Der vierte Europäische Buchpreis wurde gestern während einer Zeremonie im Europäischen Parlament verliehen.
Die Gewinner des Jahres 2010 sind „Puhdistus“ (Purge), ein Roman der finnischen Schriftstellerin Sofi Oksanen, in der Kategorie „Bücher“, und „La bellezza e l’inferno“ (Die Schönheit und die Hölle“) von dem Italiener Roberto Saviano, in der Kategorie „Essays“.
„Puhdistus“ ist die Geschichte zweier Frauen, die aus verschiedenen Gründen dazu gezwungen werden, ihrer düsteren Vergangenheit – der Kollusion und des Widerstandes, der Vergewaltigung und der sexuellen Sklaverei – ins Auge zu sehen, mit der sowjetischen Besetzung in Estland im Hintergrund.
Roberto Saviano, ein 1979 geborener Autor und Journalist, musste unter Polizeischutz leben, seitdem ihm die neapolitanische Mafia 2006 Todesdrohungen geschickt hatte. Die Drohungen folgten auf die Veröffentlichung seines Bestsellers „Gomorra“, der geheime Einzelangaben der Camorra – einer mächtigen neapolitanischen mafiaartigen Organisation – aufdeckte.
Der Essay ist in der Tat eine Sammlung von Savianos Artikeln, die zwischen 2004 und 2009 erschienen sind und das organisierte Verbrechen und den illegalen Handel der Mafia in der ganzen Welt schildern. Im Vorwort des Buches schreibt Saviano über seine persönliche Lage. Seit der Veröffentlichung von „Gomorra“ 2006 hat er unter Polizeischutz gelebt und ist mit gegensätzlichen Gefühlen des Exils, der Einsamkeit und der internationalen Aufmerksamkeit umgegangen.
Prämierte Bücher befassen sich mit Europa und Rechtsstaatlichkeit
Der Vorsitzende der 2010-Jury, der deutsche Autor und Regisseur Volker Schlöndorff, sagte, dass beide Bücher hochaktuell seien, da sie vom gegenwärtigen Zustand und der Zukunft Europas handelten.
Europa als politisches Projekt sei nach zwei furchtbaren Erlebnissen des Totalitarismus gestaltet worden, damit sich die Geschichte nicht wiederholen könne, so Schlöndorff. Obwohl die Westeuropäer von dieser jungen Vergangenheit vielleicht nicht mehr betroffen seien, sei diese Erfahrung in Osteuropa noch immer sehr präsent. Aus diesem Grund habe die Jury Oksanens Roman den Preis verliehen.
Ein ähnliches Thema könne in Roberto Savianos Buch gefunden werden. Westeuropa sei seinen Ruf als demokratische Gebilde nicht wert, wenn es seine Werte nicht verteidige und einer Gruppe erlaube, das Recht in die Hand zu nehmen und eine verbrecherische Ordnung einzurichten, so Saviano.
Wenn das Verbrechen seine eigene Ordnung in Europa einrichte, existiere Europa nicht mehr, fügte Schlöndorff hinzu.
Autoren unterstreichen Redefreiheit
Saviano betonte, dass der Europäische Buchpreis für ihn mehr als nur ein Preis sei. Der Preis sei die Anerkennung, dass er weiterhin in Europa die Wahrheit sagen dürfe.
Er sagte, die Mafia habe keine Angst vor ihm, aber vor den Menschen, die seine Geschichten läsen, da die Mafia nicht wolle, dass diese Sachen durch die Literatur ans Licht kämen.
Der Autor betonte, dass die Mafia und die organisierte Kriminalität ein europäisches Problem seien und dass Europa sich mit einer einheitlichen Stimme gegen sie aussprechen sollte.
Sofi Oksanen wurde 1977 einem finnischen Vater und einer estnischen Mutter geboren. Sie sprach von ihrer Forschungsarbeit über die sowjetische Besetzung Estlands. Sie habe sich mit der Zensur und mit der Art, wie es sich anfühle, ohne Redefreiheit und mit der offiziellen Wahrheit, die mit dem wahren Leben eines Landes so wenig zu tun habe, zu leben und erzogen zu werden, vertraut – der offiziellen Wahrheit, die Verbrechen gegen die Menschheit und die Opfer verschwinden lasse.
Sie sagte, dass das Internet eine neue Ära der Demokratie eröffne. Momentan erlebe man eine revolutionäre Zeit dank der Plattform WikiLeaks. Die Plattform teste die Grenzen der Redefreiheit in Ländern, die sich selbst für frei und demokratisch hielten, und das Ausmaß, inwiefern sie die Wahrheit respektierten, aus.




