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Die europäischen Bürger zu ermutigen, zwei Fremdsprachen zu erlernen, sollte die Grundlage der neuen EU-Strategie zu Mehrsprachigkeit sein, die im September 2008 vorgelegt werden soll. Dies hat eine Ministerkonferenz am vergangenen Freitag (15. Februar 2008) entschieden.
Die Konferenz versammelte Regierungsminister aus vielen EU-Mitgliedstaaten. Sie fand unter dem gemeinsamen Vorsitz der Europäischen Kommission und der slowenischen EU-Ratspräsidentschaft statt. Es war das erste Mal, dass Minister speziell zur Diskussion der Mehrsprachigkeitspolitik auf EU-Ebene zusammenkamen.
Ein Ausgangspunkt der Debatte war der Abschlussbericht
der unabhängigen Hochrangigen Gruppe „Mehrsprachigkeit“. Diese umfasst eine vielfältige Bandbreite an Personen einschließlich Schriftstellern und Philosophen. Der Bericht wurde von dem libanesischen Autor Amin Maalouf vorgestellt.
Sprachenpolitik ist ein wichtiges Thema auf EU-Ebene, weil sie stark mit nationaler Identität verbunden ist und die Bildungspolitik berührt, die vornehmlich der nationalen Kompetenz unterliegt. Zudem ist für die Mehrsprachigkeitspolitik momentan ein Budget von 1,1 Milliarden Euro vorgesehen – das entspricht einem Prozent des EU-Haushalts.
Mehrsprachigkeit wird als Mittel gesehen, um die interreligiöse Debatte und die kulturelle Verständigung der Unionsbürger im Kontext des Europäischen Jahres des interkulturellen Dialogs (EJID
) 2008 zu fördern.
Die Konferenz wurde einberufen, um Bereiche zu bestimmen, in denen weitere Maßnahmen im Bezug auf Sprache sowohl auf nationaler als auch auf europäischer Ebene notwendig sind. Sie zielte darauf ab, gemeinsame Maßnahmen festzulegen, die in den kommenden drei bis fünf Jahren ergriffen werden sollen. Die Kommission erwartet, die Ergebnisse der Konferenz als Basis für ihre Mitteilung an das Parlament und den Rat verwenden zu können. Die Mitteilung wird eine umfassende Sprachenpolitik vorschlagen und im Laufe des Jahres 2008 veröffentlicht werden.
Zwei Aspekte der neuen EU-Strategie
Die neue Strategie wird einen „Management“-Aspekt beinhalten, der die Nachhaltigkeit der EU-Sprachenpolitik infolge der Erweiterung von 2004 betreffe. Dies teilte Pietro Petrucci, der Sprecher des Kommissars für Mehrsprachigkeit, Leonard Orban, EurActiv mit.
Petrucci gab an, dass der Großteil der Finanzierung des Mehrsprachigkeitsportfolios für Übersetzung und Dolmetschen verwandt werde. Nur 15% der Gelder ständen den eigentlichen Politiken für Mehrsprachigkeit zur Verfügung. Dies sei jedoch der Preis für die Demokratie, da der Gebrauch der eigenen Sprache und die Sicherheit, in dieser verstanden zu werden, ein EU-Recht darstelle, sagte er.
Außerdem werde die neue Strategie einen politischen Aspekt aufweisen, wobei die Kommission versuchen werde, Fragen der kulturellen und nationalen Identität mit Fragen der Wirtschaft, sowie mit Problemen, die mit der Integration von Zuwanderern in Zusammenhang stünden, in einer ‚umfassenden’ Politik zu vereinen, so Petrucci.
Persönliche Adoptivsprache
Gleichzeitig unterstützte Kommissar Orban einen Vorschlag für eine persönliche Adoptivsprache, der im Bericht
der Hochrangigen Gruppe „Mehrsprachigkeit“ enthalten ist. Orban verwies darauf, dass die Beherrschung zweier Fremdsprachen in Ergänzung zur Muttersprache das Ziel der Unionsbürger sein solle.
Eine zweite, persönliche Adoptivsprache könne als Weg dienen, die Kultur, Geschichte und Literatur des Landes, in dem die Sprache gesprochen werde, zu entdecken. Diese Sichtweise wurde vom slowenischen Bildungsminister Milan Zyer unterstützt. Zyer erklärte, dass die Idee einer persönlichen Adoptivsprache ‚das Konzept der Zukunft’ sei.
Die zweite Fremdsprache würde eine erste ergänzen, die in der Regel aus beruflichen Gründen erlernt wird. Die Konferenz betonte auch den Aspekt des lebenslangen Lernens. Es wurde festgestellt, dass Rentner, die Urlaub machten, sowie qualifizierte Arbeitskräfte den Bevölkerungsteil stellten, der von einem verstärkten Schwerpunkt auf dem Spracherwerb außerhalb der formalen Bildungswege profitieren würden.
Die Wirtschaft muss noch überzeugt werden
Doch die Wirtschaftswelt muss noch von der Umsetzbarkeit dieser Politik überzeugt werden. Viscount Etienne Davignon, Vorsitzender des Wirtschaftsforums, warnt, es sei wichtig, die richtige Balance bei der Förderung verschiedener Sprachen zu finden. Es sei einfach eine ‚Tatsache’, dass eine gemeinsame Sprache der EU-Wirtschaft zugute komme.
Obwohl Unternehmen nicht glauben, dass alle europäischen Probleme mit dem Beherrschen einer einzigen Sprache gelöst werden könnten, helfe Englisch in einer Reihe von Bereichen und besonders innerhalb von Unternehmen. Daher, so Davignon, sei es eine der Sprachen, die man beherrschen müsse.
Sprache und kulturelle Identität
Die Minister betonten die wichtige Rolle, die zum einen die Muttersprache für den Erhalt der kulturellen Identität ethnischer Minderheiten und Einwanderer und zum anderen die Sprache des Aufnahmelandes für die Förderung sozialer Integration spiele. Kommissar Orban sagte, dass der Erhalt der Muttersprache das Selbstbild junger Einwanderer im Gastland stärke.
Auf die Frage, ob der Vorschlag, eine zweite Fremdsprache zu erlernen, als Verminderung der nationalen Identität aufgefasst werden könnte, räumte Orban ein, dass Sprachen in manchen Fällen als Waffen gebraucht würden, da Mehrsprachigkeit ein sehr wichtiges und sehr politisches Thema darstellte.
Die Ideen, die im Rahmen der Konferenz vorgebracht wurden, würden in die Schlussfolgerungen zur Mehrsprachigkeit aufgenommen werden, die während des Ratstreffens im Mai 2008 von den Ministern angenommen würden, so Zyer.
Kommissar Orban betonte die Unabhängigkeit des Berichts der Hochrangigen Gruppe. Er erinnerte daran, dass Bildung in den nationalen Kompetenzbereich falle, wobei das Subsidiaritätsprinzip gewahrt werden müsse. Nichtsdestotrotz sagte Orban, dass es Probleme der EU-Institutionen gebe, die den Bereich Mehrsprachigkeit berührten. Er betonte die Notwendigkeit, die Mitgliedstaaten in den Prozess einzubeziehen.
Der slowenische Bildungsminister Milan Zyer sagte, dass Mehrsprachigkeit nicht nur ein Mittel zur Verbesserung der wirtschaftlichen Exzellenz sei, sondern eine interkulturelle Rolle spielen müsse, um die ‚Koexistenz’ der Völker zu erleichtern.
Die griechische Europaabgeordnete Katerina Batzerli, Vorsitzende des Parlamentsauschusses für Kultur und Bildung, sagte, dass Mehrsprachigkeit ein Hilfsmittel und Instrument im Alltag aller Unionsbürger sei und alle kulturellen Gruppen zusammenbringen müsse. Sie beglückwünschte Orban und die slowenischen Präsidentschaft dazu, dass sie die Initiative zur Mehrsprachigkeit ergriffen hätten. Sie sagte weiter, die Gemeinschaftsprogramme zur Mobilität von Arbeitnehmern, zu lebenslangem Lernen und Youth in Action müssten sich stärker auf Spracherwerb konzentrieren.
Der Vorsitzende des Wirtschaftsforums Viscount Etienne Davignon sagte, dass die Unternehmenswelt nur dann die EU-Politiken umsetzen könne, wenn dies schnell geschehe und ihre Umsetzbarkeit erklärt würde. Davignon forderte den die Schaffung von Netzwerken, die es Unternehmen ermöglichten, Erfahrungen auszutauschen. Er warnte davor, dass eine Politik ohne Beispiele einem Luftschloss gleichkomme.
Einen neuen Ansatz für Bildung fordernd, sagte der libanesische Autor und Vorsitzende der Group of Intellectuals on Multilingualism (Deutsch: Intellektuelle Gruppe zu Mehrsprachigkeit) Amin Maalouf, dass Sprachen nicht nach Wichtigkeit eingestuft werden könnten, da sie nicht nur Kommunikationsmittel seien. Zu einer bestimmten Sprache zu gehören, könne die Grundlage kultureller Identität sein, sagte Maalouf.
Auf die Frage, warum die Pressekonferenz, die zur Diskussion der Mehrsprachigkeitsveranstaltung einberufen worden war, nur in Englisch, Französisch, Rumänisch und Slowenisch ohne jegliche Übersetzung stattfinden konnte, sagte ein Sprecher der Kommission, eine andere Handhabung sei innerhalb des engen zeitlichen Rahmens einer Pressekonferenz ‚zu kompliziert’.
21. Februar 2008: Gemeinsamer Workshop
des Europarats und der UNESCO zu Mehrsprachigkeit in Paris.
15. April 2008: Öffentliche Anhörung zu Mehrsprachigkeit.
21. und 22. Mai 2008: Der Rat
zu Bildung, Jugend und Kultur wird Schlussfolgerungen zu Mehrsprachigkeit annehmen.
September 2008: Die Kommission wird eine neue Strategie zu Mehrsprachigkeit vorlegen.