Winthers Behauptungen kommen zum Zeitpunkt eines gewaltigen internationalen Gipfels in Kopenhagen, auf dem über einen Nachfolgevertrag für das Kyoto-Protokoll zum Klimawandel entschieden werden soll.
Der 2007 veröffentlichte vierte globale Klimabericht der Vereinten Nationen hat vorhergesagt, dass der Meeresspiegel bis 2099 um 18cm bis 59cm ansteigen könnte. Laut Winther könnte der Bericht jedoch zu optimistisch sein.
„Als das IPCC im Jahr 2007 Bericht erstattete, sagte es, dass es bis zum Ende dieses Jahrhunderts aufgrund der grönländischen Eisschmelze einen Anstieg des Meeresspiegels von ungefähr 5cm geben werde“, so Winther.
„Doch seither gemachte Forschungen deuten darauf hin, dass diese Zahl dreimal so hoch sein könnte, weil sich das Eis in Grönland schneller bewegt und Eisberge zum Meer transportiert. Also ist es wahrscheinlicher, dass wir durch die grönländische Eisschmelze dieses Jahrhundert einen Anstieg des Meeresspiegels um 14cm erleben werden.“
Dem Norwegischen Polarinstitut zufolge könnte dies dazu führen, dass zentrale Teile des arktischen Ozeans in zwanzig Jahren komplett eisfrei sein könnten. Sollte dies der Fall sein, wäre dies das erste Mal seit 14-15 Millionen Jahren.
Noch beunruhigender seien die jüngsten Anzeichen aus der Antarktis, so Winther weiter. „Lange Zeit waren wir der Meinung, dass die Antarktis sogar an Masse zunehmen würde, weil hohe Temperaturen zu mehr Niederschlag führen und sich dies bei großer Kälte in Eis oder Schnee verwandelt.“
„Aber dann gab es in den letzten zehn Jahren relativ schnelle und dramatische Verluste rund um die Küstenregionen. Und eine neuere Studie aus diesem Jahr deutet darauf hin, dass es einen Nettoverlust von Eis in der Antarktis gibt.“
‚Climategate’
Winthers Bemerkungen kommen vor dem Hintergrund einer beispiellosen Kontroverse über die Wissenschaft der Erderwärmung. Im Zentrum des Medienaufruhrs steht der E-Mail-Austausch zwischen Wissenschaftlern, seitdem auf Englisch in Anlehnung an den Watergate-Skandal als ‚Climategate’ bekannt.
In den E-Mails scheinen Wissenschaftler der Klimaforschungsabteilung der Universität von East Anglia in Großbritannien Studien herunterzuspielen, die Behauptungen zur Erderwärmung widersprechen könnten. Die Wissenschaftler sind Mitglieder des Intergovernmental Panel on Climate Change (IPCC), einer UN-Behörde, die einen Konsens über die Klimaforschung schaffen soll.
Der Veröffentlichungszeitpunkt hat einen Schatten auf die Erfolgsaussichten der Konferenz geworfen, aber auch zu wütenden Reaktionen von führenden Klimaforschern geführt, die den Veröffentlichungszeitpunkt auf Interessengruppen zurückführen, die an einer Verzögerung einer Einigung interessiert seien.
Niemals zu spät
Grundsätzlich haben das IPCC und die Europäische Union akzeptiert, dass die Erderwärmung auf unter 2°C begrenzt bleiben sollte. Bei einer höheren Erwärmung wird erwartet, dass sich der Klimawandel nicht mehr kontrollieren lässt.
Doch Winther deutet an, dass die Spanne der anerkannten wissenschaftlichen Vorhersagen über einen weltweiten Temperaturanstieg unter Umständen korrigiert werden muss. In seinem Bericht von 2007 schätzte das IPCC, dass sich die Temperaturen bis zum Ende des Jahrhunderts um 1,5 bis 6°C verändern würden.
„Das ist eine sehr breite Spanne und es gibt ganz andere Auswirkungen, je nachdem ob das Eine oder das Andere eintritt”, so Winther.
Überraschenderweise sagt Winther, dass die letzten wissenschaftlichen Ergebnisse nicht notwendigerweise Anlass zur Schwarzmalerei geben müssten. „Es wird immer wahrscheinlicher, dass wir in diesem Jahrhundert bei ungefähr +2°C oder +3°C landen werden“, so Winther – über dem vom IPCC-Bericht genannten Minimalwert, aber unter dem Maximalwert von 6°C.
Und laut Winther gibt es keinen Punkt, an dem alles zu spät ist, wie dies von einigen behauptet wird. Zumindest, sagt er, sehe er das nicht so.
„Es ist nicht zu spät, die Situation ist nicht schwarz oder weiß. Aber je länger wir warten, desto stärker wird die Temperatur ansteigen und die Folgen werden wohl größer sein. Also ist es wichtig, schnell zu handeln, aber es gibt keinen absoluten Punkt, an dem man handeln muss oder nicht.“
‚Nicht Kopenhagen oder gar nichts’
Zum Treffen in Kopenhagen sagt Winther, es lägen genügend wissenschaftliche Fakten auf dem Tisch, damit Politiker eine informierte Entscheidung treffen könnten. Er verstehe aber auch, dass komplexe politische Fragen Entscheidungen verzögern könnten.
„Ich wünsche mir eine sehr gute Einigung in Kopenhagen. Aber ich bin auch Realist, nicht nur Wissenschaftler.“
„Sollte dies, aus vielerlei Gründen, nicht möglich sein – und ich verstehe, dass dies politisch gesehen eine sehr komplexe Frage ist –, dann sollten wir meiner Meinung nach nicht zu deprimiert sein, weil wir unablässig daran arbeiten müssen, diese gute Einigung zu finden. Und das sollte geschehen und zwar möglichst schnell.“
„Ich denke, eine gute Einigung ist besser als eine nicht so gute Einigung. Aber es ist nicht so, dass es Kopenhagen oder gar nichts sein muss.“



