dem Erwerb neuer Vergasungsinstrumente unterstützt. Mit der neuen Ausrüstung soll es möglich sein, Gase von der Biomasse für die Herstellung von Dieselbrennstoffen abzutrennen. Die Vergasungsanlage kann jedes kohlenstoffhaltige Rohmaterial nutzen, beispielsweise Rückstände der Forstindustrie, Baumrinde, Biomasse von Feldern und Torf.
Bei der Überarbeitung der Biokraftstoffrichtlinie wird die Kommission versuchen, die Mitgliedstaaten für die Entwicklung solcher Technologien der zweiten Generation zu mobilisieren. Zudem sollen neue, eventuell verbindliche, Ziele für die Nutzung von Biokraftstoffen definiert werden. Es ist zudem wahrscheinlich, dass die Kommission Mindestumweltstandards für die Herstellung von Biotreibstoffen einführen wird.



