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Abramoff-Skandal lässt Brüsseler Transparenzdebatte neu entflammen [DE]

Veröffentlicht 20. Januar 2006 - Aktualisiert 29. Januar 2010
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Transparenzaktivisten haben den Bestechungsskandal in Washington zum Anlass genommen, strengere Offenlegungsvorschriften für Brüsseler Lobbyisten zu fordern. Die Gegner derartiger Regelungen hingegen sehen den Skandal als eine Bestätigung der himmelweiten Unterschiede bei der Parteifinanzierung in Europa und den USA.

Unterdessen wird auch in der EU die Einführung strengerer Vorschriften erwägt, um für mehr Transparenz in den Beziehungen zwischen Interessenverbänden und Entscheidungsträgern in Brüssel zu sorgen. 

„Wenn wir frühzeitig handeln, könnte Europa vielleicht vermeiden, dass so etwas wie in Washington auch hier passiert“, sagte ein Sprecher von Siim Kallas, EU-Kommissar für Betrugsbekämpfung, der Financial Times am Mittwoch (18. Januar). 

Der estnische Kommissar will mit einem Grünbuch, das im Februar erscheinen soll, eine breite Transparenzdebatte anstoßen. In dem Grünbuch sollen verschiedene Fragen angesprochen werden, unter anderem, ob für Brüsseler Lobbyisten, wie in den USA, obligatorische Kontrollen gelten sollen. 

Die neuen Vorschriften, die derzeit erwägt werden, würden dem US-System sehr ähneln. Interessenverbände, PA-Firmen und Lobbyisten würden verpflichtet sein, sich in einer zentralen Datenbank zu registrieren und offen zu legen, wie viel Geld sie erhalten und von wem. 

PA-Berater jedoch lehnen dies bislang ab und betonen, dass eigene Verhaltenskodexe ausreichend Schutz gegen Fehlverhalten böten. Die Kommission und die anderen EU-Institutionen sollten bei sich und ihren Vertretern anfangen, bevor sie den PA-Bereich zur Zielscheibe machten. 

Kallas ist da anderer Meinung: „Register von Lobbying-Organisationen sind freiwillig und lückenhaft und liefern kaum Informationen über die spezifischen Interessen, die vertreten werden, und wie das finanziert wird. Eigenen Verhaltenskodexen schließen sich nur wenige an und ihnen sie sehen bislang keine ernsten Sanktionen vor“, erläuterte Kallas im Oktober 2005. 

„Das gleiche gilt für Nichtregierungsorganisationen“, fügte er hinzu. „Einige NGOs, die Mittel von der Kommission bekommen, beschreiben auf ihren Websiten, dass ihre Hauptaufgabe im ‚Lobbying der Kommission’ besteht. Die Europäische Transparenzinitiative setzt sich für mehr Transparenz in diesen Netzwerken ein“, fügte er hinzu.

Stellungnahmen: 

Die Alliance for Lobbying Transparency and Ethics Regulation (ALTER-EU), ein NGO-Bündnis, dem unter anderem Greenpeace und Friends of the Earth angehören, fordern vor dem Hintergrund des Abramoff-Skandals in den USA strengere Transparenzvorschriften für Lobbyisten in Brüssel. Am 17. Januar hat ALTER-EU einen Brief an Kommissar Kallas geschrieben, in dem es konkrete Empfehlungen macht, „um Abramoff-Skandale in Europa zu verhindern“. 

„In den USA hat der Abramoff-Skandal Parteien aller Orientierungen in Washington dazu veranlasst, eine Verschärfung bestehender US-Lobbyingvorschriften bezüglich Offenlegung und ethischem Verhalten zu fordern“, heißt es in einer Erklärung von ALTER-EU. „In Brüssel gibt es derzeit noch nicht einmal ganz elementare Vorschriften“, sagte Erik Wesselius vom Corporate Europa Observatory, einer der führenden Mitglieder von ALTER-EU. 

Das NGO-Bündnis drängt die Kommission, die obligatorische Registrierung für Brüsseler Lobbyisten schleunigst einzuführen „anstatt darauf zu warten, dass diese mit unwirksamen freiwilligen Kodexe kommen“. Die Registrierung würde bedeuten, dass Lobbyfirmen offen legen, welche Beträge sie erhalten, um die Positionen ihrer Kunden Politikern darzulegen. Einzelne Unternehmen, NGOs und Gewerkschaften, die ihre eigene Lobby in Brüssel betreiben, würden der gleichen Regelung unterliegen, um „gleichen Zugang verschiedener Interessengruppen zu EU-Entscheidungsprozessen zu gewährleisten“. 

Darüber hinaus schlägt ALTER-EU vor, dass eine „unabhängige öffentliche Einrichtung“ ins Leben gerufen wird, welche über die „notwendigen Befugnisse verfügt, um als öffentlicher Wächter von Lobbytransparenz und Ethik agieren zu können“. Diese Einrichtung könnte beispielsweise die Form einer „neuen Lobbytransparenzabteilung im Büro des Europäischen Bürgerbeauftragten“ annehmen. 

Diese Forderungen fallen indes nicht überall auf guten Boden. So erklärte die Society of European Affairs Professionals (SEAP), die Mitarbeiter von PA-Firmen und Unternehmenslobbyisten in Brüssel vertritt, dass ihr eigener Verhaltenskodex „die Verwendung finanzieller Instrumente ausdrücklich verbietet“. Die European Public Affairs Consultancies’ Association (EPACA) zieht ebenfalls Selbstregulierung vor, „weil sie bis jetzt ihre Wirksamkeit demonstriert hat“. 

In der Tat hat es in Brüssel bislang noch keinen Skandal vergleichbaren Umfangs gegeben. SEAP verweist in diesem Zusammenhang auf grundlegende Unterschiede bei der Parteifinanzierung in Europa und den USA. 

„Die EU-Lobbytradition unterscheidet sich stark von den USA. Lobbying in der EU zielt darauf ab, mit Argumenten und Daten Einfluss auf die Gesetzgebung auszuüben, anstatt Mittel für Politiker und politische Parteien aufzutreiben“, erläuterte SEAP. Deshalb sollte man „aus diesem konkreten Fall der Lobby-Ausschweifungen keine Schlüsse für europäische Berufslobbyisten ziehen“.

Nächste Schritte: 
  • Das Grünbuch zur Europäischen Transparenzinitiative soll Anfang Februar erscheinen. 
  • Die Kommission könnte ihren Gesetzentwurf nach Abschluss der Konsultation vorlegen.
Hintergrund : 

Jack Abramoff, ein den Republikanern nahe stehender Lobbyist in Washington, könnte nach Enthüllungen, dass er mehrere Mitglieder des US-Kongresses im Interesse seiner Klienten bestochen hat, einen der größten Korruptionsskandale in der US-Geschichte ausgelöst haben. Am 3. und 4. Januar hat sich Abramoff der Steuerhinterziehung, des Betrugs und der Bestechung öffentlicher Angestellter schuldig bekannt.

Aufgrund des Skandals hat sich Tom DeLay, Fraktionsvorsitzender der Republikaner im US-Repräsentantenhaus, am 7. Januar gezwungen gesehen zurückzutreten. Der republikanische Sprecher des Repräsentantenhauses Dennis Hastert kündigte am darauf folgenden Tag an, die bereits strengen Vorschriften, die das Verhältnis zwischen Lobbyisten und Kongressmitgliedern regeln, zu verschärfen. Hastert selbst hatte 60.000 US-Dollar von Abramoff erhalten, diese aber wieder zurückgegeben. Der Skandal zieht immer weitere Ringe. Nun wird auch der demokratische Senator Harry Reid beschuldigt, Bestechungsgelder in Höhe von tausenden Dollar von Abramoff angenommen zu haben.

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