Die Internet-Bibliothek der EU ‚Europeana’ ist, kurz nachdem sie gestern (20. November 2008) online gestellt wurde, infolge der großen Nachfrage und der Millionen Zugriffe zusammengebrochen. Die Europäische Kommission sagte, sie plane, die Internetseite Mitte Dezember erneut zu starten.
Die Gründung von ‚Europeana’ war ein wesentliches Ziel der Initiative „Digitale Bibliotheken", die die Kommission 2005 annahm.
Die nationalen Regierungen wurden gebeten, Inhalte und finanzielle Mittel bereitzustellen. Eine hochrangige Gruppe mit Experten aus dem öffentlichen und privaten Sektor, darunter kulturelle Einrichtungen, die IKT-Branche und Urheberrechtsinhaber, wurde unterdessen zu Rate gezogen. Das Europäische Parlament nahm das Projekt im September 2007 an.
‚Europeana’ finanziert sich zu 80% durch Mittel aus dem EU-Haushalt (zwei Millionen Euro), die übrigen 20% stammen von den nationalen Regierungen und kulturellen Einrichtungen.
69 Millionen Euro an EU-Geldern werden im Zeitraum 2009-2010 im Rahmen des EU-Forschungsprogramms für die Forschung zu digitalen Bibliotheken bereigestellt. Weitere 50 Millionen Euro werden für den Bereich Informationsgesellschaft der Wettbewerbs- und Innovationspolitik der EU „für die Verbesserung des Zugangs zum kulturellen und wissenschaftlichen Erbe Europas“ bereitgestellt.
Auf der ‚Europeana’ Internetseite, die gestern von Kommissionspräsident José Manuel Barroso und Frankreichs Ministerin für Kultur und Kommunikation Christine Albanel zugänglich gemacht wurde, kann auf hunderttausende Bücher zurückgegriffen werden. Viele der verfügbaren Exemplare sind in gedruckter Form selten oder werden nicht mehr gedruckt. ‚Europeana’ soll ein „gemeinsames Zugangsportal“ zu den digitalisierten Quellen Europas bilden.
Insgesamt wurden gut zwei Millionen ‚digitalisierte Objekte’ der 27 Mitgliedstaaten online gestellt, darunter Gemälde, Musik, Landkarten, Manuskripte und Zeitungen, die das Bücherangebot ergänzen. Die Kommission findet, dass der Umfang der zusammengetragenen Inhalte für den Anfang beachtlich sei, räumte jedoch ein, dass für einige Länder nur sehr begrenzt Material zur Verfügung gestanden habe. Die Europeana Internetseite ist in allen offiziellen EU-Sprachen, mit Ausnahme von Maltesisch und Bulgarisch, verfügbar. Diese Sprachoptionen sollen der Kommission zufolge aber in den nächsten Monaten hinzugefügt werden.
Nach anfänglichem Erfolg…
Gestern morgen beschrieb die EU-Kommissarin für Informationsgesellschaft und Medien Viviane Reding den Start der Internetseite als außergewöhnlichen Erfolg. Die Seite sei an ihrem ersten Morgen mindestens 10 Millionen Mal pro Stunde aufgerufen worden. Einen solchen Ansturm auf Europeana habe man sich nicht träumen lassen, sagte sie.
… ‚Europeana’ wieder offline
Doch die Seite wurde seitdem wieder aus dem Internet genommen, da die Server das „überwältigende Interesse“ nicht mehr haben verarbeiten können. Man unternehme alles Menschenmögliche, um Europeana so bald wie möglich in verstärkter Form wieder zu eröffnen und sie werde bis Mitte Dezember wieder zugänglich sein, so eine Erklärung auf der Landing-Page, die heute (21. November 2008) stattdessen Links zu einer Seite bereitstellt, die über die aktuellen Entwicklungen informiert.
Auf die Frage, weshalb die Europeana-Seite kurz nach ihrem Start zusammenbrach, antwortete Martin Selmayr, der Sprecher von Kommissarin Reding gestern, die drei Server der Internetseite hätten die Nachfrage der Region mit zehn Millionen Aufrufen pro Stunde nicht verarbeiten können. Deshalb starte man die Seite nun auf sechs Servern erneut, erklärte er.
Inhaltliche Herausforderungen
Auf lange Sicht bleibt abzuwarten, ob das Portal, das über den Zeitraum 2009-2011 jährlich mit 2 Millionen Euro von der EU finanziert wird, die Herausforderung, genügend Inhalte zur Verfügung zu stellen, wird meistern können. Aktuell haben sich 1 000 kulturelle Einrichtungen bereit erklärt, Material hochzuladen.
Kommissarin Reding wünscht sich bis 2010 zehn Millionen Objekte auf der Seite, doch diesem Schritt könnten Fragen im Zusammenhang mit Urheberrechten im Weg stehen. Der Urheberrechtsinhaber entscheidet, was über das Portal zugänglich gemacht wird. Gleichzeitig wurden die Mitgliedstaaten gebeten, nationale Portale einzurichten, aif denen Material für Europeana bereitgestellt werden kann.
Präsident Barroso betonte für seinen Teil, die Eröffnung von Europeana habe das Potenzial, die Sichtweise der Menschen von der europäischen Kultur zu verändern, wodurch es für die Europäer einfacher werde, ihre eigene Vergangenheit wertschätzen zu lernen und sich ihrer gemeinsamen europäischen Identität stärker bewusst zu werden.
Darüber hinaus würde das Projekt dazu führen, dass der Rest der Welt die wichtigen Beiträge Europas in den Bereichen Literatur, Kunst, Politik, Geschichte, Wissenschaft, Architektur, Musik und Filme erkenne, während gleichzeitig das kulturelle Erbe Europas für spätere Generationen bewahrt werde, sagte Barroso.
Unterstützung aus der Wirtschaft
Santiago de la Mora, der beim bedeutendsten Online-Suchdienst Google für europäische Partnerschaften zuständig ist, begrüßte die Einrichtung von Europeana und sagte, je mehr solcher Projekte es gebe, desto einfacher werde es für Leser und Forscher, weltweit Bücher und andere Materialien zu suchen, die derzeit auf der ganzen Welt verstreut und deshalb nur schwer zugänglich seien.
Google selbst ist im vergangenen Monat urheberrechtliche Forderungen von US-amerikanischen Verlegern bezüglich Googles Internetseite zur Buchsuche nachgekommen. Europeana soll diese Internetseite vervollständigen.
Das Unternehmen glaubt, dass das Projekt zur Buchsuche, bei dem der vollständige Text von über sieben Millionen Bücher verfügbar ist, neue Märkte für vergriffene Bücher erschließen wird.
Der Präsident der Europäischen Kommission José Manuel Barroso beschrieb Europeana als digitalen Zugang zur europäischen Kultur in all ihrer Vielseitigkeit und sagte, die Internetseite werde in den kommenden Jahren ausgebaut werden und an Bedeutung gewinnen.
Barroso fuhr fort: „Mit Europeana kombinieren wir Europas Wettbewerbsvorsprung in den Kommunikations- und Netztechnologien mit unserem reichen kulturellen Erbe. Die Europäer haben nun schnell und einfach über ein einziges Portal Zugang zu den riesigen Beständen unserer großartigen Sammlungen […]. Allein die Möglichkeiten, die Europeana Studenten, Kunstliebhabern oder Schülern bietet, sind faszinierend: sie haben online Zugang zu den Kulturschätzen aller Mitgliedstaaten, können sie kombinieren und gezielt suchen. Europeana ist ein deutlicher Beleg dafür, dass die Kultur im Zentrum der europäischen Integration steht.“
EU-Kommissarin für Informationsgesellschaft und Medien Viviane Reding sagte: „Europeana ermöglicht eine Reise über Zeiten und Grenzen hinweg und regt zu neuen Gedanken darüber an, was unsere Kultur ausmacht. Mehr noch: sie verbindet Menschen mit ihrer Geschichte und - über interaktive Seiten und Werkzeuge – miteinander.“ Darüber hinaus forderte sie „alle europäischen Kulturinstitutionen, Verlage und Technologieunternehmen auf, Europeana mit weiteren digitalen Inhalten zu füllen“.
Die Europaabgeordnete Marie-Hélène Descamps (EVP-ED), die die parlamentarische Berichterstatterin für das Dossier europäische digitale Bibliothek ist, brachte ihre Hoffung zum Ausdruck, dass Europeana den Ausdruck einer gemeinsamen europäischen Identität stärke. Die Internetseite würde den Bürgern den Zugang zum kulturellen Erbe Europas eröffnen, es über die Grenzen Europas hinweg bekannt machen und für spätere Generationen bewahren.
Sie warnte jedoch, es sei wichtig, sicherzustellen, dass das Urheberrecht bei der Digitalisierung, dem Hinaufladen und der Aufbewahrung dieses reichhaltigen und vielfältigen Erbes genauestens eingehalten wird.
Elisabeth Niggeman, Generaldirektorin der Deutschen Nationalbibliothek und Vorsitzende der European Digital Library Foundation, der Organisation hinter Europeana, sagte: „Durch Europeana werden kulturelle Einrichtungen interessanter für die Generation Web 2.0 – eine Generation, die zur gleichen Zeit am gleichen Ort Texte lesen, Videos sehen, Laute hören und Bilder sehen möchte. Dieses vollständige Multimediaangebot bringt jungen Menschen Europas Kultur, Vergangenheit und Zukunft näher.“
Santiago de la Mora, beim bedeutendsten Online-Suchdienst Google für europäische Partnerschaften zuständig, sagte: „Digitalisierungs-Projekte wie Europeana geben ein starkes Signal an Autoren, Verlage, Bibliotheken und Technologiefirmen, dass man zusammenarbeiten und den Zugang zum kollektiven Wissen der Welt demokratisieren kann.“
Da man bei der Google-Buchsuche Fortschritte mache, freue man sich darauf, neue Möglichkeiten zur Zusammenarbeit bei Initiativen wie Europeana auszuprobieren und an einem Projekt teilzunehmen, das zum größten technologischen Sprung bei der Ausbreitung von Wissen seit der Erfindung des Buchdrucks durch Gutenberg beitragen könnte, fuhr de la Mora fort.