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Human-Biomonitoring in der Gesundheits- und Umweltpolitik [DE]

Veröffentlicht 04. März 2005 - Aktualisiert 29. Januar 2010
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Human-Biomonitoring (HBM) umfasst die Entnahme von Blut-, Gewebe-, Urin- und Haarproben, die dazu dienen, die Schadstoffbelastung von Einzelpersonen und Bevölkerungsgruppen festzustellen. Das Verfahren wird von Umweltschützern, Lobbyisten und der EU-Kommission zunehmend als ein Instrument bei der Bewertung von gesundheits- und umweltpolitischen Entscheidungen genutzt. Das Human-Biomonitoring ist jedoch umstritten, da es nicht ausreichend wissenschaftliche Erkenntnisse über die tatsächlichen Gesundheitsrisiken gibt, die durch Schadstoffe im menschlichen Körper entstehen.

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Zusammenfassung

Blut-, Gewebe-, Urin- und Haarproben werden heutzutage häufig entnommen, um die Anwesenheit verschiedener Stoffe im menschlichen Körper nachzuweisen. Beispielsweise werden Blasgeräte benutzt, um festzustellen, wie viel Alkohol sich im Blut von Fahrern befindet und Blutproben werden zur Feststellung von Dopingmitteln im Körper von Sportlern verwendet. Die Entnahme- und Testverfahren werden im Allgemeinen als biologisches Monitoring oder 'Biomonitoring' bezeichnet. 

Die Biomonitoring-Methoden sind in den vergangenen Jahren erheblich weiterentwickelt worden. Bereits sehr kleine Mengen verschiedener Substanzen können nun ohne weiteres im menschlichen Körper nachgewiesen werden. Daher findet es in politischen Entscheidungsprozessen im Gesundheits- und Umweltbereich zunehmend als ein übliches Instrument Verwendung. 

Human-Biomonitoring dient heutzutage vor allem zur Messung von Schadstoffmengen aus Luft, Wasser und Umwelt in Einzelpersonen und ganzen Bevölkerungsgruppen. Die Schadstoffbelastung im menschlichen Körper geht beispielsweise vom Verkehr, aber auch von verbreiteten Verbrauchsgütern und Haushaltsgeräten (Pfannen, Spielzeug, Lösemitteln etc.), aus. Wenn ein hoher Schadstoffgehalt im menschlichen Körper festgestellt wird, können Gesetzgeber sich dafür entscheiden, ein Produkt zu verbieten oder ihre Verwendung auf Zwecke zu begrenzen, die ein geringeres Gesundheitsrisiko für den Verbraucher bergen.

Debatte

Die zentrale Frage, die sich in Verbindung mit der Anwendung von Human-Biomonitoring in politischen Entscheidungsprozessen stellt, betrifft die Auslegung der eingesammelten Daten. Einige sind der Ansicht, dass die „bloße“ Anwesenheit von Schadstoffen im menschlichen Körper keine ausreichende Grundlage für ein Verbot von Produkten darstellt, die letztlich Beschäftigung schaffen, Unternehmen Einkünfte bringen und das Leben der Verbraucher leichter machen. Andere dahingegen vertreten die Auffassung, dass bereits kleine Mengen toxischer Stoffe eine Begrenzung der Anwendungsbereiche von Produkten oder den Verbot eines Produkts aufgrund des verbundenen Gesundheitsrisikos rechtfertigen.

Zentral in dieser Debatte ist das so genannte 'Vorsorgeprinzip'. Alle Seiten stimmen jedoch in einer Feststellung überein: die wissenschaftlichen Erkenntnisse über die Belastung des Menschen durch Schadstoffe in der Umwelt reichen bislang noch nicht aus. Zu wenig ist über die tatsächlichen Gesundheitsrisiken, die Schadstoffbelastungen für den Menschen bergen, bekannt. 

Darüber hinaus lässt der Stand der Wissenschaft bislang noch keine zuverlässigen Schlüsse darüber zu, auf welchen Wegen Schadstoffe in den menschlichen Körper gelangen. Aus diesem Grund wird der Behebung dieses Wissensmangels im Aktionsplan für Umwelt und Gesundheit der Europäischen Kommission vorrangige Bedeutung beigemessen. Dieser wurde im Jahr 2004 als Teil der 'SCALE'-Strategie angenommen (siehe EurActiv,   11. Juni 2004 und LinksDossier zu SCALE).

Die folgenden Aspekte in Verbindung mit Biomonitoring sind derzeit Gegenstand weiterer Forschungsaktivitäten:

  • Risikogruppen (Kinder, ältere Menschen) und Subbevölkerungsgruppen (nach Beruf, geographischer Lage oder sozioökonomischem Status)
  • Wirkungspfade und die kausalen Zusammenhänge bei Schadstoffen
  • Untersuchung der Frage, welches Maß an Schadstoffbelastung zu einem tatsächlichen Gesundheitsrisiko führt (Risikobewertung) 

Biomonitoring-Studien, die im Rahmen von SCALE von der Kommission verwendet worden sind, haben den Schwerpunkt auf Kinder gelegt und sich vor allem mit Schwermetallen (Quecksilber, Blei usw.), Asthma/Allergien, Dioxin/PCB und Hormonstörungen verursachende Stoffen befasst. 

Die Kommission bemüht sich um koordinierte Forschungsaktivitäten in der EU als einen ersten Schritt in Richtung schlüssigerer Ergebnisse und einer besseren Ressourcenausschöpfung.

Stellungnahmen

Biomonitoring ist umstritten, weil es von Politikern und Umweltschützern zunehmend als Rechtfertigung für Forderungen nach Verboten oder Einschränkungen bestimmter Produkte, etwa Chemikalien und Petrochemikalien, genutzt wird. Von solchen Entscheidungen betroffene Industrievertreter dahingegen weisen darauf hin, dass die wissenschaftliche Grundlage in Bezug auf die potenziellen Gesundheitsrisiken, die angeblich von ihren Produkten ausgehen, nicht ausreichend sei.

Der Europäische Rat der Verbände der Chemischen Industrie (Cefic) spricht sich für einen politischen Ansatz aus, bei dem mögliche Risiken auf Grundlage wissenschaftlicher Erkenntnisse berücksichtigt werden (siehe EurActiv- LinksDossier zu diesem Thema). Biomonitoring sei zwar ein „viel versprechendes Instrument für die öffentliche Gesundheit“, das Verfahren dürfe jedoch „nicht missbraucht werden“. Biomonitoring liefere lediglich die Ergebnisse einer „einmalige Messung“. Daher lasse „sie keine Aufschlüsse darüber zu, ob sich die Schadstoffbelastung über die Zeit verändert und aus welcher Quelle sie stammt. Allein liefern die Messungen nicht ausreichend Informationen, die eine Einschätzung des Risikos oder der Gesundheitsauswirken ermöglichen“, so Cefic. Darüber hinaus sei der überwiegende Teil der Schadstoffbelastung, die in vom WWF genommene Blutproben festgestellt wurde, auf Chemikalien und Pestizide zurückzuführen, die entweder bereits verboten worden seien oder mittlerweile einer strengeren Gesetzgebung unterliegen würden.  „Die Anwesenheit von Chemikalien-Spurenmengen im menschlichen Körper sollte nicht als eine Entschuldigung für Forderungen nach schärferen Kontrollen als nötig dienen“, so Colin Humphris von Cefic. 

Der WWF hat in den Jahren 2003 und 2004 im Rahmen seiner DetoX-Kampagne gegen Schadstoffbelastung Blutproben von Europaabgeordneten (siehe EurActiv,  22. April 2004), Ministern ( 21. Oktober 2004) und Kommissaren ( 7. November 2003)untersucht. In jeder einzelnen Probe wurden gefährliche Chemikalien entdeckt. Durchschnittlich befanden sich zwischen 30 und 40 verschiedene künstliche Chemikalien im Blut. WWF vertritt die Auffassung, dass allein die Anwesenheit von Chemikalien ein Verbot oder ein Einschränkung ihrer Verwendung in Haushaltsprodukten, Lebensmittelverpackungen usw. (feuerbeständige Sofastoffe, Pfannenbeschichtungen,  Dosenbeläge, Konservendosenbeschichtungen etc.) rechtfertige. WWF weist darauf hin, dass der Mangel an wissenschaftlichen Daten über die von Schadstoffbelastungen ausgehenden Risiken auf der Grundlage des ‚Vorsorgeprinzips’ schärfere Rechtsvorschriften erforderlich mache. 

Einige Wissenschaftler sind der Ansicht, dass Schadstoffbelastung und Gesundheitsrisiken zwei voneinander unabhängige Phänomene seien. In einem Interview mit der britischen Tageszeitung The Independent hat Prof. John Henry, Toxikologe am Imperial College in London, erklärt, dass die Mengen der in den Blutproben des WWF nachgewiesenen Chemikalien „extrem niedrig“ gewesen seien. Sie hätten sich „weit unter den Schwellenwerten für die Wahrscheinlichkeit von unmittelbar schädlichen Wirkungen befunden. Das Entscheidende ist, dass Hinweise auf ihre Anwesenheit nicht bedeuten, dass sie schädliche Wirkungen haben“. In Bezug auf das von WWF durchgeführte Biomonitoring vertrat er die Auffassung, dass „es gut ist, dass wir über diese Dinge Bescheid wissen und dass uns jemand auf sie aufmerksam macht. Dies sollte aber nicht durch Panikmache erreicht werden“.

Andere Wissenschaftler fragen sich, wie es sein kann, dass sich Dutzende von Chemikalien in den Körpern von Menschen befinden, die einen gesunden Lebensstil haben. Forscher der US-amerikanischen Environmental Working Group sind zu dem Schluss gekommen, dass „alles zunehmend darauf hin deutet, dass die Belastung durch industrielle Chemikalien und Pestizide für einen Teil der kontinuierlich steigenden gesundheitlichen Problemen von Menschen verantwortlich sind“. Der von den Wissenschaftlern durchgeführte Biomonitoring-Test ergab die folgenden durchschnittlichen Ergebnisse für jede einzelne Versuchsperson: 53 Stoffe, deren krebserregende Wirkung nachgewiesen ist, 62 Giftstoffe, die das zentrale Nervensystem beeinträchtigen können, sowie 55 hormonstörende Chemikalien. „Für die Bevölkerung entstehen bereits durch eine geringe Belastung nachteilige Gesundheitswirkungen“, so die EWG. 

Die Kommission selber hat die Ergebnisse der Blutproben des WWF zur Untermauerung ihrer Vorschläge für die Überarbeitung der EU-Chemikalienpolitik, REACH, verwendet (siehe EurActiv, 7. November 2003). In einer Pressemitteilung zu diesem Thema (auf Englisch) erklärte die Kommission: „Trotz intensiver Forschung zu einigen der Chemikalien, ist hinsichtlich von 99 % der gesamten Chemikalien auf dem Markt noch nicht genug über ihre Gesundheits- und Umweltauswirkungen bekannt. Es ist daher von größter Bedeutung, dass alle Chemikalien, die in der EU in wesentlichen Mengen eingesetzt werden, systematisch untersucht werden“. 

Bei der Abstimmung über den Bericht von Frédérique Ries (ALDE, Belgien) über den Umwelt- und Gesundheitsaktionsplan 2004-2010 hat sich das Europäische Parlament für das Vorsorgeprinzip ausgesprochen. „Das Fehlen wissenschaftlicher Gewissheit und der Bedarf an weiterer Forschung […] darf nicht als Entschuldigung für die Verzögerung der Durchführung unerlässlicher und dringender Maßnahmen zur Verringerung der Schadstoffbelastung von Kindern und Erwachsenen durch Umweltverschmutzung dienen“, heißt es in der endgültigen Fassung der Entschließung des Europäischen Parlaments. Das Parlament fordert, dass verstärkt Präventivmaßnahmen gegen bestimmte Substanzen – unter anderem gegen Phthalate, chlorierte Lösungsmittel, Quecksilber, Kadmium und Pestizide - ergriffen werden (siehe EurActiv, 25. Februar 2005). 

Umweltkommissar Stravros Dimas reagierte auf den Ausgang der Abstimmung im Parlament mit der Versicherung, dass Biomonitoring „eine wesentliche Rolle“ spielen und einen Mehrwert für den Aktionsplan darstellen würde. „Das Vorsorgeprinzip ist ein Grundelement der Umweltpolitik und wird auch weiter ein Eckpfeiler unserer Maßnahmen sein“, so Dimas gegenüber den Europaabgeordneten. 

Zeitplan

  • 2004-2006: Die Kommission und die Mitgliedstaaten wollen gemeinsame Forschungsprotokolle entwickeln.
  • 2006: Blei und Quecksilber werden vermutlich als erstes in ein EU-weites Biomonitoring-Pilotprojekt aufgenommen.
  • Bis 2007  sollten laut Kommissar Dimas ausreichend Fortschritte bei der Einrichtung von Informationssystemen zu umweltbedingten Erkrankungen erzielt worden sein.

Externe Links

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